Die Wohngemeinschaft mit der Lebensgefährtin

Zur Annah­me einer Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft reicht eine blo­ße Wohn­ge­mein­schaft nicht aus1, eben­so wenig eine rei­ne Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft2. Aller­dings ist bei der wie­der­hol­ten Bezeich­nung der lang­jäh­ri­gen Wohn­part­ne­rin als „Lebens­ge­fähr­tin” gegen­über dem Grund­si­che­rungs­trä­ger die Ver­mu­tung nahe­lie­gend, dass es sich viel­mehr um eine Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft han­delt als um eine blo­ße Wohngemeinschaft. 

Mit die­ser Begrün­dung hat das Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge eines Man­nes abge­wie­sen, der von sei­nem Job­cen­ter höhe­re lau­fen­de Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung nach dem SGB II begehr­te, da er sei­ner Ansicht nach nicht in einer Bedarfs­ge­mein­schaft lebe. Der 1955 gebo­re­ne und bis Juli 2011 selb­stän­dig berufs­tä­ti­ge Klä­ger wohnt gemein­sam mit der 1966 gebo­re­nen W. seit Anfang 2009 in einer Drei-Zim­mer-Woh­nung in P. Mit bestands­kräf­tig gewor­de­nen Beschei­den gewähr­te der Beklag­te wie­der­holt dem Antrag­stel­ler und der W. antrags­ge­mäß ‑als Bedarfs­ge­mein­schaft- vor­läu­fig lau­fen­de Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach dem SGB II (Arbeits­lo­sen­geld II). Zwi­schen­zeit­lich war der W. mit Bescheid der DRV Bund vom … 2010 befris­tet für die Zeit vom … 2009 bis zum … 2012 Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung in monat­li­cher Höhe von 798,22 EUR zuge­spro­chen wor­den. Dar­auf änder­te der Beklag­te mit allein an die W. adres­sier­tem Bescheid vom … 2010 die dem Klä­ger und der W. zuste­hen­den grund­si­che­rungs­recht­li­chen Bedarf unter Anrech­nung der von der W. bezo­ge­nen Erwerbs­min­de­rungs­ren­te für die Zeit ab dem … 2010 nach unten ab. Die Leis­tun­gen erbrach­te der Beklag­te im Hin­blick auf das monat­lich unter­schied­lich Ein­kom­men des Klä­gers vor­läu­fig. Als der Klä­ger bei der Beklag­ten vor­sprach, sei ihm ange­kün­digt wor­den, die Erwerbs­min­de­rungs­ren­te der W. voll auf sei­ne Leis­tun­gen anzu­rech­nen. Dage­gen erhob der Klä­ger am … 2011 beim Beklag­ten schrift­lich Wider­spruch. Zur Begrün­dung führ­te er aus, er und die W. bil­de­ten kei­ne Bedarfs­ge­mein­schaft. Die W. sei nicht wil­lens, für ihn ein­zu­ste­hen. Sie hät­ten auch kei­ne gemein­sa­men Kon­ten und kei­ne ent­spre­chen­den Ver­fü­gungs­voll­mach­ten. Dies gin­ge in ihrem Fall auch gar nicht, da die W. ledig­lich 790,– EUR Ren­te monat­lich erhal­te. Mit die­sem Betrag kön­ne sie nicht ein­mal ihre bei­den leib­li­chen Kin­der unter­stüt­zen und Mie­te zah­len usw. Sie sei nicht ein­mal in der Lage, Kin­des­un­ter­halt zu zah­len. Ihm gehe es mit sei­nen zwei Kin­dern lei­der eben­so. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren hat der Klä­ger vor dem Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he Kla­ge erho­ben. Wäh­rend der münd­li­chen Ver­hand­lung legt der Beklag­te eine vom Klä­ger anläss­lich einer Vor­spra­che beim Beklag­ten hand­schrift­lich unter­schrie­be­ne Erklä­rung vor:

„Hier­mit bestä­ti­ge ich, T. H., dass ich seit dem …2011 kei­ner­lei Ein­nah­men aus Selb­stän­dig­keit hat­te. Mei­ne Lebens­ge­fähr­tin hat­te ledig­lich Ein­kom­men aus Rente.
Über wei­te­res Ein­kom­men und Ver­mö­gen ver­fü­gen wir bei­de nicht. Ich bin daher in einer finan­zi­el­len Not­la­ge und bit­te für die letz­ten Mona­te um einen Vor­schuss in Höhe von 1.000 EUR.
Das Gewer­be wird rück­wir­kend zum …2011 abge­mel­det. Die Beschei­ni­gung wird nachgereicht.“

