Hartz IV für Kinder vor dem Bundesverfassungsgericht

Der Ers­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­han­delt am 20. Okto­ber 2009, 10:00 Uhr, über ins­ge­samt drei Rich­ter­vor­la­gen zu der Fra­ge, ob die Rege­lun­gen im neu­en SGB II, die die Höhe der Regel­leis­tung bei der Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de für Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res bzw. Fami­li­en mit Kin­dern in die­sem Alter betref­fen, ver­fas­sungs­ge­mäß sind. 

Eine die­ser Rich­ter­vor­la­gen stammt vom Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts1, in den zwei ande­ren Fäl­len hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Bestim­mun­gen des SGB II für ver­fas­sungs­wid­rig gehal­ten und dem BVerfG vor­ge­legt2.

Durch das Vier­te Gesetz für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt vom 24. Dezem­ber 2003, das soge­nann­te „Hartz IV”-Gesetz, sind mit Wir­kung ab dem 1. Janu­ar 2005 die bis­he­ri­ge Arbeits­lo­sen­hil­fe und die bis­he­ri­ge Sozi­al­hil­fe im neu geschaf­fe­nen Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch (SGB II) in Form einer ein­heit­li­chen Grund­si­che­rung für Erwerbs­fä­hi­ge und die mit ihnen in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben­den Per­so­nen zusam­men­ge­führt wor­den. Gleich­zei­tig wur­de das Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz (BSHG) auf­ge­ho­ben und das Sozi­al­hil­fe­recht im SGB XII als bedürf­tig­keits­ab­hän­gi­ge Grund­si­che­rung für sol­che Per­so­nen, die nicht nach dem SGB II leis­tungs­be­rech­tigt sind, neu geregelt. 

Leis­tungs­be­rech­tigt nach dem SGB II sind erwerbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge und die mit ihnen in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben­den Per­so­nen. Die Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de leg­te das SGB II zum Zeit­punkt sei­nes Inkraft­tre­tens auf 345 € fest. Die Regel­leis­tung für die übri­gen Mit­glie­der der Bedarfs­ge­mein­schaft bestimmt es als pro­zen­tua­le Antei­le davon. Danach erga­ben sich zum 1. Janu­ar 2005 für Ehe­gat­ten, Lebens­part­ner und Part­ner einer ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft ein Betrag von gerun­det 311 €, für Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jahr ein Betrag von gerun­det 207 € und für Kin­der ab Beginn des 15. Lebens­jah­res ein Betrag von gerun­det 276 €. 

Gegen­über den Rege­lun­gen nach dem BSHG wer­den sowohl die Regel­leis­tung nach dem SGB II als auch der sozi­al­hil­fe­recht­li­che Regel­satz weit­ge­hend pau­scha­liert. Ein­ma­li­ge Bei­hil­fen wer­den nur noch in Aus­nah­me­fäl­len gewährt. Zur Deckung ein­ma­li­ger oder unre­gel­mä­ßig wie­der­keh­ren­der Bedar­fe sind die Regel­leis­tung bzw. die Regel­sät­ze gegen­über der Rechts­la­ge nach dem BSHG erhöht wor­den, damit Leis­tungs­emp­fän­ger ent­spre­chen­de Mit­tel anspa­ren können. 

Die Vor­la­gen der Gerich­te beru­hen auf fol­gen­den Ausgangsverfahren: 

Im Ver­fah­ren 1 BvL 1/​09 (Vor­la­ge des Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts) bezie­hen ein Eltern­paar und ihr 1994 gebo­re­nes Kind seit dem 1. Janu­ar 2005 Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de in Höhe von ins­ge­samt 825 €. Die Bewil­li­gung ent­hielt Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung in Höhe von ins­ge­samt 150 €, eine Regel­leis­tung für die Eltern in Höhe von jeweils 311 € und eine Regel­leis­tung in Höhe von 53 € für das Kind, die sich aus­ge­hend von der gesetz­li­chen Regel­leis­tung in Höhe von 207 € dar­aus ergab, dass das Kin­der­geld in Höhe von 154 Euro monat­lich ange­rech­net wurde. 

