Betreuungspauschale als Kosten der Unterkunft

Die Betreu­ungs­pau­scha­le (im Rah­men eines betreu­ten Woh­nens im Alter) ist Bestand­teil der Kos­ten der Unter­kunft, soweit es sich um eine zwin­gen­de Ver­pflich­tung aus dem Miet­ver­trag han­delt, die zudem als Auf­la­ge im Bescheid an den Ver­mie­ter über die För­de­rung des sozia­len Woh­nungs­baus ent­hal­ten ist. Der Regel­satz kann daher nicht um die von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­te Betreu­ungs­pau­scha­le von 9 Euro monat­lich erhöht wer­den.

Aller­dings ist die monat­li­che Betreu­ungs­pau­scha­le nach Mei­nung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts als Ele­ment der Unter­kunfts­kos­ten anzu­se­hen. Wegen der Zurück­ver­wei­sung an das Lan­des­so­zi­al­ge­richt kommt es auf die von der Beklag­ten erho­be­ne Ver­fah­rens­rüge (Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs) nicht an.

Inhalt­lich bezieht sich die hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt zu ent­schei­den­de Kla­ge ins­ge­samt auf die Gewäh­rung höhe­rer Leis­tun­gen (9 Euro monat­lich) der Grund­si­che­rung im Alter und bei Erwerbs­min­de­rung, weil die Klä­ge­rin ihr Begeh­ren nicht auf bestimm­te Ein­zel­an­sprü­che der Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen beschränkt hat 1. In der Sache ist die Betreu­ungs­pau­scha­le bei den Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung, nicht wie vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len ent­schie­den durch eine Erhö­hung des Regel­sat­zes 2, zu berück­sich­ti­gen.

Die Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung im Alter und bei Erwerbs­min­de­rung umfas­sen gemäß § 42 Satz 1 SGB XII 3 u.a. die Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Hei­zung ent­spre­chend § 29 SGB XII. Die­ser Bedarf wird in Höhe der tat­säch­li­chen Auf­wen­dun­gen erbracht, soweit die­se ange­mes­sen sind. Zu den Kos­ten bei Miet­woh­nun­gen zäh­len zwar regel­mä­ßig neben den tat­säch­li­chen Miet­kos­ten nur die Miet­ne­ben­kos­ten, wie sie sich aus dem Miet­ver­trag erge­ben 4. Dem Grun­de nach sind aber auch Betreu­ungs­pau­scha­len, wenn sie – wie hier – als ein­heit­li­ches Rechts­ge­schäft zwin­gend mit Begrün­dung und Fort­füh­rung des Miet­ver­hält­nis­ses ver­bun­den sind, geeig­net, als Teil des Bedarfs für Unter­kunft und Hei­zung nach § 29 Abs 1 Satz 1 SGB XII ange­se­hen zu wer­den 5.

Die mit der Betreu­ung ver­bun­de­ne Dienst­leis­tung dient zwar ihrer Art nach nicht unmit­tel­bar den sozi­al­hil­fe­recht­lich vor­ge­se­he­nen Zwe­cken der Leis­tun­gen für die Unter­kunft, die sich dar­auf beschrän­ken, einen vor Unbil­den des Wet­ters und der Wit­te­rung geschütz­ten räum­li­chen Lebens­mit­tel­punkt mit einer gewis­sen Pri­vat­sphä­re ein­schließ­lich der Mög­lich­keit, pri­va­te Gegen­stän­de zu ver­wah­ren, zu gewähr­leis­ten 6. Auch sind die Betreu­ungs­pau­scha­len nicht als Ele­ment der Miet­ne­ben­kos­ten anzu­se­hen; denn sie sind kei­ne Betriebs­kos­ten i.S. von § 556 BGB i.V.m. § 2 Betriebs­kos­ten­ver­ord­nung 7.