In sei­ner Urteils­be­grün­dung führt das Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he aus, dass nach § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 SGB II grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung der Leis­tungs­be­rech­ti­gung von erwerbs­fä­hi­gen Per­so­nen die Hil­fe­be­dürf­tig­keit ist. Hil­fe­be­dürf­tig ist, wer sei­nen Lebens­un­ter­halt und den Lebens­un­ter­halt der mit ihm in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben­den Per­so­nen nicht oder nicht aus­rei­chend aus eige­nen Kräf­ten und Mit­teln, vor allem nicht
(1.) durch Auf­nah­me einer zumut­ba­ren Arbeit,
(2.) aus dem zu berück­sich­ti­gen­den Ein­kom­men oder Ver­mö­gen sichern kann und die erfor­der­li­che Hil­fe nicht von ande­ren, ins­be­son­de­re von Ange­hö­ri­gen oder von Trä­gern ande­rer Sozi­al­leis­tun­gen erhält (§ 9 Abs. 1 SGB II).
Bei Per­so­nen, die in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben, ist auch das Ein­kom­men und Ver­mö­gen des Part­ners zu berück­sich­ti­gen (§ 9 Abs. 2 Satz 1 SGB II). Zur Bedarfs­ge­mein­schaft gehö­ren nach § 7 Abs. 3 SGB II u.a. die erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen (Nr. 1 a.a.O.) sowie als Part­ner des erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen eine Per­son, die mit dem erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen in einem gemein­sa­men Haus­halt so zusam­men­lebt, dass nach ver­stän­di­ger Wür­di­gung der wech­sel­sei­ti­ge Wil­le anzu­neh­men ist, Ver­ant­wor­tung für ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen (Nr. 3 Buchst. c a.a.O.).

Was die Kri­te­ri­en für das Vor­lie­gen einer Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft im Sin­ne des § 7 Abs. 3 Nr. 3 Buchst. c SGB II anbe­langt, ist auf die von der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung zur ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be zurück­zu­grei­fen3 ; hier­nach muss es sich um eine auf Dau­er ange­leg­te Lebens­ge­mein­schaft han­deln, die dane­ben kei­ne Lebens­ge­mein­schaft glei­cher Art zulässt und sich durch inne­re Bin­dun­gen aus­zeich­net, die ein gegen­sei­ti­ges Ein­ste­hen der Part­ner für­ein­an­der begrün­den, also über die Bezie­hun­gen in einer rei­nen Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft hin­aus­ge­hen4. Dem trägt die Rege­lung des § 7 Abs. 3 Nr. 3 Buchst. c SGB II Rech­nung; dabei ist – wie bereits dem Wort­laut der Vor­schrift zu ent­neh­men ist -, hin­sicht­lich des Wil­lens, für­ein­an­der ein­zu­ste­hen, ein objek­ti­ver Maß­stab anzu­le­gen. Nicht aus­schlag­ge­bend ist des­halb die sub­jek­ti­ve Sicht der betrof­fe­nen Per­so­nen; ent­schei­dend ist viel­mehr, ob bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung ein wech­sel­sei­ti­ger Wil­le der Part­ner, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen, unter objek­ti­ven Gesichts­punk­ten bejaht wer­den kann5. Zur Annah­me einer Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft reicht frei­lich eine blo­ße Wohn­ge­mein­schaft nicht aus1, eben­so wenig eine rei­ne Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft2.

Aller­dings wird ein Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­wil­le nach der – gleich­falls mit dem Fort­ent­wick­lungs­ge­setz ein­ge­führ­ten – Rege­lung des § 7 Abs. 3a SGB II ver­mu­tet, wenn
(1.) Part­ner län­ger als ein Jahr zusammenleben,
(2.) mit einem gemein­sa­men Kind zusammenleben,
(3.) Kin­der oder Ange­hö­ri­ge im Haus­halt ver­sor­gen oder
(4.) befugt sind, über Ein­kom­men oder Ver­mö­gen des ande­ren zu verfügen.
Nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers soll­te mit der Ver­mu­tungs­re­ge­lung dem Leis­tungs­miss­brauch durch fal­sche Anga­ben zu den häus­li­chen Ver­hält­nis­sen ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den, wobei hin­sicht­lich der Kri­te­ri­en für die Ver­mu­tung einer Ein­ste­hens­ge­mein­schaft auf die Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und dar­an anschlie­ßend des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zurück­zu­grei­fen ist6; hier­zu gehö­ren die lan­ge Dau­er und Inten­si­tät des Zusam­men­le­bens, eine gemein­sa­me Woh­nung, eine bestehen­de Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft, die gemein­sa­me Ver­sor­gung von Kin­dern und Ange­hö­ri­gen im gemein­sa­men Haus­halt sowie die Befug­nis, über Ein­kom­men und Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de des ande­ren zu ver­fü­gen7. Aller­dings kön­nen auch ande­re äuße­re Tat­sa­chen das Vor­lie­gen einer Ein­ste­hens­ge­mein­schaft begrün­den; dies ist unter Wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les von Amts wegen zu prü­fen8. Ist indes zumin­dest einer der Ver­mu­tungs­tat­be­stän­de des § 7 Abs. 3a SGB II erfüllt, trifft den Anspruch­stel­ler die Dar­le­gungs­last dafür, dass kei­ner der dort auf­ge­führ­ten Sach­ver­hal­te vor­liegt oder die Ver­mu­tung durch ande­re Umstän­de ent­kräf­tet wird9.