Nach­dem Wider­spruch und Kla­ge beim Sozi­al­ge­richt erfolg­los waren, leg­te der 6. Senat des Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge zur Ent­schei­dung vor, ob die Höhe der gesetz­li­chen Regel­leis­tung für die Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens ver­fas­sungs­ge­mäß ist. Der Staat sei ver­pflich­tet, einen am Exis­tenz­mi­ni­mum ori­en­tier­ten Bedarf zu ermit­teln und des­sen Deckung zu gewähr­leis­ten. Die vom Gesetz­ge­ber – durch Bezug­nah­me auf das SGB XII und die Regel­satz­ver­ord­nung (RSV) – über­nom­me­ne Begrün­dung für die in § 28 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 SGB II bei Kin­dern im Alter von 0 bis 14 Jah­ren auf 60 Pro­zent der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de gemäß § 20 Abs. 2 SGB II, d.h. auf 207,- €, fest­ge­setz­te Regel­leis­tung sei nicht trag­fä­hig. Der Gesetz­ge­ber las­se bei der Bemes­sung der Regel­leis­tung für Kin­der deren Betreu­ungs- und Erzie­hungs­be­darf unbe­rück­sich­tigt. Die­ser gehö­re aber nach einem Beschluss des BVerfG3 zum Exis­tenz­mi­ni­mum. Die Gewäh­rung eines zusätz­li­chen Betra­ges für Schul­kin­der in Höhe von 100 € pro Schul­jahr ab August 2009 (§ 24a SGB II in der Fas­sung des Fam­LeistG) behe­be die fest­ge­stell­te Unter­de­ckung nicht ansatzweise. 

Außer­dem ver­sto­ße die Rege­lung gegen den Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG). Zwi­schen älte­ren und Klein­kin­dern wer­de trotz unter­schied­li­chen Bedarfs kein Unter­schied bei der Höhe der Regel­leis­tung gemacht. Zudem wür­den gleich­alt­ri­ge Kin­der, deren Eltern Sozi­al­hil­fe bezie­hen, ohne nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung trotz ver­gleich­ba­rer Bedürf­nis­se teil­wei­se bes­ser gestellt. Dar­über hin­aus ver­sto­ße die Rege­lung gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot gegen­über Ehe und Fami­lie (Art. 3 Abs. 1 iVm Art. 6 Abs. 1 GG), weil bei der Bemes­sung der Regel­leis­tung die Grup­pe der Ein-Per­so­nen-Haus­hal­te als Refe­renz­grup­pe her­an­ge­zo­gen wor­den sei, obwohl deren Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­da­ten erheb­lich unter dem Niveau der Fami­li­en­haus­hal­te lägen. Das wer­de auch durch Vor­tei­le gemein­sa­men Wirt­schaf­tens nicht ausgeglichen. 

Für die aus zwei 1991 und 1993 gebo­re­nen Kin­dern und ihren Eltern bestehen­de Bedarfs­ge­mein­schaft bewil­lig­te die im Aus­gangs­ver­fah­ren 1 BvL 3/​09 (Vor­la­ge des BSG) beklag­te ARGE Regel­leis­tung und Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung für Janu­ar 2005 in Höhe von ins­ge­samt 842,59 € und für Febru­ar 2005 in Höhe von ins­ge­samt 824,89 €. Davon ent­fie­len auf die Kin­der jeweils 102,56 € für Janu­ar 2005 und jeweils 100,41 € für Febru­ar 2005. Bei der Berech­nung der Leis­tun­gen leg­te die ARGE eine Regel­leis­tung von jeweils 207 € für die Kin­der und Kos­ten der Unter­kunft in Höhe von ins­ge­samt 588,02 € zugrun­de und berück­sich­tig­te als leis­tungs­min­dern­des Ein­kom­men sowohl das für die Kin­der gezahl­te Kin­der­geld als auch Erwerbs­ein­kom­men der Eltern. Im Ergeb­nis han­del­te es sich bei den zuguns­ten der Kin­der bewil­lig­ten Leis­tun­gen auf­grund der Rege­lung der § 9 Abs. 2 Satz 3 und § 19 Satz 2 SGB II a.F. aus­schließ­lich um Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung, da das zu berück­sich­ti­gen­de Ein­kom­men den gesetz­li­chen Betrag der Regel­leis­tung über­stieg. Wider­spruch und Kla­gen vor dem Sozi­al­ge­richt und dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt gegen die­se Fest­set­zung blie­ben erfolg­los. Mit ihrer vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on haben die Kin­der als Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens nicht nur ver­fas­sungs­recht­li­che Ein­wän­de gegen die Höhe der gesetz­li­chen Regel­leis­tung erho­ben, son­dern auch gel­tend gemacht, die Leis­tun­gen sei­en nach den gel­ten­den Vor­schrif­ten zu nied­rig fest­ge­setzt wor­den, weil ins­be­son­de­re ein zu hohes Ein­kom­men der Eltern berück­sich­tigt wor­den sei. 

