Getrennte Angemessenheitsprüfung bei Ermittlung der Unterkunftskosten

In dem hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ist die Höhe der dem Klä­ger vom beklag­ten Job­cen­ter zu zah­len­den Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung nach dem SGB II, Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de, für die Zeit von Novem­ber 2006 bis April 2007 strit­tig. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts sind die abs­trakt ange­mes­se­ne Leis­tun­gen für die Unter­kunft des Klä­gers und des­sen ange­mes­se­ne Leis­tun­gen für Hei­zung nicht zutref­fend ermit­telt worden. 

Der Klä­ger lebt nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts (§ 163 SGG) allein in sei­ner Woh­nung und gehört dem Grun­de nach zum leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­so­nen­kreis nach dem SGB II, weil er das 15. Lebens­jahr voll­endet und das 65. Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat, erwerbs­fä­hig und hil­fe­be­dürf­tig ist und sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat (§ 7 Abs 1 Satz 1 SGB II, das inso­fern von Novem­ber 2006 bis zum Ent­schei­dungs­zeit­punkt nicht geän­dert wurde).

Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung wer­den im Rah­men des Arbeits­lo­sen­gel­des II in Höhe der tat­säch­li­chen Auf­wen­dun­gen erbracht, soweit sie ange­mes­sen sind (§ 22 Abs 1 Satz 1 SGB II). Der Begriff der „Ange­mes­sen­heit” unter­liegt als unbe­stimm­ter Rechts­be­griff der unein­ge­schränk­ten rich­ter­li­chen Kon­trol­le1.

Zwi­schen der Leis­tung für die Unter­kunft und der Leis­tung für die Hei­zung ist zu unter­schei­den, wie schon dem Wort­laut der Vor­schrift mit der Ver­wen­dung des Plu­rals „Leis­tun­gen” sowie der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts2 zu ent­neh­men ist. Wel­che Auf­wen­dun­gen für die Unter­kunft und wel­che für die Hei­zung vor­lie­gend tat­säch­lich ange­fal­len sind, lässt sich den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht ent­neh­men. Die­ses hat nur eine Brut­to­warm­mie­te von 515,87 Euro monat­lich fest­ge­stellt, die das Sozi­al­ge­richt3 dem Klä­ger auch zuge­spro­chen hat, die dann als ange­mes­sen von dem Beklag­ten zu zah­len sein könn­te, wenn die­ser Betrag unter der Sum­me der ange­mes­se­nen Leis­tun­gen für die Unter­kunft und für die Hei­zung nach § 22 Abs 1 Satz 1 SGB II lie­gen wür­de. Das LSG hat jedoch nur einen Betrag von ins­ge­samt 416,28 Euro monat­lich als ange­mes­sen ange­se­hen und die wei­ter­ge­hen­de Kla­ge abge­wie­sen4.

Zur Ermitt­lung der Leis­tung für die Unter­kunft, auf die der dem Grun­de nach Hil­fe­be­dürf­ti­ge Anspruch hat, ist in meh­re­ren Schrit­ten vorzugehen:

  • Zunächst ist die ange­mes­se­ne Leis­tung für die Unter­kunft unter Zugrun­de­le­gung der sog Pro­dukt­theo­rie in einem mehr­stu­fi­gen Ver­fah­ren abs­trakt zu ermitteln.
  • Anschlie­ßend ist – falls inso­fern Ein­wän­de vor­ge­bracht wer­den – zu prü­fen, ob in dem ört­li­chen Ver­gleichs­raum eine Woh­nung zu die­ser abs­trakt ange­mes­se­nen Leis­tung für die Unter­kunft auch tat­säch­lich ange­mie­tet wer­den kann.
  • Soweit die Auf­wen­dun­gen des Hil­fe­be­dürf­ti­gen für die Unter­kunft, also die von ihm zu zah­len­de Net­to­kalt­mie­te plus kal­te Betriebs­kos­ten, die abs­trakt ange­mes­se­ne Leis­tung für die Unter­kunft des Hil­fe­be­dürf­ti­gen über­stei­gen, sind ers­te­re nach § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II solan­ge zu berück­sich­ti­gen, wie es ihm nicht mög­lich oder nicht zumut­bar ist, durch einen Woh­nungs­wech­sel, durch Ver­mie­ten oder auf ande­re Wei­se die Auf­wen­dun­gen zu sen­ken, in der Regel längs­tens für sechs Mona­te5.