Die Leis­tun­gen für Unter­kunft nach § 29 Abs 1 SGB XII sind bei Miet­ver­hält­nis­sen jedoch nicht zwin­gend auf die Über­nah­me von (Kalt-)Miete und Betriebs­kos­ten beschränkt. Denn § 29 Abs 1 Satz 1 SGB XII bestimmt, dass Leis­tun­gen für die Unter­kunft in Höhe der „tat­säch­li­chen Auf­wen­dun­gen” erbracht wer­den. Die­se tat­säch­li­chen Auf­wen­dun­gen umfas­sen regel­mä­ßig alle Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen, die sich aus dem Miet­ver­trag für die Unter­kunft erge­ben 8. Begriff­lich kön­nen hier­un­ter auch Auf­wen­dun­gen für Sach- oder Dienst­leis­tun­gen fal­len, die zwar ihrer Art nach nicht dem Grund­be­dürf­nis „Woh­nen” die­nen, aber mit den ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen betref­fend der Unter­kunft der­art ver­knüpft sind, dass die Unter­kunft ohne die­se Auf­wen­dun­gen nicht erlangt oder erhal­ten wer­den kann, wenn sie nicht zur Dis­po­si­ti­on des Leis­tungs­be­rech­tig­ten ste­hen und in die­sem Sin­ne einen unaus­weich­li­chen Kos­ten­fak­tor der Woh­nung dar­stel­len 9. Ob ein der­ar­tig ein­heit­li­ches Rechts­ge­schäft vor­liegt, das bei Fort­füh­rung des Miet­ver­hält­nis­ses eine iso­lier­te Kün­di­gung des Betreu­ungs­ver­tra­ges aus­schließt, bestimmt sich nach den ver­trag­li­chen Erklä­run­gen der Ver­trags­par­tei­en.

Im vor­lie­gen­den Fall ist die Betreu­ungs­pau­scha­le als in die­sem Sin­ne für Erlan­gung und Erhalt der Woh­nung unaus­weich­lich anzu­se­hen; denn die Ver­mie­te­rin der Klä­ge­rin ver­mie­tet nur an Per­so­nen, die im Miet­ver­trag zugleich eine Betreu­ungs­pau­scha­le ver­ein­ba­ren. Anhalts­punk­te dafür, dass die­se obli­ga­to­ri­sche Ver­knüp­fung wegen kol­lu­si­ven Zusam­men­wir­kens von Mie­ter und Ver­mie­ter zum Nach­teil des Sozi­al­hil­fe­trä­gers unwirk­sam sein könn­te 10, bestehen nicht. Die Beklag­te selbst hat im Rah­men ihrer För­de­rung des sozia­len Woh­nungs­baus dem Grun­de nach ein Betreu­ungs­an­ge­bot ver­langt und zudem die kon­kre­te Aus­ge­stal­tung des Ange­bots und die Betreu­ungs­pau­scha­le auf der Grund­la­ge von § 9 Abs 6 Woh­nungs­bin­dungs­ge­setz geneh­migt. Für die vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len ange­nom­me­ne Erhö­hung des Regel­sat­zes bleibt damit kein Raum.

Ob die Kos­ten der Unter­kunft inklu­si­ve der Betreu­ungs­pau­scha­le aller­dings ange­mes­sen i.S. von § 29 Abs 1 SGB XII sind 11, lässt sich nicht beur­tei­len. Die recht­li­che Beur­tei­lung der Ange­mes­sen­heit der Auf­wen­dun­gen für die Kos­ten der Unter­kunft ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts 12 in meh­re­ren Schrit­ten zu prü­fen 13, wobei die Woh­nungs­grö­ße bei ledig­lich 42 qm wohl ange­mes­sen sein dürf­te.

Zu beach­ten wird dabei aller­dings sein, dass die in der vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be zur Beur­tei­lung der gene­rell-abs­trak­ten Ange­mes­sen­heit der Auf­wen­dun­gen für die Unter­kunft allein wegen des vor­han­de­nen Betreu­ungs­an­ge­bots nicht zu modi­fi­zie­ren sind. Die not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen betref­fend die ört­li­chen Gege­ben­hei­ten des Woh­nungs­mark­tes 14 haben sich zur Ver­mei­dung eines Zir­kel­schlus­ses nicht auf Woh­nun­gen zu beschrän­ken, die – wie die Woh­nung der Klä­ge­rin – gewis­ser­ma­ßen als beson­de­res Aus­stat­tungs­merk­mal ein Betreu­ungs­an­ge­bot beinhal­ten. Soll­ten sich die Kos­ten der Unter­kunft nach den vor­ge­nann­ten Maß­stä­ben als unan­ge­mes­sen hoch erwei­sen, wird wei­ter­hin zu prü­fen sein, ob die Klä­ge­rin für den streit­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raum nach Maß­ga­be des § 29 Abs. 1 Satz 2 bis 5 SGB XII den­noch Anspruch auf Über­nah­me der tat­säch­li­chen Unter­kunfts­kos­ten hat. Ob die Leis­tun­gen für die Kos­ten der Unter­kunft in Form der Betreu­ungs­pau­scha­le den Hil­fe­be­darf betref­fend ande­rer Sozi­al­leis­tun­gen nach dem SGB XII – gewis­se Über­schnei­dun­gen sind grund­sätz­lich denk­bar etwa bei der Hil­fe zur Pfle­ge nach § 61 SGB XII, Hil­fe zur Wei­ter­füh­rung des Haus­halts nach § 70 SGB XII und Alten­hil­fe nach § 71 SGB XII – ganz oder teil­wei­se ent­fal­len las­sen, war nicht zu ent­schei­den.