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge zur Ent­schei­dung vor­ge­legt, ob § 28 Abs 1 Satz 3 Nr. 1 SGB II mit Art 3 Abs 1 GG iVm Art 1, 6 Abs 2, 20 Abs 1 GG ver­ein­bar ist, soweit die gesetz­li­che Rege­lung für Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res eine Regel­leis­tung in Höhe von ledig­lich 60% der Regel­leis­tung für Erwach­se­ne vor­sieht, ohne dass der für Kin­der not­wen­di­ge Bedarf ermit­telt und defi­niert wurde. 

Anders als bei der Ermitt­lung der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de habe der Gesetz­ge­ber die von ihm selbst sta­tu­ier­te Sach­ge­setz­lich­keit bei der Fest­set­zung des kin­der­spe­zi­fi­schen Bedarfs ohne hin­rei­chen­den Grund ver­las­sen. Es feh­le an einer ein­ge­hen­den Begrün­dung auf der Basis einer rea­li­täts­be­zo­ge­nen Erfas­sung des spe­zi­el­len Min­dest­be­darfs von Kin­dern. Unklar blei­be vor allem, wie sich der Betrag von 207 € für Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res zusam­men­set­ze, und es sei nicht zu erken­nen, inwie­fern der Gesetz- und Ver­ord­nungs­ge­ber Bil­dungs­aus­ga­ben in die Regel­leis­tung von Kin­dern und Jugend­li­chen ein­be­rech­net habe. Durch die Neu­re­ge­lun­gen zum 1. August 2009 (§ 24a SGB II in der Fas­sung des Fam­LeistG) und zum 1. Juli 2009 (§ 74 SGB II in der Fas­sung des Geset­zes zur Siche­rung von Beschäf­ti­gung und Sta­bi­li­tät in Deutsch­land) wer­de der auf­ge­zeig­te Ver­fas­sungs­ver­stoß der Ungleich­be­hand­lung bzw. man­geln­den Fol­ge­rich­tig­keit bei der Fest­set­zung der Regel­leis­tung für Kin­der und Jugend­li­che zu Beginn des Jah­res 2005 nicht geheilt, son­dern viel­mehr unterstrichen. 

Die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Norm sei auch im Hin­blick auf Art 3 Abs 1 GG frag­lich, weil das Sozi­al­geld für Kin­der nach dem SGB II abschlie­ßend und bedarfs­de­ckend sein soll, wäh­rend Kin­dern von Sozi­al­hil­fe­emp­fän­gern einen davon abwei­chen­den Bedarf gel­tend machen können. 

Schließ­lich ver­sto­ße auch die Fest­set­zung einer ein­heit­li­chen Regel­leis­tung ohne Alters­stu­fen für alle Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz. Es feh­le jeg­li­che Begrün­dung dafür, war­um von der bis­he­ri­gen Dif­fe­ren­zie­rung in § 2 Abs. 3 der Regel­satz­ver­ord­nung zum BSHG abge­wi­chen wor­den und für Kin­der ab Voll­endung des 7. Lebens­jah­res eine Kür­zung vor­ge­nom­men wor­den sei, obwohl, wie der Gesetz­ge­ber nun­mehr in § 24a SGB II selbst aner­ken­ne, Schul­kin­der einen höhe­ren Bedarf auf­wie­sen als Kin­der im Vorschulalter. 

Im Ver­fah­ren 1 BvL 4/​09 (Vor­la­ge des BSG) erhielt die aus den 1998 und 2000 gebo­re­nen Kin­dern und ihren Eltern bestehen­de Bedarfs­ge­mein­schaft ins­ge­samt 716,88 Euro monat­lich. Davon ent­fie­len jeweils 104,60 Euro monat­lich auf die Kin­der. Bei der Berech­nung der Leis­tun­gen berück­sich­tig­te die im Aus­gangs­ver­fah­ren beklag­te ARGE das gezahl­te Kin­der­geld und antei­lig das Erwerbs­ein­kom­men des Vaters. Die nach erfolg­lo­sem Wider­spruch erho­be­ne Kla­ge blieb in ers­ter und zwei­ter Instanz ohne Erfolg. Die Vor­la­ge­fra­ge und die Begrün­dung des Aus­set­zungs- und Vor­la­ge­be­schlus­ses im Ver­fah­ren 1 BvL 4/​09 ist mit der Vor­la­ge­fra­ge und der Begrün­dung des Aus­set­zungsund Vor­la­ge­be­schlus­ses im Ver­fah­ren 1 BvL 3/​09 weit­ge­hend identisch. 

  1. Hess. LSG ‑1 BvL 1/​09[]
  2. BSG, Beschlüs­se vom 27. Janu­ar 2009 – 1 BvL 3/​09 und 1 BvL 4/​09) []
  3. BVerfGE 99, 216, 231 ff.[]