Der vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt ermit­tel­te Betrag für die abs­trakt ange­mes­se­ne Leis­tung für die Unter­kunft des Klä­gers hält der recht­li­chen Nach­prü­fung nicht stand, sodass er einer Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts nicht zugrun­de gelegt wer­den kann. Die ange­mes­se­ne Leis­tung für die Unter­kunft ist ent­spre­chend der soeben auf­ge­führ­ten Recht­spre­chung unter Zugrun­de­le­gung der sog Pro­dukt­theo­rie in einem mehr­stu­fi­gen Ver­fah­ren zu ermitteln: 

  1. Zunächst ist die ange­mes­se­ne Woh­nungs­grö­ße zu bestim­men. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat die für den Klä­ger als Allein­le­ben­den ange­mes­se­ne Woh­nungs­grö­ße mit maxi­mal 50 qm in Ber­lin zutref­fend bestimmt. Zur Fest­le­gung der ange­mes­se­nen Wohn­flä­che ist auf die Wohn­raum­grö­ßen für Wohn­be­rech­tig­te im sozia­len Miet­woh­nungs­bau abzu­stel­len6. Hin­sicht­lich der Über­las­sung von geför­der­tem Miet­woh­nungs­bau ver­wei­sen § 27 Abs 4, § 10 des Geset­zes über die sozia­le Wohn­raum­för­de­rung vom 13.=9.20017 wegen der maß­geb­li­chen Woh­nungs­grö­ße auf die „Bestim­mun­gen” des jewei­li­gen Lan­des. Das Land Ber­lin hat zu § 10 WoFG kei­ne Aus­füh­rungs­vor­schrif­ten erlas­sen. Zu § 27 WoFG lie­gen nur unver­öf­fent­lich­te Arbeits­hin­wei­se der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung vom 15.12.2004 vor, die wegen der maß­geb­li­chen Woh­nungs­grö­ße an die zuvor ergan­ge­nen Bekannt­ma­chun­gen anknüp­fen. Danach darf ent­spre­chend der Bekannt­ma­chung der Senats­ver­wal­tung für Bau- und Woh­nungs­we­sen vom 20.10.19958 an Ein­zel­per­so­nen Wohn­raum bis zu 50 qm über­las­sen wer­den. Auf die­se Rege­lun­gen ist für die Bestim­mung der Ange­mes­sen­heits­gren­ze nach § 22 Abs 1 SGB II zurück­zu­grei­fen9.
  2. Als­dann ist der maß­geb­li­che ört­li­che Ver­gleichs­raum fest­zu­le­gen. Zutref­fend hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt, wenn auch nicht unter Ver­wen­dung die­ses Begriffs, die Stadt Ber­lin als maß­geb­li­chen ört­li­chen Ver­gleichs­raum zugrun­de gelegt10.
  3. Im nächs­ten Schritt ist unter Berück­sich­ti­gung des ange­mes­se­nen ein­fa­chen Woh­nungs­stan­dards fest­zu­stel­len, wel­che Net­to­kalt­mie­te pro Qua­drat­me­ter Wohn­flä­che für die ange­mes­se­ne Woh­nungs­grö­ße auf dem Woh­nungs­markt des maß­geb­li­chen Ver­gleichs­raums zu zah­len ist, um die nach der Pro­dukt­theo­rie ange­mes­se­ne Net­to­kalt­mie­te zu ermit­teln. Soweit das Lan­des­so­zi­al­ge­richt einen Betrag von 4,71 Euro als ange­mes­se­ne Net­to­kalt­mie­te pro Qua­drat­me­ter zugrun­de gelegt hat, kann des­sen Ermitt­lung auf­grund der Fest­stel­lun­gen nicht nach­voll­zo­gen wer­den.

    Als Woh­nungs­stan­dard hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zu Recht einen ein­fa­chen, im unte­ren Seg­ment lie­gen­den Aus­stat­tungs­grad der Woh­nung ange­nom­men11. Zur Bemes­sung der ange­mes­se­nen Leis­tung für die Unter­kunft kann ent­ge­gen der Ansicht des Beklag­ten nicht von den AV-Woh­nen aus­ge­gan­gen wer­den, weil ihnen kein schlüs­si­ges Kon­zept im Sin­ne der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zugrun­de liegt12.

