Ein Privatdarlehen als Scheingeschäft und die Auswirkungen auf die Hilfebedürftigkeit

Ein Grund­si­che­rungs­emp­fän­ger, der über einen mit sei­ner Mut­ter abge­schlos­se­nen Dar­le­hens­ver­trag immer wie­der Geld erhält, ist nicht hil­fe­be­dürf­tig, wenn es sich bei dem Ver­trag um ein Schein­ge­schäft han­delt.

So hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men in einem einst­wei­li­gen Recht­schutz­ver­fah­ren vor­läu­fig ent­schie­den und in Abän­de­rung des Beschlus­ses des Sozi­al­ge­richts Braun­schweig dem Antrag­stel­ler vor­läu­fi­ge Leis­tun­gen in Höhe von 180,00 Euro zuge­spro­chen. Die Antrag­stel­ler strei­ten sich mit dem zustän­di­gen Land­kreis im Wege des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes um die Gewäh­rung vor­läu­fi­ger SGB II-Leis­tun­gen für die Zeit vom 1. April bis 30. Sep­tem­ber 2017, dabei ist ins­be­son­de­re die Höhe des den Antrag­stel­lern anzu­rech­nen­den Ein­kom­mens strit­tig. Bei den Antrag­stel­lern han­delt es sich um eine 4‑köpfige Fami­lie, die gemäß § 7 SGB II eine Bedarf­ge­mein­schaft bil­den. Die Eltern sind 1965 und 1969 gebo­ren und haben zwei 1997 und 1999 gebo­re­ne Kin­der. Der Fami­li­en­va­ter hat in dem als Fami­li­en­un­ter­neh­men geführ­ten Klemp­ner­be­trieb gear­bei­tet. Die Mut­ter des Fami­li­en­va­ters ist Mit­in­ha­be­rin des Unter­neh­mens. Die vier­köp­fi­ge Fami­lie bezieht ergän­zen­de Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen. Die für die Wei­ter­be­wil­li­gung von SGB II — Leis­tun­gen vor­ge­leg­ten Kon­to­aus­zü­ge wei­sen zahl­rei­che Über­wei­sun­gen zwi­schen dem Vater und sei­ner Mut­ter aus. Die dies­be­züg­li­chen Über­wei­sun­gen der Mut­ter des Antrag­stel­lers erfolg­ten über­wie­gend unter dem Ver­wen­dungs­zweck „NOTHILFE für Bedarfs­ge­mein­schaft weil Job­cen­ter Geld nicht reicht von M. DARLEHEN ZINSLOS RÜCKZAHLBAR“. In einem „Pri­va­ten Dar­le­hens-Not­hil­fe­ver­trag“ hat sich die Mut­ter des Antrag­stel­lers ver­pflich­tet, ihrem Sohn ein unver­zins­li­ches Not­hil­fe-Dar­le­hen zum Lebens­un­ter­halt zu gewäh­ren. Dabei soll die Höhe der Dar­le­hens­be­trä­ge nach Bedarf und Rück­spra­che mit dem Dar­le­hens­ge­ber fest­ge­legt wer­den. Wei­ter­hin wur­den unbe­grenz­te Lauf­zei­ten ver­ein­bart und eine 0% Ver­zin­sung fest­ge­legt. Die Til­gung soll nach „wirt­schaft­li­cher Leis­tung und nach Abspra­che erfol­gen. Die Dar­le­hen wer­den aus­drück­lich ohne jeg­li­che Sicher­heit gewährt.