An die­sem Prü­fungs­maß­stab ori­en­tiert, ist es dem Klä­ger für den streit­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raum von Novem­ber 2010 bis Dezem­ber 2010 – zu die­sem Zeit­punkt hat der Klä­ger seit Anfang 2009 und damit län­ger als ein Jahr mit der W. zusam­men­ge­lebt (§ 7 Abs. 3 Nr. 1 SGB II ) – nicht gelun­gen, die gesetz­li­che Ver­mu­tung des wech­sel­sei­ti­gen Wil­lens, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen, zu wider­le­gen. Nach der gebo­te­nen Gesamt­schau der Wohn- und Lebens­ver­hält­nis­se des Klä­gers und der Zeu­gin W. seit Janu­ar 2009 ist das erken­nen­de Gericht vom Vor­lie­gen einer Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft zwi­schen dem Klä­ger und der Zeu­gin W. über­zeugt. Dies ergibt sich aus fol­gen­den Einzelüberlegungen:

Die Ein­las­sung des Klä­gers ist in dem ent­schei­dungs­recht­li­chen Punkt wider­sprüch­lich. Soweit der Klä­ger seit Novem­ber 2010 behaup­tet, er habe zwar mit der Zeu­gin W. zusam­men­ge­wohnt, es habe aber kei­ne Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft zwi­schen ihnen bestan­den, wider­spricht dies der Akten­la­ge. Maß­geb­lich für das Sozi­al­ge­richt sind dabei zunächst ins­be­son­de­re die gegen­tei­li­gen Anga­ben des Klä­gers und der Zeu­gin W. in den von ihnen selbst aus­ge­füll­ten und unter­schrie­be­nen Form­blattan­trä­gen zur Erlan­gung von Arbeits­lo­sen­geld II vom … 2009 und … 2010. Danach hat die Zeu­gin W. den Klä­ger als die Per­son ange­ge­ben, mit der sie in Bedarfs­ge­mein­schaft zusam­men­lebt. Den Ein­wand, der Beklag­te habe ihn und die Zeu­gin W. in die­sem Punkt nicht genü­gend über die Bedeu­tung der Anga­be Bedarfs­ge­mein­schaft auf­ge­klärt, sieht das Gericht durch den vom Klä­ger und der Zeu­gin W. im Antrags­for­mu­lar unter dem … 2009 durch eigen­hän­di­ge Unter­schrift bestä­tig­ten Erhalt des Merk­blatts SGB II „Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de (Arbeits­lo­sen­geld II/​Sozialgeld)“ als wider­legt an. Wenn die­ses Merk­blatt vom Klä­ger nicht oder nicht hin­rei­chend gele­sen wor­den ist, kann er dar­aus gegen­über dem Beklag­ten kei­ne Recht her­lei­ten. Der Klä­ger ist der deut­schen Spra­che mäch­tig und hat beim Gericht in der münd­li­chen Ver­hand­lung einen zwar unein­sich­ti­gen, aber kei­nen unge­wand­ten Ein­druck hin­ter­las­sen. Antrags­ge­mäß sind dem Klä­ger und der Zeu­gin W. jeweils bestands­kräf­tig gewor­de­nen Beschei­den des Beklag­ten vom … 2009, … 2009, … 2010, … 2010 und … 2010 jeweils als Bedarfs­ge­mein­schaft lau­fen­de Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts gewährt worden.