    In Erman­ge­lung eines von dem Beklag­ten vor­ge­leg­ten schlüs­si­gen Kon­zepts hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zutref­fend zur Bestim­mung der ange­mes­se­nen Net­to­kalt­mie­te auf den Ber­li­ner Miet­spie­gel vom 11.7.200713 zurück­ge­grif­fen. Qua­li­fi­zier­te Miet­spie­gel iS des § 558d BGB wie der Ber­li­ner Miet­spie­gel kön­nen Grund­la­ge zur Bestim­mung der abs­trakt ange­mes­se­nen Mie­te sein14.

    Sol­len aus einem qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel grund­si­che­rungs­re­le­van­te Schlüs­se abge­lei­tet wer­den, ist eine Beschrän­kung auf bestimm­te „Bau­jah­res­klas­sen” bzw „Bau­al­ters­klas­sen” (im Miet­recht wer­den die Begrif­fe syn­onym ver­wandt) ohne wei­te­re Begrün­dung grund­sätz­lich nicht zuläs­sig15. Denn aus einem Miet­spie­gel allein lässt sich nicht ohne Wei­te­res erse­hen, inwie­weit Woh­nun­gen einer bestimm­ten Bau­al­ters­klas­se in einem Umfang zur Ver­fü­gung ste­hen, der den Rück­schluss zulässt, im Ver­gleichs­raum sei eine ange­mes­se­ne Woh­nung tat­säch­lich anmiet­bar. Dies ist nur mög­lich, wenn auf­grund sta­tis­tisch vali­der Unter­la­gen eine Aus­sa­ge dar­über mög­lich ist, dass die in Bezug genom­me­ne Bau­al­ters­klas­se in gewis­sem Umfang tat­säch­lich im Ver­gleichs­raum vor­han­den ist. Dies muss bei einem der­art aus­dif­fe­ren­zier­ten Miet­spie­gel wie dem Ber­li­ner nicht der Fall sein.

    Dem hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt vor­lie­gend nicht Rech­nung getra­gen, als es zur Bestim­mung der ange­mes­se­nen Kalt­mie­te pro Qua­drat­me­ter von der Bau­al­ters­klas­se mit dem nied­rigs­ten Span­nen­ober­wert für eine Wohn­flä­che von 40 qm bis unter 60 qm aus­ging und deren Span­nen­ober­wert von 4,71 Euro zugrun­de leg­te. Grün­de, war­um es, abge­se­hen von der Über­le­gung die Bau­al­ters­klas­se mit dem nied­rigs­ten Span­nen­ober­wert zu neh­men, gera­de von die­ser Bau­al­ters­klas­se aus­ge­gan­gen ist, hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt nicht angeführt.

    Im wie­der eröff­ne­ten Beru­fungs­ver­fah­ren wird das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zunächst zu prü­fen haben, ob die von ihm zugrun­de geleg­te Bau­al­ters­klas­se von 1965 bis 1972 mit einem ein­fa­chen Aus­stat­tungs­stan­dard und einer Wohn­flä­che von 40 qm bis unter 60 qm sta­tis­tisch nach­voll­zieh­bar über den ört­li­chen Ver­gleichs­raum hin­weg so häu­fig vor­han­den ist, dass allein auf die­se Bau­al­ters­klas­se zurück­ge­grif­fen wer­den kann. Soll­te dies nicht der Fall sein, bie­tet es sich an, einen gewich­te­ten arith­me­ti­schen Durch­schnitts­wert nach Ver­tei­lung der in der Grund­ge­samt­heit abge­bil­de­ten Woh­nun­gen die­ser Grö­ße und die­ses Aus­stat­tungs­stan­dards in den jewei­li­gen Bau­al­ters­klas­sen zu bil­den16.