Das Job­cen­ter hat­te die Zah­lun­gen als ver­deck­te Schen­kung bewer­tet und eine
Hil­fe­be­dürf­tig­keit ins­ge­samt ver­neint. Dage­gen haben sich die Antrag­stel­ler mit einer Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Braun­schweig gewehrt. Die Anfor­de­run­gen an eine Kla­ge­schrift sind bei einem Pro­zess im Sozi­al­recht gering. So ist es hier auch nicht erfor­der­lich, sich durch einen Rechts­an­walt ver­tre­ten zu las­sen (kei­ne Anwalts­zwang). Doch ist die Ver­tre­tung durch einen Anwalt mög­lich und oft­mals sinn­voll. Auch wenn beim Sozi­al­ge­richt vor­läu­fi­ger Rechts­schutz bean­tragt wird gel­ten die glei­chen gerin­gen Anfor­de­run­gen, aller­dings wird der­je­ni­ge, der eine schnel­le Ent­schei­dung zu sei­nen Guns­ten wünscht, im Eigen­in­ter­es­se aus­führ­lich den Sach­ver­halt dar­zu­le­gen haben und außer­dem begrün­den müs­sen, war­um die Ange­le­gen­heit eil­be­dürf­tig ist. So kann die erfah­re­ne Hil­fe eines Rechts­an­walts durch­aus die eige­nen Zie­le unter­stüt­zen.

In die­sem Fall ist das Sozi­al­ge­richt Braun­schweig1 von einer glaub­haf­ten Rück­zah­lungs­pflicht aus­ge­gan­gen, da aus den Kon­to­aus­zü­gen wie­der­hol­te Zah­lun­gen an die Mut­ter ersicht­lich waren. Gegen die­sen Beschluss hat der Antrags­geg­ner vor dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men Beschwer­de ein­ge­legt. Ins­be­son­de­re ist der Antrags­geg­ner mit der Nicht­be­rück­sich­ti­gung der Zah­lun­gen der Mut­ter des Fami­li­en­va­ters nicht ein­ver­stan­den. Bei dem angeb­li­chen Dar­le­hens­ver­trag han­de­le es sich um eine zum Teil ver­deck­te Schen­kung.

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nie­der­sach­sen-Bre­men han­delt es sich bei dem zwi­schen dem Antrag­stel­ler und sei­ner Mut­ter geschlos­sen „Pri­va­ten Dar­le­hens-Not­hil­fe­ver­trag“ nicht allein um einen ins­ge­samt rechts­wirk­sa­men Dar­le­hens­ver­trag son­dern zumin­dest teil­wei­se auch um ein sog. Schein­ge­schäft. Dabei wird aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich die recht­li­che Ein­ord­nung eines Ver­trags bzw. geleis­te­ter Zah­lun­gen nicht allein anhand der — hier zumin­dest teil­wei­se zum Schein gewähl­ten — Bezeich­nun­gen durch die Betei­lig­ten (Begrif­fe wie Dar­le­hen und Not­hil­fe im Ver­wen­dungs­zweck bei den Über­wei­sun­gen) selbst, son­dern nach dem tat­säch­li­chen Rechts­cha­rak­ter bestimmt. Außer­dem ent­hält der „Pri­va­te Dar­le­hens-Not­hil­fe­ver­trag” über­haupt kei­ne fak­tisch durch­setz­ba­ren Rück­zah­lungs­pflich­ten. Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts spricht auch für ein — zumin­dest teil­wei­ses — Schein­ge­schäft, dass der Dar­le­hens­ver­trag erst am 2. August 2014 abge­schlos­sen wur­de, die ers­te angeb­li­che Dar­le­hens­zah­lung dage­gen bereits am 3. Juli 2014 erfolg­te. Zudem hät­ten ein­zel­ne
Rück­zah­lun­gen über den erhal­te­nen Aus­zah­lun­gen gele­gen.

Aus die­sen Grün­den hat sich das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men über­wie­gend der Auf­fas­sung des Job­cen­ters ange­schlos­sen und den Dar­le­hens­ver­trag zumin­dest teil­wei­se als Schein­ge­schäft bewer­tet. Als Ergeb­nis einer Schät­zung wur­de nur ein deut­lich redu­zier­ter Hil­fe­be­darf (180 € /​ Monat) ange­nom­men und die end­gül­ti­ge Klä­rung dem Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­be­hal­ten.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 27. Juni 2017 — L 11 AS 378/​17 B ER

  1. SG Braun­schweig, Beschluss vom 12.04.2017 — S 35 AS 121/​17 ER []

 

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