Angemessenheitsgrenze der Heizkosten

Für die Fest­set­zung der Ange­mes­sen­heits­gren­ze für Heiz­kos­ten kön­nen nicht Durch­schnitts­wer­te zugrun­de gelegt werden.

Zur Ermitt­lung eines Grenz­wer­tes für ange­mes­se­ne Heiz­kos­ten ist das Com­pu­ter­pro­gramm „Hei­kos” ungeeignet.

Zu über­neh­men sind Heiz­kos­ten bis zu einer Gren­ze des sich unter Anwen­dung des bun­des­wei­ten Heiz­spie­gels (bei Feh­len eines regio­na­len Heiz­spie­gels) erge­ben­den Wer­tes für „extrem hohen” bzw. „zu hohen” Heizenergieverbrauch.

So die Ent­schei­dung des Sozi­al­ge­richts Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Streits über die Höhe der zu berück­sich­ti­gen­den Heiz­kos­ten bei Bezug von Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach dem SGB II. Der 1965 gebo­re­ne Klä­ger steht seit Anfang 2005 mit Unter­bre­chun­gen im Bezug von Leis­tun­gen nach dem SGB II beim Beklag­ten. Er bewohnt eine Ein-Zim­mer-Woh­nung der Obdach­lo­sen- und Flücht­lings­un­ter­kunft der Stadt F. mit einer Grö­ße von 34,09 Qua­drat­me­tern zu monat­li­chen Benut­zungs­ge­büh­ren in Höhe von 259,42 EUR. Die Warm­was­ser­be­rei­tung erfolgt über Elek­tro­boi­ler. Für Heiz­kos­ten hat der Klä­ger monat­lich Abschlags­zah­lun­gen für Gas an die Stadt­wer­ke F. zu ent­rich­ten. Für die Zeit ab Novem­ber 2007 waren Abschlä­ge in Höhe von 64,00 EUR festgesetzt.

Mit Ände­rungs­be­scheid vom 17.10.2007 setz­te der Beklag­te für die Zeit vom 01.11.2007 bis 29.02.2008 Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts unter Berück­sich­ti­gung von Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung in Höhe von 316,89 EUR fest. Die Heiz­kos­ten wür­den ab Novem­ber 2007 in Höhe von 64,00 EUR berück­sich­tigt. Es wer­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Heiz­kos­ten anhand der letz­ten Neben­kos­ten­ab­rech­nung unan­ge­mes­sen hoch sei­en. Der Klä­ger wer­de auf­ge­for­dert, die­se Kos­ten zu sen­ken, da bei der nächs­ten Heiz­kos­ten­ab­rech­nung nur noch die ange­mes­se­nen Kos­ten berück­sich­tigt wer­den könn­ten. Als ange­mes­sen gel­te im Fal­le des Klä­gers eine monat­li­che Heiz­kos­ten­pau­scha­le von 52,65 EUR. Den dage­gen ein­ge­leg­ten Wider­spruch wies der Beklag­te als unzu­läs­sig zurück. Im dar­auf­fol­gen­den Kla­ge­ver­fah­ren schlos­sen die Betei­lig­ten einen Ver­gleich, wonach der Beklag­te zusag­te, die Heiz­kos­ten des Klä­gers in tat­säch­li­cher Höhe zu über­neh­men, solan­ge dem Klä­ger unwirt­schaft­li­ches Hei­zen nicht nach­ge­wie­sen wer­de. Der Klä­ger sag­te zu, die Heiz­kos­ten im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten gering zu halten.

