Bedarfsgemeinschaft mit Unionsbürger

Ist ein Part­ner der Bedarfs­ge­mein­schaft als Uni­ons­bür­ger von Leis­tungs­be­zug nach dem SGB II aus­ge­schlos­sen, dann erfolgt kei­ne Kür­zung der Regel­leis­tung des ande­ren Part­ners nach § 20 Abs. 3 SGB II auf 90%.

So urteil­te das Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he in dem hier vor­lie­gen­den Fall. Der Klä­ger erhält von der Beklag­ten Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach dem SGB II. Nach­dem Frau X am 4. bzw. 8. Juni 2009 in sei­ne Woh­nung ein­ge­zo­gen war, wur­den die Leis­tun­gen gekürzt. Hier­ge­gen ist Kla­ge erho­ben wor­den. Der Klä­ger wen­det sich im Wege des Zuguns­ten­ver­fah­rens gegen die teil­wei­se Auf­he­bung eines frü­he­ren Bewil­li­gungs­be­scheids und die Her­ab­set­zung sei­nes Regel­be­darfs für Juli und August 2009.

Der Anspruch auf Rück­nah­me folgt aus § 44 Abs. 1 Satz 1 SGB X. Danach ist ein Ver­wal­tungs­akt, bei des­sen Erlass das Recht unrich­tig ange­wandt wor­den ist und soweit des­halb Sozi­al­leis­tun­gen zu Unrecht nicht erbracht wor­den sind, auch nach Unan­fecht­bar­keit mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit zurück­zu­neh­men.

Nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts ist der zu über­prü­fen­de Ände­rungs­be­scheid vom 24.06.2009 zu Unrecht ergan­gen. Unab­hän­gig davon, dass frag­lich ist, ob eine end­gül­ti­ge Bewil­li­gung nach­träg­lich in eine vor­läu­fi­ge abge­än­dert wer­den darf, hat der Klä­ger im Juli und August wei­ter­hin Anspruch auf Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts bei einem (unge­kürz­ten) monat­li­chen Bedarfs­satz von 359 EUR gehabt. Nach § 20 Abs. 2 Satz 1 SGB II i.V.m. der Bekannt­ma­chung über die Höhe der Regel­leis­tung nach § 20 Absatz 2 Satz 1 SGB II für die Zeit ab 1. Juli 2009 vom 17.06.2009 hat die monat­li­che Regel­leis­tung für Per­so­nen, die allein ste­hend oder allein erzie­hend sind oder deren Part­ner min­der­jäh­rig ist, im Juli und August 2009 359 EUR betra­gen. Nach § 20 Abs. 3 SGB II hat die Regel­leis­tung jeweils 90 vom Hun­dert der Regel­leis­tung nach Absatz 2 betra­gen, wenn zwei Part­ner der Bedarfs­ge­mein­schaft das 18. Lebens­jahr voll­endet gehabt haben.

Zwar hat das Sozi­al­ge­richt kei­ne Zwei­fel, dass der Klä­ger und Frau X so zusam­men­ge­lebt haben, dass nach ver­stän­di­ger Wür­di­gung der wech­sel­sei­ti­ge Wil­le anzu­neh­men gewe­sen ist, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen (§ 7 Abs. 3 Nr. 3 Buchst. c SGB II). Die Regel­leis­tung ist jedoch dann nicht auf 90 vom Hun­dert der Regel­leis­tung nach § 20 Abs. 2 SGB II begrenzt, wenn der Part­ner schon dem Grun­de nach nicht anspruchs­be­rech­tigt sein kann.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ham­burg hat mit Urteil vom 2. Sep­tem­ber 2010 1 ent­schie­den, dass § 20 Abs. 3 SGB II „nicht auf sol­che Bedarfs­ge­mein­schaf­ten (passt), deren einer voll­jäh­ri­ger Part­ner Leis­tun­gen nach dem SGB II, deren ande­rer voll­jäh­ri­ger Part­ner aber ledig­lich Grund­leis­tun­gen nach § 3 Asyl­bLG erhält“. Zur Begrün­dung hat es zum einen auf den Wort­laut der Vor­schrift abge­stellt, wonach die Regel­leis­tung „jeweils“ 90 vom Hun­dert betra­ge. Zum ande­ren hat das Gericht sei­ne Ent­schei­dung auf Geset­zes­be­grün­dung und Zweck gestützt:

  • „Hier wird deut­lich, dass es um die gesetz­ge­be­ri­sche Absicht ging, wie im Bun­des­so­zi­al­hilfs­ge­setz (BSHG) zwei Voll­jäh­ri­gen nicht die dop­pel­te Regel­leis­tung zukom­men zu las­sen, weil es bei gemein­sa­mem Wirt­schaf­ten Erspar­nis­se gibt, son­dern ins­ge­samt 180 % der Regel­leis­tung, ohne aber wie im BSHG an die Fra­ge nach dem Haus­halts­vor­stand anzu­knüp­fen 2. Das setzt aber vor­aus, dass bei­de Part­ner Leis­tun­gen nach dem SGB II emp­fan­gen, weil nur in die­ser Kon­stel­la­ti­on die Fra­ge nach dop­pel­ter Regel­leis­tung bzw. nach einer Kür­zung auf 180 % der Regel­leis­tung auf­tre­ten kann.