Einen wei­te­ren gewich­ti­gen Anhalts­punkt für das Vor­lie­gen einer Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft zwi­schen dem Klä­ger und der Zeu­gin W. sieht das Sozi­al­ge­richt in der vom Klä­ger gegen­über der Beklag­ten am … 2011 abge­ge­ben schrift­li­chen Erklä­rung, in der er die Zeu­gin W. selbst als sei­ne „Lebens­ge­fähr­tin“ bezeich­net und sich zu deren Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen äußert. Die Zeu­gin W. hat dazu erklärt, die­se Erklä­rung des Klä­gers vom … 2011 sei ihr zwar unbe­kannt gewe­sen, sie wis­se aber, dass der Klä­ger sie gegen­über Drit­ten zuwei­len als sei­ne „Lebens­ge­fähr­tin“ bezeich­ne. Damit set­zen der Klä­ger und die Zeu­gin W. objek­tiv den Rechts­schein, „Lebens­ge­fähr­ten“ zu sein; auch umgangs­sprach­lich und sach­ge­dank­lich ist dem Klä­ger ist dem Klä­ger der Unter­schied zwi­schen einer blo­ßen Wohn­ge­mein­schaft und einer Lebens­part­ner­schaft im Sin­ne einer Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft bewusst. Dies zei­gen sei­ne gegen­tei­li­gen Ein­las­sun­gen gegen­über dem Beklag­ten zur Wider­spruchs- (… 2011) und Kla­ge­be­grün­dung (… und … 2011). Die offen­sicht­li­che Wider­sprüch­lich­keit der Anga­ben, je nach­dem was man gera­de zu errei­chen ver­sucht, macht den Klä­ger als Per­son unglaub­wür­dig und sei­ne Ein­las­sung, mit der Zeu­gin W. nur der Not gehor­chend zusam­men­zu­le­ben, unglaubhaft.

War­um sich an der tat­säch­li­chen Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft zwi­schen dem Klä­ger und der Zeu­gin W., die nach wie vor in einer Woh­nung zusam­men­le­ben, nun­mehr für die Zeit ab Novem­ber 2010 (Beginn des Ren­ten­be­zugs der Zeu­gin W.) etwas geän­dert haben soll­te, ist dem Gericht auch nach Ver­neh­mung der Zeu­gin W. nicht nach­voll­zieh­bar. Anhalts­punk­te für eine Ände­rung der tat­säch­li­chen Lebens­ver­hält­nis­se zwi­schen dem Klä­ger und der W. als Paar, das für­ein­an­der ein­steht, sind nicht ersichtlich.

Im Gegen­teil, auch unter Außer­acht­las­sung der Akten- und Urkun­den­la­ge, spre­chen die glaub­haf­ten Anga­ben der glaub­wür­di­gen Zeu­gin W. im Ergeb­nis mehr für als gegen das Vor­lie­gen einer ‑wenn auch durch­aus unglei­chen- Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft zwi­schen dem Klä­ger und der W. Die W. finan­ziert das Leben des Klä­gers seit 2009 zu wesent­li­chen Tei­len, indem sie ihm Unter­kunft, Tele­fon und Fern­se­hen zur Ver­fü­gung stellt. Soweit sie vor­ge­tra­gen hat, dem Klä­ger die antei­li­gen Kos­ten für Woh­nung, Tele­fon und Fern­se­hen kraft münd­li­cher Abspra­che nur gestun­det zu haben, ist sie in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht ein­mal in der Lage gewe­sen, auch nur annä­hernd den Betrag benen­nen zu kön­nen, den der Klä­ger ihr mitt­ler­wei­le schul­den soll. Außer­dem hat sie ein­ge­räumt, den Betrag auf­grund der Mit­tel­lo­sig­keit des Klä­gers auch nicht zwangs­wei­se durch­set­zen zu wol­len. Dar­über hin­aus berück­sich­tigt das Gericht, dass die Zeu­gin W. dem Klä­ger fak­tisch kos­ten­frei Tele­fon und Fern­se­hen zur Ver­fü­gung stellt und auch sei­ne Wäsche mit wäscht, wäh­rend sie umge­kehrt zuwei­len mit dem Klä­ger, das von die­sem zube­rei­te­te Essen mit ein­nimmt. Zudem ist die Tren­nung von Tisch und Bett zwi­schen Klä­ger und Zeu­gin W. nicht voll­stän­dig auf­ge­ho­ben. Die Zeu­gin W. hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung näm­lich bekun­det, mit dem Klä­ger, wenn auch nur gele­gent­lich bei besuchs­wei­sen Auf­ent­hal­ten ihrer bei­den Töch­ter, das Bett zu tei­len. Dem misst das Gericht vor dem wei­te­ren von der Zeu­gin W. geschil­der­ten Umstand eine gewis­se Bedeu­tung bei, näm­lich dem zumin­dest vor­über­ge­hen­den Zusam­men­le­ben des Klä­gers mit der Zeu­gin W. im Jah­re 2007 in des­sen dama­li­ger und nur 36 m² gro­ßen Woh­nung. Auch die glaub­haf­te Ein­las­sung der Zeu­gin W., sie schaf­fe es in Kennt­nis des Umstands, den Klä­ger schon seit lan­gem wesent­lich mit­zu­fi­nan­zie­ren, nicht, die­sen vor die Tür zu set­zen, zeigt letzt­lich eine erheb­li­che emo­tio­na­le Ver­bun­den­heit zwi­schen ihr und dem Kläger.