Mit Ände­rungs­be­scheid vom 15.10.2008 setz­te der Beklag­te die Leis­tun­gen für die Zeit vom 01.11.2008 bis 28.02.2009 auf 657,79 EUR monat­lich neu fest (351,00 EUR Regel­leis­tung, 306,79 EUR Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung). Ab Novem­ber 2008 wer­de der Gas­ab­schlag auf den Maxi­mal­be­trag von 54,00 EUR gekürzt. Da der Gesamt­ver­brauch im Gegen­satz zum Vor­jahr um 4.712 kWh gestie­gen sei, wer­de von unwirt­schaft­li­chem Ver­hal­ten aus­ge­gan­gen. Nach Ein­le­gung eines Wider­spruchs teil­te die Beklag­te mit, es wür­den rück­wir­kend die Neben­kos­ten in vol­ler Höhe über­nom­men, da die Pau­scha­le für Warm­was­ser­auf­be­rei­tung nicht abge­zo­gen wer­de. Mit Wider­spruchs­be­scheid vom 18.12.2008 über­nahm die Beklag­te ledig­lich die ange­mes­se­nen Heiz­kos­ten mit Abschlags­zah­lun­gen in höhe von 61,00 EUR. Dar­auf­hin hat der Klä­ger Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Stutt­gart erho­ben. Es sei­en nicht die schwie­ri­gen Hei­zungs­mög­lich­kei­ten (Alt­bau, schlecht iso­liert, kal­ter Kel­ler, Woh­nung im Erd­ge­schoss) beach­tet worden.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung führt das Sozi­al­ge­richt Stutt­gart aus, dass gemäß § 48 Abs. 1 Satz 1 SGB X ein Ver­wal­tungs­akt mit Wir­kung für die Zukunft auf­zu­he­ben ist, soweit in den tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Ver­hält­nis­sen, die beim Erlass eines Ver­wal­tungs­ak­tes mit Dau­er­wir­kung vor­ge­le­gen haben, eine wesent­li­che Ände­rung ein­tritt. Der Ver­wal­tungs­akt ist mit Wir­kung vom Zeit­punkt der Ände­rung der Ver­hält­nis­se auf­zu­he­ben, soweit die Ände­rung zuguns­ten des Betrof­fe­nen erfolgt (§ 48 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB X in Ver­bin­dung mit §§ 40 Abs. 1 Nr. 1 SGB II in der bis 31.03.2011 gel­ten­den Fas­sung, 330 Abs. 3 Satz 1 SGB III).

Durch Neu­fest­set­zung der ab 01.11.2008 vom Klä­ger monat­lich zu zah­len­den Gas­ab­schlä­ge durch die Stadt­wer­ke F. ist nach Erlass des Bewil­li­gungs­be­schei­des vom 31.07.2008 eine wesent­li­che Ände­rung in den tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen zuguns­ten des Klä­gers inso­weit ein­ge­tre­ten, als der Klä­ger ab 01.11.2008 Anspruch auf Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung in Höhe von 335,42 EUR (anstel­le von zuvor 316,79 EUR) hat.

Dem Klä­ger ent­ste­hen für die Zeit ab 01.11.2008 monat­lich Auf­wen­dun­gen für die Unter­kunft in Höhe von 259,42 EUR und für Heiz­kos­ten in Höhe von 93,00 EUR.

Nach § 22 Abs. 1 SGB II in der Fas­sung des Geset­zes zur Fort­ent­wick­lung der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 20.07.2006 wer­den Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung in Höhe der tat­säch­li­chen Auf­wen­dun­gen erbracht, soweit die­se ange­mes­sen sind.

Dass die Benut­zungs­ge­büh­ren nicht ange­mes­sen wären, ist weder nach dem Miet­spie­gel für die Stadt F. noch nach der Tabel­le zu § 8 Wohn­geld­ge­setz ersicht­lich und wur­de vom Beklag­ten auch nicht behaup­tet. Der Beklag­te hat die Benut­zungs­ge­büh­ren in Höhe von 259,42 EUR zutref­fend in tat­säch­li­cher Höhe berücksichtigt.

Die Heiz­kos­ten des Klä­gers sind mit 93,00 EUR für Abschlags­zah­lun­gen unan­ge­mes­sen. Ange­mes­sen und zu berück­sich­tig­ten sind Heiz­kos­ten in Höhe von 76,00 EUR und nicht – wie der Beklag­te meint – nur in Höhe von 61,00 EUR. Bei der Ange­mes­sen­heits­prü­fung ist ein kon­kret-indi­vi­du­el­ler Maß­stab anzu­le­gen, wobei die Ange­mes­sen­heits­prü­fung getrennt von der Prü­fung der Ange­mes­sen­heit der Unter­kunfts­kos­ten zu erfol­gen hat 1. Die tat­säch­lich anfal­len­den Kos­ten sind als ange­mes­sen anzu­se­hen, soweit sie nicht einen Grenz­wert über­schrei­ten, der unan­ge­mes­se­nes Hei­zen indiziert.

