Bedarfsgemeinschaft vs. Wohngemeinschaft

Eine Bedarfs­ge­mein­schaft nach § 7 Abs. 3 Nr. 3 c) SGB II kann nur zwi­schen zwei „Part­nern” bestehen. Eine sol­che Part­ner­schaft setzt eine Bezie­hung mit einer gewis­sen Aus­schließ­lich­keit (Treue) vor­aus, also eine auf Dau­er ange­leg­te Ver­bin­dung zwei­er Per­so­nen, die dane­ben kei­ne wei­te­re Lebens­ge­mein­schaft glei­cher Art zulässt.

§ 7 Abs. 3a SGB II bie­tet kei­ne Legal­de­fi­ni­ti­on für den Begriff des Part­ners, son­dern knüpft an die­sen an. Sie begrün­det kei­ne Ver­mu­tung für eine Part­ner­schaft, son­dern nur – bei nach­ge­wie­se­ner Part­ner­schaft – eine Ver­mu­tung für den wech­sel­sei­ti­gen Wil­len, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der einzustehen.

Nach § 7 Abs. 3 Nr. 3 c) SGB II gehört zur Bedarfs­ge­mein­schaft als Part­ner des erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen eine Per­son, die mit dem erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen in einem gemein­sa­men Haus­halt so zusam­men­lebt, dass nach ver­stän­di­ger Wür­di­gung der wech­sel­sei­ti­ge Wil­le anzu­neh­men ist, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen (sog. Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft). Die Rege­lung ist seit dem 1. August 2006 in Kraft1. Sie hat die bis dahin gel­ten­de Rege­lung ersetzt, wonach zur Bedarfs­ge­mein­schaft als Part­ner des erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen eine Per­son gehört, die mit dem erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen in ehe­ähn­li­cher Gemein­schaft lebt (vgl. § 7 Abs. 3 Nr. 3 b) SGB II2). Eine „ehe­ähn­li­che Gemein­schaft“ kann nur zwi­schen einem Mann und einer Frau bestehen3. Nach der bis zum 31. Juli 2006 gel­ten­den Rechts­la­ge waren daher ledig­lich hete­ro­se­xu­el­le Lebens­ge­mein­schaf­ten erfasst, nicht hin­ge­gen homo­se­xu­el­le4. Durch die Neu­fas­sung des § 7 Abs. 3 Nr. 3 c) SGB II zum 1. August 2006 woll­te der Gesetz­ge­ber die­se Ungleich­be­hand­lung besei­ti­gen; auch die Part­ner einer nicht ein­ge­tra­ge­nen gleich­ge­schlecht­li­chen Lebens­ge­mein­schaft soll­ten nun – unter zusätz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen – eine Bedarfs­ge­mein­schaft bil­den5. Eine wei­ter­ge­hen­de Ände­rung der Rechts­la­ge beab­sich­tig­te der Gesetz­ge­ber hin­ge­gen nicht. Ins­be­son­de­re ging es ihm nicht dar­um, nun jeg­li­che Per­so­nen zu einer Bedarfs­ge­mein­schaft zusam­men­zu­fas­sen; das blo­ße Zusam­men­le­ben in einer Woh­nung soll hier­für wei­ter­hin nicht aus­rei­chen. Viel­mehr kön­nen gemäß § 7 Abs. 3 Nr. 3 c) SGB II nach wie vor nur „Part­ner“ eine Bedarfs­ge­mein­schaft bil­den6. Eine sol­che Part­ner­schaft setzt eine Bezie­hung mit einer gewis­sen Aus­schließ­lich­keit (Treue) vor­aus7, also eine auf Dau­er ange­leg­te Ver­bin­dung zwei­er Per­so­nen, die dane­ben kei­ne wei­te­re Lebens­ge­mein­schaft glei­cher Art zulässt8. Auf § 7 Abs. 3a SGB II kommt es in die­sem Zusam­men­hang nicht an. Die Vor­schrift bie­tet kei­ne Legal­de­fi­ni­ti­on für den Begriff des Part­ners, son­dern knüpft an die­sen an7; sie begrün­det kei­ne Ver­mu­tung für eine Part­ner­schaft, son­dern nur – bei nach­ge­wie­se­ner Part­ner­schaft – eine Ver­mu­tung für den wech­sel­sei­ti­gen Wil­len, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der einzustehen.