  4. Zu der Net­to­kalt­mie­te sind noch die kal­ten Betriebs­kos­ten hinzuzurechnen. 
    • Neben der Net­to­kalt­mie­te sind auch die ange­mes­se­nen (kal­ten) Betriebs­kos­ten iS des § 556 BGB abs­trakt zu bestim­men und als Fak­tor in die Berech­nung der abs­trakt ange­mes­se­nen Leis­tung für die Unter­kunft mit ein­zu­be­zie­hen. Dazu kann auf Betriebs­kos­ten­über­sich­ten zurück­ge­grif­fen wer­den, mög­lichst aller­dings auf ört­li­che wegen der regio­na­len Unter­schie­de ins­be­son­de­re bei Ver- und Ent­sor­gungs­dienst­leis­tun­gen17. Dem wird das Urteil des Lan­des­so­zi­al­ge­richt nicht gerecht, weil es ohne wei­ter­ge­hen­de Begrün­dung die Wer­te des Anhangs I zum Ber­li­ner Miet­spie­gel 2007 her­an­ge­zo­gen und den obe­ren Wert einer 4/​5‑Spanne zur Berech­nung der Kalt­be­triebs­kos­ten zugrun­de gelegt hat, was zu einem Betrag von 2,59 Euro pro Monat und Qua­drat­me­ter führt18.
    • Zur Prü­fung, ob in dem ört­li­chen Ver­gleichs­raum eine Woh­nung zu die­ser abs­trakt ange­mes­se­nen Leis­tung für die Unter­kunft auch tat­säch­lich ange­mie­tet wer­den kann, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass beim Vor­lie­gen eines qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gels mit ent­spre­chend wis­sen­schaft­lich gesi­cher­ten Fest­stel­lun­gen zum Woh­nungs­be­stand davon aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass es eine Woh­nung zu dem nach dem Miet­spie­gel ange­mes­se­nen Qua­drat­me­ter­preis gibt. Die­se Tat­sa­chen­ver­mu­tung kann aber erschüt­tert wer­den19.
    • Grün­de, war­um der Klä­ger über den abge­lau­fe­nen Sechs-Monats-Zeit­raum des § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II hin­aus einen höhe­ren Anspruch auf Leis­tung für die Unter­kunft als die nach den obi­gen Aus­füh­run­gen abs­trakt ange­mes­se­nen Beträ­ge haben soll­te, wenn eine sol­che Woh­nung auch hät­te ange­mie­tet wer­den kön­nen, sind nicht zu erkennen.
    • Soweit die Auf­wen­dun­gen des Hil­fe­be­dürf­ti­gen für die Unter­kunft (Net­to­kalt­mie­te plus Betriebs­kos­ten) die abs­trakt ange­mes­se­ne Leis­tung für die Unter­kunft über­stei­gen, sind die Auf­wen­dun­gen nach § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II solan­ge zu berück­sich­ti­gen, wie es ihm nicht mög­lich oder nicht zumut­bar ist, durch einen Woh­nungs­wech­sel, durch Ver­mie­ten oder auf ande­re Wei­se die Auf­wen­dun­gen zu sen­ken, in der Regel jedoch längs­tens für sechs Monate.
    • Der Ablauf der Sechs-Monats-Frist ergibt sich aus dem Leis­tungs­be­zug des Klä­gers seit 21.4.2005 und dem vor­lie­gen­den strit­ti­gen Zeit­raum ab Novem­ber 2006. Durch das Schrei­ben des Beklag­ten vom 26.4.2006 wur­de der Klä­ger auch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sei­ne Kos­ten der Unter­kunft nicht ange­mes­sen seien.
    • Grün­de, war­um dem Klä­ger eine Kos­ten­sen­kung durch Umzug, Unter­ver­mie­tung oder auf ande­re Wei­se nicht mög­lich oder nicht zumut­bar ist, hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Es hat viel­mehr aus­ge­führt, das Alter des Klä­gers und sei­ne lan­ge Wohn­dau­er sei­en – auch in Kom­bi­na­ti­on – kei­ne Grün­de, die gegen einen Umzug spre­chen wür­den. Hin­sicht­lich des vom Klä­ger ange­führ­ten Gesichts­punkts „sozia­les Umfeld” ist zu beden­ken, dass jeder Umzug in gewis­sem Maße mit einer Ver­än­de­rung des sozia­len Umfelds ein­her­geht und dies eine nor­ma­le Fol­ge ist, die sich aus der gesetz­li­chen Rege­lung ergibt20.

      Einem Umzug ent­ge­gen­ste­hen­de Grün­de, wie eine Behin­de­rung oder die Aus­übung des Umgangs­rechts mit einem Kind21, hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt beim Klä­ger nicht fest­ge­stellt, der Klä­ger hat inso­fern kei­ne Auf­klä­rungs­rü­gen erhoben.