Aller­dings kann ein sol­cher Grenz­wert nicht anhand des von dem Beklag­ten ange­wand­ten Com­pu­ter­pro­gram­mes „Hei­kos“ ermit­telt wer­den. Zwar hält es das Sozi­al­ge­richt nicht für aus­ge­schlos­sen, auch eine kon­kret-indi­vi­du­el­le Ange­mes­sen­heits­gren­ze anhand eines Berech­nungs­ver­fah­rens zu ermit­teln, in wel­ches reprä­sen­ta­tiv erho­be­ne Daten zum Heiz­wär­me­be­darf nach Gebäu­de­al­ter und –typ und Nut­zungs­gra­de ein­zel­ner Heiz­sys­te­me ein­ge­stellt und die kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen, Ener­gie­quel­le und kon­kre­te Prei­se des Ener­gie­ver­sor­gers berück­sich­tigt wer­den. Für nicht zuläs­sig erach­tet es das Sozi­al­ge­richt jedoch, eine Ange­mes­sen­heits­ober­gren­ze anhand von Durch­schnitts­wer­ten für ein­zel­ne Berech­nungs­pos­ten zu bil­den. So legt die Berech­nungs­me­tho­de des Beklag­ten für die Berech­nungs­pos­ten „Bau­al­ter“, „Wär­me­däm­mung“ und „Wir­kungs­grad der Hei­zungs­an­la­ge“ einen von der For­schungs­stel­le für Ener­gie­wirt­schaft e.V. ermit­tel­ten durch­schnitt­li­chen Heiz­wär­me­be­darf in West­deutsch­land nach Gebäu­de­al­ter und Gebäu­de­typ sowie die durch­schnitt­li­chen Jah­res­nut­zungs­gra­de der Heiz­sys­te­me in deut­schen Haus­hal­ten zugrun­de. Dabei wer­den die kon­kre­ten Ver­hält­nis­se (Flä­che der Fens­ter, Lage der Woh­nung im Haus, Flä­che der Außen­wän­de, Dämm­wert der Fens­ter) des zu beur­tei­len­den Haus­halts nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt. Ins­be­son­de­re ist zu beden­ken, dass Hil­fe­be­dürf­ti­gen im Rah­men der Ange­mes­sen­heit der Unter­kunfts­kos­ten ledig­lich Wohn­raum zuge­stan­den wird, der nach Aus­stat­tung, Lage und Bau­sub­stanz ein­fa­chen und grund­le­gen­den Bedürf­nis­sen genügt und kei­nen geho­be­nen Wohn­stan­dard auf­weist 2. Dem­entspre­chend wird der Wohn­raum Hil­fe­be­dürf­ti­ger typi­scher­wei­se eher einen unter­durch­schnitt­li­chen Ener­gie­stan­dard auf­wei­sen. Wür­den die als ange­mes­se­nen ange­se­he­nen Heiz­kos­ten gleich­wohl auf Durch­schnitts­wer­te begrenzt, wür­de dem Hil­fe­be­dürf­ti­gen ein über­durch­schnitt­li­ches Ener­gie­spar­ver­hal­ten abver­langt wer­den. Dies kann jedoch nicht Maß­stab für die Fest­le­gung einer Ange­mes­sen­heits­gren­ze von Heiz­kos­ten sein. Auch lässt der Ansatz eines Durch­schnitts­wer­tes außer Acht, dass auch die über dem Durch­schnitts­wert lie­gen­den Heiz­wär­me­be­darfs­wer­te in die Ermitt­lung des Durch­schnitts­werts als reprä­sen­ta­ti­ve Daten ein­flie­ßen. Dem­entspre­chend dürf­ten jedoch nur Heiz­wär­me­be­darfs­wer­te, die über den in die Ermitt­lung des Durch­schnitts­wer­tes ein­ge­flos­se­nen Wer­ten lie­gen, gege­be­nen­falls berei­nigt um „Aus­rei­ßer“, als unty­pisch bzw. unan­ge­mes­sen ange­se­hen wer­den kön­nen. Des Wei­te­ren wird bei der Berech­nungs­me­tho­de des Beklag­ten bei Ansatz der Grad­tags­zah­len von einer durch­schnitt­li­chen Raum­tem­pe­ra­tur von 20 Grad Cel­si­us und einer Nacht­ab­sen­kung von 22.00 Uhr bis 06.00 Uhr aus­ge­gan­gen. Hier­bei bleibt unbe­rück­sich­tigt, dass der kon­kre­te Bau­zu­stand der Woh­nung (Raum­feuch­tig­keit, Zug­luft), aber auch die indi­vi­du­el­le Behag­lich­keits­tem­pe­ra­tur und die indi­vi­du­el­len Lebens­ver­hält­nis­se höhe­re Tem­pe­ra­tu­ren erfor­dern kön­nen, ohne dass die höhe­re Raum­tem­pe­ra­tur sogleich ein unan­ge­mes­se­nes bzw. unwirt­schaft­li­ches Heiz­ver­hal­ten bedingt. Ins­be­son­de­re ist nicht erkenn­bar, war­um bei­spiels­wei­se bei einer Raum­tem­pe­ra­tur von 21 Grad Cel­si­us ein unan­ge­mes­se­nen Heiz­ver­hal­ten ange­nom­men wer­den soll­te. Die Ein­stel­lung einer höhe­ren Raum­tem­pe­ra­tur bei Ermitt­lung der ange­mes­se­nen Heiz­kos­ten sieht das Berech­nungs­pro­gramm des Beklag­ten jedoch nur bei Vor­lie­gen medi­zi­ni­scher Grün­de vor. Letzt­end­lich kommt die Berech­nungs­me­tho­de des Beklag­ten durch den Ansatz von Durch­schnitts­wer­ten auch einer Pau­scha­lie­rung der Heiz­kos­ten gleich, was jedoch dem Ver­ord­nungs­ge­ber vor­be­hal­ten ist 3.