Für das Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he bestan­den auf die­ser Grund­la­ge im ent­schie­de­nen Fall kei­ne hin­rei­chen­den Anhalts­punk­te für eine (homo­se­xu­el­le) Part­ner­schaft zwi­schen der Klä­ge­rin und Frau B.: Im Rah­men eines frü­he­ren, auf Ren­te wegen Erwerbs­min­de­rung gerich­te­ten Kla­ge­ver­fah­rens9 hat­te die Klä­ge­rin gegen­über dem gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen Dr. B. u. a. Anga­ben zu ihrem Lebens­weg gemacht. Danach war die Klä­ge­rin zwei­mal ver­hei­ra­tet; bei­de Ehen wur­den geschie­den. Aus der ers­ten Ehe hat die Klä­ge­rin einen Sohn, aus der zwei­ten Ehe zwei Töch­ter. Die zwei­ma­li­ge Ehe­schlie­ßung (mit einem Mann) spricht – jeden­falls dem ers­ten Anschein nach – gegen eine homo­se­xu­el­le Nei­gung der Klä­ge­rin. Zudem hat­te die Klä­ge­rin gegen­über dem Sach­ver­stän­di­gen Frau B. ledig­lich als „Bekann­te“ und „Mit­be­woh­ne­rin“ bezeich­net, mit der sie in einer „Wohn­ge­mein­schaft“ lebe. Die­sen Anga­ben kommt eine beson­de­re Aus­sa­ge­kraft zu. Denn für das dama­li­ge Ren­ten­ver­fah­ren war die Fra­ge einer etwai­gen Part­ner­schaft mit Frau B. ohne Belang. Die Klä­ge­rin hat­te also kei­nen Anlass, eine etwai­ge Bezie­hung zu ver­schwei­gen; viel­mehr konn­te sie inso­weit gegen­über dem Sach­ver­stän­di­gen unbe­fan­gen aus­sa­gen. Aus den gleich blei­ben­den Anga­ben der Klä­ge­rin im Ver­fah­ren S 5 R 5964/​07 und im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren sowie der Zeu­gen­aus­sa­ge von Frau B. im Erör­te­rungs­ter­min vom 20. Sep­tem­ber 2010 ergibt sich somit zwar eine lang­jäh­ri­ge Wohn­ge­mein­schaft zwi­schen den bei­den; es mag auch eine durch Loya­li­tät gekenn­zeich­ne­te Freund­schaft bestehen. Die­se freund­schaft­li­che Bezie­hung schließt aber ähn­li­che freund­schaft­li­che Bezie­hun­gen zu ande­ren Per­so­nen nicht aus; eine gleich­ge­schlecht­li­che Lie­bes­be­zie­hung ist nicht belegt. Fehlt es dem­nach schon an einer Part­ner­schaft zwi­schen der Klä­ge­rin und Frau B., so kommt es nicht mehr dar­auf an, ob bei­de den Wil­len haben, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der einzustehen. 

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 26. Okto­ber 2010 – S 5 AS 3363/​10

  1. vgl. Art. 16 Abs. 1 des Geset­zes vom 20.7.2006, BGBl. I Sei­te 1706[]
  2. i. d. F. des Geset­zes vom 24.03.2003, BGBl. I Sei­te 2954[]
  3. Spell­brink in: Eicher/​Spellbrink , SGB II, 2. Aufl., § 7 Rdnr. 43[]
  4. BT-Drucks. 16/​1410 Sei­te 19[]
  5. BT-Drucks 16/​1410, a. a. O.[]
  6. Spell­brink , a. a. O., Rdnr. 45; Brühl/​Schoch in: Mün­der , SGB II, 3. Aufl., § 7 Rdnr. 72[]
  7. Spell­brink , a. a. O.[][]
  8. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 16.01.2007 – L 13 AS 3747/​06 ER‑B, Rdnr. 6[]
  9. SG Karls­ru­he – S 5 R 5964/​07[]