    Danach ist fest­zu­stel­len, dass hin­sicht­lich gemisch­ter Bedarfs­ge­mein­schaf­ten eine Rege­lungs­lü­cke vor­liegt. In Bezug auf Bedarfs­ge­mein­schaf­ten aus Leis­tungs­emp­fän­gern nach dem SGB II einer­seits und dem SGB XII ande­rer­seits dürf­te wegen der glei­chen Höhe der Leis­tun­gen eine Ana­lo­gie gerecht­fer­tigt sein 3. Das­sel­be mag auch bei Bedarfs­ge­mein­schaf­ten von Leis­tungs­emp­fän­gern nach dem SGB II und nach dem Asyl­bLG gel­ten, wenn auf den Leis­tungs­emp­fän­ger nach dem Asyl­bLG gem. § 2 Abs. 1 Asyl­bLG das SGB XII ent­spre­chend anzu­wen­den ist (Ana­log­leis­tun­gen). Das ist hier aber nicht zu ent­schei­den. Nicht jedoch kann eine Ana­lo­gie zu § 20 Abs. 3 SGB II gerecht­fer­tigt sein, wenn der nach dem Asyl­bLG berech­tig­te Part­ner ledig­lich Grund­leis­tun­gen nach § 3 Asyl­bLG erhält. Denn inso­weit fehlt es an einer ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge mit Bedarfs­ge­mein­schaf­ten aus zwei voll­jäh­ri­gen Leis­tungs­emp­fän­gern nach dem SGB II, da zwar eben­falls Erspar­nis­se auf­grund gemein­sa­men Wirt­schaf­tens ein­tre­ten, wegen der deut­lich gerin­ge­ren Leis­tun­gen nach dem Asyl­bLG (hier kon­kret nur 199,40 EUR nebst antei­li­ger Unter­kunfts­kos­ten) die Bedarfs­ge­mein­schaft aber nicht auf 180 % der Regel­leis­tung nach dem SGB II kommt und daher aus Sicht der Wer­tun­gen des SGB II eine Unter­de­ckung des Bedarfs droht 4“.

Nach dem Ter­min­be­richt des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 7. Okto­ber 2011 zu den Ent­schei­dun­gen vom 6. Okto­ber 2011 ist die unter dem Akten­zei­chen B 14 AS 171/​10 R geführ­te Revi­si­on des beklag­ten Grund­si­che­rungs­trä­gers im Grund­satz ohne Erfolg geblie­ben. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt sei „zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass die Regel­leis­tung für zwei voll­jäh­ri­ge Ange­hö­ri­ge der Bedarfs­ge­mein­schaft grund­sätz­lich nur dann auf jeweils 90 vom Hun­dert der Regel­leis­tung nach § 20 Abs. 2 SGB II begrenzt ist, wenn es sich um zwei voll­jäh­ri­ge erwerbs­fä­hi­ge Ange­hö­ri­ge han­delt, die dem Grun­de nach anspruchs­be­rech­tigt sein kön­nen. Für eine Bedarfs­ge­mein­schaft, in der ein Ange­hö­ri­ger Leis­tun­gen nach dem SGB II bezieht, der ande­re aber Grund­leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz gilt die Kür­zungs­re­ge­lung in § 20 Abs. 3 Satz 1 SGB II jeden­falls nicht“.

Dem schließt sich das Sozi­al­ge­richt auch für die hier zu beur­tei­len­de Kon­stel­la­ti­on an, das ein Ange­hö­ri­ger der Bedarfs­ge­mein­schaft als Uni­ons­bür­ger von Leis­tun­gen nach dem SGB II aus­ge­schlos­sen ist. Auch in dem Fall droh­te bei einer Kür­zung der Regel­leis­tung auf 90 vom Hun­dert eine Unter­de­ckung des Bedarfs. § 20 Abs. 3 SGB II fin­det als Ver­tei­lungs­re­ge­lung 5 für ins­ge­samt 180 vom Hun­dert der Regel­leis­tung kei­ne Anwen­dung, wenn wegen eines schon dem Grun­de nach bestehen­den Leis­tungs­aus­schlus­ses die zu ver­tei­len­den Sozi­al­leis­tun­gen deut­lich hin­ter die­ser Sum­me zurück­blei­ben.