Dass die vom Beklag­ten ange­wand­te Berech­nungs­me­tho­de zur Ermitt­lung der ange­mes­se­nen Heiz­kos­ten untaug­lich ist, bedeu­tet jedoch nicht, dass die Heiz­kos­ten in jedem Fal­le und in jeder Höhe zu über­neh­men sind. Ekla­tant kost­spie­li­ges oder unwirt­schaft­li­ches Hei­zen ist auch vom Grund­si­che­rungs­trä­ger nicht zu finan­zie­ren. Anhalts­punk­te dafür, dass die Heiz­kos­ten unan­ge­mes­sen hoch sind, kön­nen sich ins­be­son­de­re dar­aus erge­ben, dass die tat­säch­lich anfal­len­den Kos­ten die durch­schnitt­lich auf­ge­wand­ten Kos­ten aller Ver­brau­cher für eine Woh­nung der den abs­trak­ten Ange­mes­sen­heits­kri­te­ri­en ent­spre­chen­den Grö­ße signi­fi­kant über­schrei­ten 4. In Anschluss an die Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts hält es das Sozi­al­ge­richt Stutt­gart zur Bestim­mung eines sol­chen Grenz­wer­tes für den Regel­fall einer mit Öl, Erd­gas oder Fern­wär­me beheiz­ten Woh­nung für mög­lich, die von der co2online gGmbH in Koope­ra­ti­on mit dem Deut­schen Mie­ter­bund erstell­ten und durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Umwelt, Natur­schutz und Reak­tor­si­cher­heit geför­der­ten „Kom­mu­na­len Heiz­spie­gel“ bzw. – soweit, wie hier, die­se für das Gebiet des jewei­li­gen Trä­gers feh­len – den „Bun­des­wei­ten Heiz­spie­gel“ her­an­zu­zie­hen 5.