      Das Glei­che gilt für die wis­sen­schaft­li­chen For­schun­gen des Klä­gers und sein Archiv sowie dem in der Revi­si­ons­be­grün­dung ange­führ­ten Art 5 Abs 3 GG. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat bereits ent­schie­den, dass § 22 SGB II kei­ne Rechts­grund­la­ge zur Über­nah­me von Kos­ten für beruf­lich genutz­te Räu­me ist22. Zudem ist nicht zu erken­nen, wie­so die Wis­sen­schafts­frei­heit des Klä­gers durch die Höhe der Leis­tun­gen für sei­ne Unter­kunft beein­träch­tigt wer­den soll, zumal er inso­fern nichts Kon­kre­tes vor­ge­tra­gen hat und als erwach­se­ner Hil­fe­be­dürf­ti­ger dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt zur Ver­fü­gung ste­hen muss (vgl nur § 9 Abs 1 Nr 1, § 10 SGB II). Eben­so fehlt es an Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richt zum Feh­len ander­wei­ti­ger Unter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten für das Archiv und sei­tens des Klä­gers wur­den inso­fern kei­ne Rügen erho­ben. Auch aus den wei­te­ren vom Klä­ger in der Revi­si­ons­be­grün­dung ange­führ­ten Art 1 Abs 1, Art 2 Abs 1, Art 3 Abs 1 GG kann nichts her­ge­lei­tet wer­den, zumal es an nähe­ren Aus­füh­run­gen sei­tens des Klä­gers man­gelt und es ein gewich­ti­ger Unter­schied ist, ob jemand zur Mie­te wohnt oder in einer in sei­nem Eigen­tum ste­hen­den Wohnung.

Auch der vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt ermit­tel­te Betrag für die Leis­tung für die Hei­zung hält einer recht­li­chen Nach­prü­fung nicht stand. Als Leis­tung für die Hei­zung hat das LSG einen Betrag von (1,15 Euro/​qm x 50 qm =) 57,50 Euro pro Monat als ange­mes­sen ange­se­hen. Den Aus­gangs­wert von 1,15 Euro pro Qua­drat­me­ter hat es dem Anhang I des Ber­li­ner Miet­spie­gels ent­nom­men. Zu den vom Klä­ger an den Ver­mie­ter bzw Ver­sor­ger tat­säch­lich gezahl­ten Leis­tun­gen bzw Vor­aus­zah­lun­gen hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt kei­ne Fest­stel­lung getroffen.

Dem kann nicht gefolgt wer­den. Die Prü­fung der Ange­mes­sen­heit der Leis­tung für die Hei­zung hat nicht nur getrennt von der Leis­tung für die Unter­kunft zu erfol­gen, son­dern nach eige­nen Regeln. Die Ange­mes­sen­heit der Auf­wen­dun­gen für die Hei­zung ist – man­gels für den Ein­zel­fall aus­sa­ge­kräf­ti­ger ande­rer Wer­te – solan­ge zu beja­hen, wie die­se Auf­wen­dun­gen unter dem Grenz­be­trag eines bun­des­wei­ten oder kom­mu­na­len Heiz­spie­gels lie­gen23. Daher müs­sen zunächst die Auf­wen­dun­gen des Klä­gers für die Hei­zung ermit­telt wer­den und die­se dann anhand eines kom­mu­nal oder bun­des­wei­ten Heiz­spie­gels über­prüft werden.

Erfolgt die Warm­was­ser­be­rei­tung über die Hei­zung, ist der Anteil, der für die Warm­was­ser­be­rei­tung im Rah­men der Haus­halts­ener­gie in der Regel­leis­tung ent­hal­ten ist, von den Auf­wen­dun­gen für die Hei­zung abzu­zie­hen24. Wird aber ein Heiz­spie­gel oder wie vor­lie­gend der Anhang I zum Miet­spie­gel zugrun­de gelegt, der zwi­schen Leis­tun­gen für die Hei­zung mit und ohne Warm­was­ser­be­rei­tung dif­fe­ren­ziert, so kann nicht der Durch­schnitts­be­trag der Leis­tung für Hei­zung ohne Warm­was­ser berück­sich­tigt wer­den (hier 1,15 Euro pro Qua­drat­me­ter) und anschlie­ßend noch die Pau­scha­le für die Warm­was­ser­be­rei­tung abge­zo­gen werden.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 13. April 2011 – B 14 AS 32/​09 R