Frau X ist auch jeden­falls wäh­rend der ers­ten drei Mona­te ihres Auf­ent­halts nach § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB II von Leis­tun­gen nach dem SGB II aus­ge­schlos­sen gewe­sen; ent­spre­chend hat die Beklag­te ihren Antrag (soweit bekannt bestands­kräf­tig) abge­lehnt. Auf die zu Nr. 2 der Vor­schrift geäu­ßer­ten uni­ons­recht­li­chen Beden­ken 6 kommt es dabei nicht an.

Der Anspruch auf Rück­nah­me des rechts­wid­ri­gen Bescheids vom 24. Juni 2009 ist schließ­lich nicht nach § 40 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB II (a.F.), § 330 Abs. 1 SGB III beschränkt. Zwar ist danach ein unan­fecht­ba­rer rechts­wid­ri­ger, nicht begüns­ti­gen­der Ver­wal­tungs­akt, der auf einer Rechts­norm beruht, die nach des­sen Erlass in stän­di­ger Recht­spre­chung anders als durch die Agen­tur für Arbeit aus­ge­legt wor­den ist, nur mit Wir­kung für die Zeit ab dem Bestehen der stän­di­gen Recht­spre­chung zurück­zu­neh­men, auch wenn die in § 44 Abs. 1 Satz 1 SGB X genann­ten Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Der Anwen­dung der Vor­schrift dürf­te schon ent­ge­gen­ste­hen, dass ihr Sinn in einer Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung besteht und die Agen­tur für Arbeit bzw. die Leis­tungs­trä­ger nach dem SGB II von einer mas­sen­haf­ten rück­wir­ken­den Kor­rek­tur von Ver­wal­tungs­ak­ten ent­las­tet wer­den sol­len 7, der Klä­ger sei­nen Über­prü­fungs­an­trag aber lan­ge vor Erge­hen der Ent­schei­dung des BSG vom 06.10.2011 gestellt hat und schon daher kei­ne mas­sen­haf­te Über­prü­fung droht. Der Anwen­dung der Vor­schrift steht fer­ner ent­ge­gen, dass kei­ne stän­di­ge Recht­spre­chung vor­liegt zu der Fra­ge der Regel­leis­tungs­kür­zung bei einer Bedarfs­ge­mein­schaft, die aus einem SGB-II-Leis­tungs­emp­fän­ger und einem nicht leis­tungs­be­rech­tig­ten Uni­ons­bür­ger besteht. Schließ­lich setzt die Ein­schrän­kung durch § 330 SGB III eine „bun­des­ein­heit­li­che Ver­wal­tungs­pra­xis sämt­li­cher Trä­ger der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de im Bun­des­ge­biet“ vor­aus 8, auf die gera­de nicht allein auf­grund einer blo­ßen Wei­sungs­la­ge geschlos­sen wer­den kann. Wei­ter­ge­hen­de Infor­ma­tio­nen zur Pra­xis ande­rer Leis­tungs­trä­ger hat die Beklag­te jedoch nicht bei­gebracht, son­dern eine der­ar­ti­ge Pra­xis ledig­lich behaup­tet, ohne dass sie tat­säch­lich fest­stell­bar wäre.

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 17. Novem­ber 2011 – S 13 AS 120/​10

  1. LSG Ham­burg, Urteil vom 02.09.2010 – L 5 AS 19/​08[]
  2. LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 14.04.2010 – L 10 AS 1228/​09; SG Ham­burg, Beschluss vom 24.04.2008 – S 56 AS 796/​08 ER, InfAuslR 2009 S. 39 f.[]
  3. vgl. LSG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 21.09.2006 – L 7 SO 5536/​05, ZfSH/​SGB 2006 S. 750 ff.; Brün­ner, in: LPK-SGB II, 3. Aufl. 2009, § 20 Rn. 23 m.w.N.[]
  4. LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 14.04.2010 – L 10 AS 1228/​09; Beschluss vom 03.05.2007 – L 18 B 472/​07 AS, FEVS 58 S. 573 ff.; SG Ham­burg, Beschluss vom 24.04.2008 – S 56 AS 796/​08 ER, InfAuslR 2009 S. 39 f.; im Ergeb­nis auch Krauß, in: Hauck/​Noftz, SGB II , § 20 Rn. 69, Stand März 2008[]
  5. vgl. die ein­ge­hen­de Begrün­dung des LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 14.04.2010 – L 10 AS 1228/​09[]
  6. vgl. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 24.10.2011 – L 12 AS 3938/​11 ER‑B[]
  7. Pilz in: Gagel, SGB II /​ SGB III, Stand: 23. EL – Janu­ar 2005, § 330 SGB III Rn. 15[]
  8. BSG, Urteil vom 21.06.2011 – B 4 AS 118/​10 R[]