Eine Absen­kung des Regel­sat­zes um die Betreu­ungs­pau­scha­le wegen erspar­ter Auf­wen­dun­gen gemäß § 42 Satz 1 Nr 1 SGB XII iVm § 28 Abs 1 Satz 2 2. Alt SGB XII 15 schei­det aus. Denn abzu­stel­len ist im Rah­men einer erfor­der­li­chen Gesamt­be­trach­tung nur auf einem erheb­lich vom durch­schnitt­li­chen Bedarf abwei­chen­den Bedarf von nicht nur unbe­deu­ten­dem wirt­schaft­li­chen Umfang sowie auf nicht nur mög­li­cher­wei­se ein­tre­ten­de Erspar­nis­se 16. Inso­weit ver­weist die Beklag­te vor­lie­gend indes nur auf hypo­the­ti­sche Ein­spa­run­gen; ande­re als hypo­the­ti­sche sind nicht erkenn­bar.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 14. April 2011 – B 8 SO 19/​09 R

  1. vgl. zu die­ser Mög­lich­keit BSGE 101, 217 ff RdNr 12 ff = SozR 4–3500 § 133a Nr 1[]
  2. LSG Nord­rhein-West­fa­len – L 12 SO 51/​08[]
  3. idF, die die Norm durch das Gesetz zur Ände­rung des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch und ande­rer Geset­ze vom 2.12.2006 – BGBl I 2670 – erhal­ten hat[]
  4. vgl. nur Fal­ter­baum in Hauck/​Noftz, SGB XII, § 29 RdNr 7, Stand Dezem­ber 2010[]
  5. Ber­lit in Lehr- und Pra­xis­kom­men­tar SGB XII, 8. Aufl 2008, § 29 SGB XII RdNr 17; vgl auch Wie­land in Estel­mann, SGB II, § 22 RdNr 30 f, Stand Mai 2009; und Frank in Hohm, SGB II, § 22 RdNr 11, Stand März 2010[]
  6. Link in juris­PK-SGB XII, § 29 SGB XII RdNr 20; zum par­al­le­len Begriff der Unter­kunft in § 22 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch – Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de – Lang/​Link in Eicher/​Spellbrink, SGB II, 2. Aufl 2008, § 22 RdNr 15[]
  7. vgl. dazu all­ge­mein BSGE 102, 274 ff RdNr 16 = SozR 4–4200 § 22 Nr 18[]
  8. BSG SozR 4–4200 § 22 Nr 20 RdNr 18 ff mwN[]
  9. BSG aaO; vgl auch zu § 12 Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz i.V.m. § 3 Abs 1 Regel­satz­ver­ord­nung BVerw­GE 115, 256 ff[]
  10. vgl. allg. Nass­all in juris­PK-BGB, 5. Aufl 2010, § 138 BGB RdNr 41 ff[]
  11. vgl: BSGE 97, 231 ff RdNr 28 = SozR 4–4200 § 22 Nr 2; BSG SozR 4–4200 § 9 Nr 5 RdNr 34; SozR 4–4200 § 22 Nr 20 RdNr 19[]
  12. vgl. aus­führ­lich BSG, Urteil vom 23.03.2010 – B 8 SO 24/​08 R, zur Ver­öf­fent­li­chung in SozR vor­ge­se­hen[]
  13. aus­führ­lich dazu BSG SozR 4–4200 § 22 Nr 27 RdNr 15 ff[]
  14. hier­zu BSGE 97, 254 ff RdNr 23 = SozR 4–4200 § 22 Nr 3[]
  15. vgl. zu die­ser Mög­lich­keit auch bei Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen BSGE 99, 252 ff RdNr 17 ff = SozR 4–3500 § 28 Nr 3[]
  16. BSGE, aaO, RdNr 28[]