Aus dem „Bun­des­wei­ten Heiz­spie­gel“, der auf bun­des­weit erho­be­nen Heiz­da­ten von rund 63.000 zen­tral beheiz­ten Wohn­ge­bäu­den basiert, was hin­rei­chend reprä­sen­ta­tiv erscheint und der seit 2005 jähr­lich ver­öf­fent­licht wird, erge­ben sich Ver­gleichs­wer­te für öl‑, erd­gas- und fern­wär­me­be­heiz­te Woh­nun­gen gestaf­felt nach der von der jewei­li­gen Hei­zungs­an­la­ge zu behei­zen­den Wohn­flä­che, die hin­sicht­lich des Heiz­ener­gie­ver­brauchs zwi­schen „opti­mal“, „durch­schnitt­lich“, „erhöht“ und „extrem hoch“ unter­schei­den. Der Grenz­wert, der zugrun­de zu legen ist, ist das Pro­dukt aus dem Wert, der auf „extrem hohe“ Heiz­kos­ten bezo­gen auf den jewei­li­gen Ener­gie­trä­ger und die Grö­ße der Wohn­an­la­ge hin­deu­tet, und dem Wert, der sich für den Haus­halt des Hil­fe­be­dürf­ti­gen als abs­trakt ange­mes­se­ne Wohn­flä­che nach den Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen der Län­der zu § 10 Abs. 1 Wohn­raum­för­de­rungs­ge­setz (WoFG) bzw. § 5 Abs. 2 Woh­nungs­bin­dungs­ge­setz a.F. (WoBindG) ergibt 6.

Der Grund­si­che­rungs­emp­fän­ger kann also im Regel­fall die tat­säch­li­chen Heiz­kos­ten nur bis zur Ober­gren­ze aus dem Pro­dukt des Wer­tes für extrem hohe Heiz­kos­ten mit der ange­mes­se­nen Wohn­flä­che (in Qua­drat­me­tern) gel­tend machen. Soweit die kon­kret gel­tend gemach­ten tat­säch­li­chen Heiz­kos­ten den auf die­ser Daten­grund­la­ge zu ermit­teln­den Grenz­wert über­schrei­ten, besteht Anlass zu der Annah­me, dass die­se Kos­ten auch unan­ge­mes­sen hoch im Sin­ne des § 22 Abs. 1 Satz 1 SGB II sind, nach­dem die gewähl­te Gren­ze bereits unwirt­schaft­li­ches und ten­den­zi­ell unöko­lo­gi­sches Heiz­ver­hal­ten berück­sich­tigt. Dar­über hin­aus­ge­hen­de Heiz­kos­ten ent­ste­hen dann offen­sicht­lich aus einem Ver­brauch, der dem all­ge­mei­nen Heiz­ver­hal­ten in der Bevöl­ke­rung nicht mehr ent­spricht. Ein Grenz­wert auf Grund­la­ge der ungüns­tigs­ten Ver­brauchs­ka­te­go­rie trägt dabei – ent­ge­gen der Berech­nungs­me­tho­de des Beklag­ten – dem Gesichts­punkt Rech­nung, dass die im Ein­zel­fall ent­ste­hen­den Heiz­kos­ten von Fak­to­ren abhän­gen, die dem Ein­fluss des Hil­fe­su­chen­den weit­ge­hend ent­zo­gen sind. Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II, deren ange­mes­se­ne Auf­wen­dun­gen für die Unter­kunft sich an Woh­nun­gen des unte­ren Markt­seg­ments ori­en­tie­ren, dürf­ten dabei typi­scher­wei­se älte­ren Wohn­raum mit einem unter­durch­schnitt­li­chen Ener­gie­stan­dard nut­zen. Soweit jedoch der genann­te Grenz­wert erreicht ist, sind auch von einem Hil­fe­be­dürf­ti­gen Maß­nah­men zu erwar­ten, die zur Sen­kung der Heiz­kos­ten füh­ren. Es obliegt in sol­chen Fäl­len dann dem Hil­fe­su­chen­den, kon­kret vor­zu­brin­gen, war­um sei­ne Auf­wen­dun­gen für die Hei­zung über dem Grenz­wert lie­gen, im jewei­li­gen Ein­zel­fall aber gleich­wohl noch als ange­mes­sen anzu­se­hen sind 7.