Bei alle­dem ver­kennt das Sozi­al­ge­richt nicht, dass es sich bei dem Zusam­men­woh­nen und Zusam­men­le­ben des Klä­gers und der Zeu­gin W. auf­grund derer finan­zi­el­ler Gesamt­si­tua­ti­on auch um eine „Not­ge­mein­schaft“ han­delt. Dar­in erschöpft sich die Bezie­hung zwi­schen dem Klä­ger und der Zeu­gin W. aber nicht, wie ins­be­son­de­re sei­ne schrift­li­che Erklä­rung gegen­über dem Beklag­ten vom … 2011 in kaum zu über­bie­ten­der Klar­heit zeigt. Auch die von der Zeu­gin W. durch­aus plas­tisch geschil­der­ten Ein­zel­um­stän­de ihres Zusam­men­le­bens ver­mit­teln dem Gericht im Gan­zen den Ein­druck, dass es sich bei ihnen um deut­lich mehr als eine blo­ße aus der Not gebo­re­ne „Wohn­ge­mein­schaft“ han­delt. Die Zeu­gin W. steht im Gegen­teil seit Jah­ren in nach­ge­ra­de klas­si­scher Wei­se durch Unter­kunfts­ge­wäh­rung für den Klä­ger ein, ohne auch nur ansatz­wei­se sicher sein zu kön­nen, jemals auch nur einen Bruch­teil ihrer Kos­ten vom Klä­ger wirk­sam und nach­hal­tig zurück­ver­lan­gen zu können.

Nach alle­dem hat die Kla­ge in der Sache kei­nen Erfolg haben können.

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 26. Juni 2012 – S 4 AS 3038/​11

  1. so bereits BSGE 63, 120, 123 = SozR 4100 § 138 Nr. 17[][]
  2. vgl. auch Bun­des­tags-Druck­sa­che 16/​1410 S. 19, zu Nr. 7 Buchst. a[][]
  3. vgl. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschlüs­se vom 22.03.2007 – L 7 AS 640/​07 ER‑B und vom 17.12.2007 – L 7 AS 5125/​07 ER‑B[]
  4. vgl. BVerfGE 87, 234, 264 f.; BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 02.09.2004 – 1 BvR 1962/​04 – NVwZ 2005, 1178; BSG, BSGE 90, 90, 90, 98 f. = SozR 3–4100 § 119 Nr.26; BVerw­GE 98, 195, 198 f.[]
  5. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 22.03.2007 a.a.O.; Adolph in Linhart/​Adolf, SGB II § 7 Rn. 74; A. Loo­se in Hohm, GK-SGB II, § 7 Rn. 57[]
  6. vgl. Bun­des­tags-Druck­sa­che 16/​1410 S. 19, zu Nr. 7 Buchst. b[]
  7. vgl. BVerfGE 87, 234, 265; BSG SozR 3–4100 § 119 Nr. 15; SozR 3–4300 § 144 Nr. 10; fer­ner BVerw­GE 98, 195, 200; BVerwG, Beschluss vom 24.06.1999 – 5 B 114/​98; vgl. auch BSG, Beschluss vom 16.05.2007 – B 11b AS 37/​06 B[]
  8. vgl. Bun­des­tags-Druck­sa­che 16/​1410 S. 19 f., zu Nr. 7 Buchst. b[]
  9. vgl. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 22.03.2007 a.a.O.; LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 16.01.2007 – L 13 AS 3747/​06 ER‑B; Bun­des­tags-Druck­sa­che 16/​1410 S. 19, zu Nr. 7 Buchst. b; Spell­brink, NZS 2007, 121, 126 f.; A. Loo­se in Hohm, GK-SGB II, a.a.O. Rn.71; Peters in Estel­mann, SGB II, § 7 Rn.. 43[]