  1. stRspr vgl nur BSG vom 19.02.2009 – B 4 AS 30/​08 R, BSGE 102, 263 = SozR 4–4200 § 22 Nr 19, Mün­chen, RdNr 12 mwN[]
  2. BSG vom 02.07.2009 – B 14 AS 36/​08 R, BSGE 104, 41 = SozR 4–4200 § 22 Nr 23; zuletzt: BSG vom 19.10.2010 – B 14 AS 50/​10 R[]
  3. SG Ber­lin, Urteil vom 21.05.2007 – S 110 AS 7034/​07[]
  4. LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 24.04.2009 – L 32 AS 923/​07[]
  5. vgl zu die­sen Vor­aus­set­zun­gen ua BSG vom 07.11.2006 – B 7b AS 18/​06 R, BSGE 97, 254 = SozR 4–4200 § 22 Nr 3, RdNr 19 ff; BSG vom 19.02.2009 – B 4 AS 30/​08 R, BSGE 102, 263 = SozR 4–4200 § 22 Nr 19, Mün­chen, RdNr 12 ff; BSG vom 20.08.2009 – B 14 AS 65/​08 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 26, Zwei­brü­cken; BSG vom 22.09.2009 – B 4 AS 18/​09 R, BSGE 104, 192 = SozR 4–4200 § 22 Nr 30; BSG vom 17.12.2009 – B 4 AS 27/​09 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 27, Essen: Miet­spie­gel als schlüs­si­ges Kon­zept; BSG vom 17.12.2009 – B 4 AS 50/​09 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 29; zuletzt BSG vom 19.10.2010 – B 14 AS 50/​10 R[]
  6. stRspr seit BSG vom 07.11.2006 – B 7b AS 18/​06 R, BSGE 97, 254 = SozR 4–4200 § 22 Nr 3, RdNr 19; zuletzt BSG vom 19.10.2010 – B 14 AS 50/​10 R[]
  7. BGBl I 2376: „Woh­nungs­för­de­rungs­ge­setz”, WoFG[]
  8. ABl 4462[]
  9. vgl BSG vom 20.08.2009 – B 14 AS 65/​08 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 26, Zwei­brü­cken, RdNr 14; zuletzt BSG vom 19.10.2010, aaO, spe­zi­ell zu Ber­lin[]
  10. vgl BSG vom 19.10.2010 – B 14 AS 50/​10 R[]
  11. vgl BSG vom 19.10.2010, aaO, RdNr 25[]
  12. vgl nur BSG vom 19.10.2010, aaO, RdNr 26 mwN[]
  13. ABl 1797[]
  14. vgl bereits BSG vom 18.06.2008 – B 14/​7b AS 44/​06 R, RdNr 16; BSG vom 19.02.2009 – B 4 AS 30/​08 R, BSGE 102, 263 = SozR 4–4200 § 22 Nr 19, Mün­chen, RdNr 25; BSG vom 17.12.2009 – B 4 AS 27/​09 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 27, Essen; zuletzt: BSG vom 19.10.2010, aaO, RdNr 27 mwN für Ber­lin[]
  15. vgl bereits BSG vom 19.02.2009, aaO, RdNr 25; zuletzt: BSG vom 19.10.2010, aaO, RdNr 28[]
  16. vgl dazu BSG vom 19.10.2010 – B 14 AS 50/​10 R[]
  17. vgl nur BSG vom 19.10.2010 – B 14 AS 50/​10 R[]
  18. sie­he die Tabel­le auf Sei­te 18 des Ber­li­ner Miet­spie­gels 2007[]
  19. vgl Par­al­le­l­ent­schei­dung vom heu­ti­gen 13.04.2011 – B 14 AS 106/​10 R[]
  20. vgl schon BSG vom 19.02.2009 – B 4 AS 30/​08 R, BSGE 102, 263 = SozR 4–4200 § 22 Nr 19, Mün­chen, RdNr 32 ff; BSG vom 17.12.2009 – B 4 AS 27/​09 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 27, Essen, RdNr 33 ff[]
  21. vgl § 22b Abs 3 Satz 2 SGB II idF des Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­set­zes, BGBl I 2011, 453; ähn­lich schon BSG vom 19.02.2009 – B 4 AS 30/​08 R, BSGE 102, 263 = SozR 4–4200 § 22 Nr 19, Mün­chen, RdNr 33 ff; BSG vom 17.12.2009 – B 4 AS 27/​09 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 27, Essen, RdNr 33[]
  22. BSG vom 23.11.2006 – B 11b AS 3/​05 R, SozR 4–4200 § 16 Nr 1 RdNr 15[]
  23. vgl BSG vom 02.07.2009 – B 14 AS 36/​08 R, BSGE 104, 41 = SozR 4–4200 § 22 Nr 23; BSG vom 02.07.2009 – B 14 AS 33/​08 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 25; BSG vom 20.08.2009 – B 14 AS 65/​08 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 26, Zwei­brü­cken, RdNr 23 ff[]
  24. vgl nur BSG vom 27.02.2008 – B 14/​11b AS 15/​07 R, BSGE 100, 94 = SozR 4–4200 § 22 Nr 5[]