Nach die­sen Maß­stä­ben stel­len die monat­li­chen Gas­ab­schlags­zah­lun­gen des Klä­gers in Höhe von 93,00 EUR im strei­ti­gen Zeit­raum kei­ne ange­mes­se­nen Heiz­kos­ten dar. Als ange­mes­se­nen sind noch Abschlags­zah­lun­gen bis zu 76,00 EUR anzu­se­hen, wel­che als Bedarf bei den Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung zu berück­sich­ti­gen sind.

Die­sen Wert hat das Sozi­al­ge­richt Stutt­gart aus den bun­des­wei­ten Heiz­spie­geln für die Abrech­nungs­jah­re 2007 8 und 2008 9 in Ver­bin­dung mit der Jah­res­ab­rech­nung des Klä­gers für Gas für die Zeit von 31.08.2007 bis 02.09.2008 ermit­telt. Dabei hat das Sozi­al­ge­richt Stutt­gart – anders als das Bun­des­so­zi­al­ge­richt 10 – nicht die dem Heiz­spie­gel zu ent­neh­men­den Beträ­ge für „extrem hohe“ (Heiz­spie­gel für Abrech­nungs­jahr 2007) bzw. „zu hohe“ (Heiz­spie­gel für Abrech­nungs­jahr 200) Heiz­kos­ten als Ver­gleichs­maß­stab ange­setzt, son­dern die ent­spre­chen­den Heiz­ener­gie­ver­brauchs­wer­te ange­setzt. Denn zur Über­zeu­gung des Sozi­al­ge­richts kann jeden­falls im Fal­le von durch öffent­li­che Ener­gie­ver­sor­ger gelie­fer­tes Erd­gas oder fern­be­heiz­te Gebäu­de, eben­so wie bei heiz­öl­be­heiz­ten Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern, für die Bewer­tung der Ange­mes­sen­heit der Kos­ten nur auf die Ange­mes­sen­heit des Ener­gie­ver­brauch abge­stellt wer­den. Ledig­lich der Ver­brauch ist in die­sen Fäl­len durch den Hil­fe­be­dürf­ti­gen unmit­tel­bar steu­er­bar. Die Höhe der zusätz­lich anfal­len­den Grund­kos­ten ist dage­gen nicht ver­brauchs­ab­hän­gig und nicht vom Hil­fe­be­dürf­ti­gen zu beein­flus­sen. Die­se Kos­ten in die Ermitt­lung der Ange­mes­sen­heits­gren­ze ein­zu­be­zie­hen ist daher nicht gerecht­fer­tigt. Dies mag in Fäl­le, in denen die Heiz­kos­ten allein aus dem ver­brauch­ten Heiz­ma­te­ri­al bestehen und der Hil­fe­be­dürf­ti­ge den Lie­fe­ran­ten als auch den Lie­fer­zeit­punkt frei wäh­len kann, etwa bei ölbe­heiz­ten Ein­fa­mi­li­en­häu­sern mit eige­nem Öltank, so dass der Hil­fe­be­dürf­ti­ge es in der Hand hat, das Heiz­ma­te­ri­al mög­lichst güns­tig zu beschaf­fen, anders sein. Dar­über hat das Sozi­al­ge­richt hier jedoch nicht zu befinden.

Der Heiz­spie­gel für das Abrech­nungs­jahr 2007 nennt für einen „extrem hohen“ Ver­brauch für erd­gas­be­heiz­te Gebäu­de mit einer Wohn­flä­che von 100 bis 250 Qua­drat­me­tern (m²) mehr als 227 Kilo­watt­stun­den (kWh) je m² und Jahr. Der Heiz­spie­gel für das Abrech­nungs­jahr 2008 weist einen ent­spre­chen­den Wert für einen „zu hohen“ Ver­brauch von 236 kWh aus. Dar­aus ergibt sich bei einer für einen Ein­per­so­nen­haus­halt ange­mes­se­nen Woh­nungs­grö­ße von 45 m² 11 ein maxi­mal ange­mes­se­ner Ver­brauch für das Jahr 2007 von 10.215 kWh und für das Jahr 2008 von 10.620 kWh. Die den im strei­ti­gen Zeit­raum zu zah­len­den Heiz­kos­ten­ab­schlä­gen zugrun­de­lie­gen­de Jah­res­ab­rech­nung vom 18.09.2008 bezieht sich auf die Zeit vom 31.08.2007 bis 31.12.2007 (123 Tage) und vom 01.01.2008 bis 02.09.2008 (246 Tage). Für den Zeit­raum vom 31.08.2007 bis 31.12.2007 beträgt der ange­mes­se­nen Ver­brauch nach dem Heiz­spie­gel 3.442,31507 kWh (10.215 kWh /​ 365 Tage x 123 Tage), für den Zeit­raum vom 01.01.2008 bis 02.09.2008 7.138,03279 kWh (10.620 kWh /​ 366 Tage x 246 Tage). Mul­ti­pli­ziert mit Ver­brauchs­kos­ten im Jahr 2007 von 5,54 ct/​kWh gemäß der Jah­res­ab­rech­nung bzw. im Jahr 2008 von 6,02 ct/​kWh errech­nen sich ange­mes­se­nen Ver­brauchs­kos­ten vom 190,70 EUR für die Zeit von 31.08.2007 bis 31.12.2007 und von 429,71 EUR für die Zeit vom 01.01.2008 bis 02.09.2008. Bei Hin­zu­rech­nung der Grund­kos­ten von 27,30 EUR für die Zeit vom 31.08.2007 bis 31.12.2007 und von 54,44 EUR für die Zeit vom 01.01.2008 bis 02.09.2008 ergibt sich ein Betrag für ange­mes­se­ne Heiz­kos­ten von 702,15 EUR zuzüg­lich 19 % Mehr­wert­steu­er (133,41 EUR), mit­hin von 835,56 EUR. Anhand des tat­säch­li­chen Jah­res­ab­rech­nungs­be­tra­ges in Höhe von 1.006,48 EUR haben die Stadt­wer­ke F. 11 Abschlag­zah­lun­gen zu je 93,00 EUR fest­ge­setzt. Über­tra­gen auf die maxi­mal ange­mes­se­nen Heiz­kos­ten von 835,56 EUR erge­ben sich maxi­mal ange­mes­se­nen Abschlag­zah­lun­gen in Höhe von 76,00 EUR.

Der Klä­ger hat einen Anspruch auf Berück­sich­ti­gung der Heiz­kos­ten bis zu dem Grenz­wert von monat­lich 76,00 EUR. Soweit der Klä­ger dar­über hin­aus die Berück­sich­ti­gung von Heiz­kos­ten in Höhe von 93,00 EUR monat­lich begehrt, ist die Kla­ge unbe­grün­det und war abzuweisen.

Kon­kre­te Aus­füh­run­gen, war­um die über die­sen Betrag hin­aus­ge­hen­den Heiz­kos­ten im Ein­zel­fall des Klä­gers gleich­wohl als ange­mes­se­nen zu bewer­ten sein soll­ten, hat der Klä­ger nicht gemacht. Den vom Klä­ger vor­ge­brach­ten Tat­sa­chen, sei­ne Woh­nung lie­ge im Erd­ge­schoss über einem kal­ten Kel­ler und bei dem Gebäu­de han­de­le es sich um einen schlecht iso­lier­ten Alt­bau, ist bereits dadurch Rech­nung getra­gen, dass für die Ermitt­lung des Grenz­wer­tes auf die ungüns­tigs­te Ver­brauchs­ka­te­go­rie des Heiz­spie­gels abge­stellt wor­den ist, weil davon aus­ge­gan­gen wird, dass Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II typi­scher­wei­se älte­ren Wohn­raum mit einem unter­durch­schnitt­li­chen Ener­gie­stan­dard nut­zen. Den Grenz­wert über­stei­gen­de Heiz­kos­ten erklä­ren sich auch anhand der Anga­ben des Klä­gers, die Wohn­raum­hö­he lie­ge bei etwa 2,40 Metern und die Fens­ter sei­en dop­pelt ver­glast, nicht. Grün­de für das Anfal­len von Heiz­kos­ten über dem Grenz­wert sind sonach nicht ersicht­lich, so dass davon aus­zu­ge­hen ist, dass die dar­über­hin­aus­ge­hen­den Kos­ten unan­ge­mes­sen und damit nicht zu berück­sich­ti­gen sind.

Der Beklag­te hat­te den Klä­ger bereits im Okto­ber 2007, also zeit­nah nach Beginn des für die im strei­ti­gen Bewil­li­gungs­zeit­raum zu zah­len­den Abschlags­zah­lun­gen maß­geb­li­chen Abrech­nungs­zeit­raums, auf die Unan­ge­mes­sen­heit sei­ner (dama­li­gen) Heiz­kos­ten hin­ge­wie­sen. Dass der zu die­ser Zeit vom Beklag­ten als ange­mes­se­nen genann­te Betrag nicht den hier als ange­mes­sen ermit­tel­ten Kos­ten ent­sprach, ist schon des­halb uner­heb­lich, weil der Grenz­wert für die ange­mes­se­nen Heiz­kos­ten ins­be­son­de­re durch jähr­lich unter­schied­li­che Wit­te­rungs­ver­hält­nis­se und häu­fi­ge Preis­ver­än­de­run­gen vari­iert und die Benen­nung eines kon­kre­ten Betra­ges für zukünf­ti­ge Abschlags­zah­lun­gen nicht mög­lich ist. Der Klä­ger hat Heiz­ener­gie in unan­ge­mes­se­nem Umfang ver­braucht und Kos­ten über dem Grenz­wert ent­ste­hen las­sen, obwohl er auf­grund des Hin­wei­ses des Beklag­ten zu spar­sa­mem Heiz­ener­gie­ver­brauch ange­hal­ten war und hin­sicht­lich der Nicht­über­nah­me nicht ange­mes­se­ner Kos­ten gewarnt war. Von einer Unmög­lich­keit oder Unzu­mut­bar­keit der Sen­kung der Heiz­kos­ten auf einen ange­mes­se­nen Betrag und der Fol­ge der wei­te­ren Über­nah­me der tat­säch­li­chen Heiz­kos­ten kann vor die­sem Hin­ter­grund nicht aus­ge­gan­gen werden.

Sozi­al­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 12. Dezem­ber 2011 – S 18 AS 8899/​08

  1. vgl. dazu mit aus­führ­li­cher Begrün­dung, wel­cher sich die Kam­mer voll­um­fäng­lich anschließt: BSG, Urteil vom 02.07.2009 – B 14 AS 33/​08 R[]
  2. vgl. BSG, Urteil vom 07.11.2006 – B 7b AS 18/​06 R[]
  3. vgl. § 27 Nr. 1 SGB II in der Fas­sung des Geset­zes zur Fort­ent­wick­lung der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 20.07.2006; vgl. auch BSG, Urteil vom 02.07.2009 – B 14 AS 33/​08 R[]
  4. BSG, a.a.O.[]
  5. vgl. BSG a.a.O. m.w.N., auch BSG, Urteil vom 13.04.2011 – B 14 AS 32/​09 R m.w.N.[]
  6. BSG, Urteil vom 02.07.2009 – B 14 AS 33/​08 R[]
  7. vgl. BSG, Urteil vom 02.07.2009 – B 14 AS 33/​08 R[]
  8. „Der Bun­des­wei­te Heiz­spie­gel – Ver­gleichs­wer­te zu Heiz­ener­gie­ver­brauch und Heiz­kos­ten für das Abrech­nungs­jahr 2007“[]
  9. „Heiz­spie­gel bun­des­weit 2009 – Ver­gleichs­wer­te zu Heiz­ener­gie­ver­brauch, Heiz­kos­ten und CO2-Emis­sio­nen“[]
  10. z.B. BSG, Urteil vom 20.08.2009 – B 14 AS 65/​08 R und Urteil vom 02.07.2009 – B 14 AS B 14 AS 33/​08 R[]
  11. vgl. Ver­wal­tungs­vor­schrift des Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums zur Siche­rung der Bin­dung in der sozia­len Wohn­raum­för­de­rung vom 12.02.2002, GABl. S. 240/​245, i.d.F. der Ver­wal­tungs­vor­schrift vom 22.01.2004, GABl. S. 248[]