Landwirtschaftliche Grundstücke als verwertbares Vermögen

Bei der Sozi­al­hil­fe gehö­ren zum ver­wert­ba­ren Ver­mö­gen im Sin­ne von § 90 Abs. 1 SGB XII nach einem Urteil des Sozi­al­ge­richts Karls­ru­he grund­sätz­lich auch klei­ne land- und forst­wirt­schaft­li­che Grund­stücks­flä­chen. Die­se sind ver­wert­bar, wenn in abseh­ba­rer Zeit ein ver­tret­ba­rer Preis erzielt wer­den kann. vom Ver­kehrs­wert ist ein 10%iger Ver­wer­tungs­ab­schlag in Abzug zu bringen.

Sozi­al­hil­fe – in dem Ver­fah­ren vor dem Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he in der Form der Hil­fe zur Pfle­ge nach § 61 ff SGB XII – wird gemäß § 19 Abs. 3 SGB XII geleis­tet, soweit dem Leis­tungs­be­rech­tig­ten und sei­nem nicht getrennt leben­den Ehe­gat­ten oder Lebens­part­ner die Auf­brin­gung der Mit­tel aus dem Ein­kom­men und Ver­mö­gen nach den Vor­schrif­ten des Elf­ten Kapi­tels des SGB XII nicht zuzu­mu­ten ist. Was Ver­mö­gen im Sin­ne des SGB XII dar­stellt, ist in § 90 SGB XII gere­gelt. Vom Leis­tungs­be­rech­tig­ten und des­sen nicht getrennt leben­den Ehe­gat­ten ein­zu­set­zen­des Ver­mö­gen im Sin­ne des § 90 SGB XII stel­len alle tat­säch­lich vor­han­de­nen und tat­säch­lich ver­wert­ba­ren Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de dar. Ver­wert­ba­re Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de der Klä­ge­rin und ihres bis zu sei­nem Tode pfle­ge- und hil­fe­be­dürf­ti­gen Ehe­manns sind nach Ansicht des Sozi­al­ge­richts Karls­ru­he aber unter ande­rem in der Form von Grund­ver­mö­gen, näm­lich meh­re­rer land- und forst­wirt­schaft­li­che Grund­stü­cke, vor­han­den gewesen.

Bei den unbe­las­te­ten Grund­stü­cken han­delt es sich zwar dem Grun­de nach um ver­wert­ba­res Ver­mö­gen im Sinn von § 90 Abs. 1 SGB XII. Unter der gebo­te­nen Berück­sich­ti­gung wirt­schaft­li­cher Gesichts­punk­te ist in Wür­di­gung der Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls ein Ver­mö­gens­ge­gen­stand ver­wert­bar, wenn in abseh­ba­rer Zeit ein ver­tret­ba­rer Preis erzielt wer­den kann 1. Bei einem – wie hier not­wen­di­gen – Grund­stücks­ver­kauf ist zu berück­sich­ti­gen, dass ich der Ver­kauf eini­ge Zeit hin­zie­hen kann, wäh­rend­des­sen dem Leis­tungs­be­rech­tig­ten mit Dar­le­hen zu hel­fen ist 2. Die wirt­schaft­li­che Ver­wert­bar­keit eines Ver­mö­gens­ge­gen­stands darf dabei nicht mit der Ver­kehrs­wert­ermitt­lung ver­wech­selt werden.

Die streit­ge­gen­ständ­li­chen Grund­stü­cke ste­hen im Eigen­tum der Klä­ge­rin. Dar­auf, ob sie bereits vor der Ehe­schlie­ßung oder erst wäh­rend der Ehe­zeit in ihr Eigen­tum gefal­len sind, und aus wel­chem Rechts­grund her­aus dies gesche­hen ist (hier: Erbe), ist sozi­al­hil­fe­recht­lich nicht erheb­lich. Ins­be­son­de­re ver­mag das Gericht kei­ne „Här­te“ des Ver­mö­gens­an­sat­zes schon dem Grun­de anzu­er­ken­nen. Nach § 90 Abs. 3 S. 1 SGB XII darf Sozi­al­hil­fe nicht vom Ein­satz oder von der Ver­wer­tung eines Ver­mö­gens abhän­gig gemacht wer­den, soweit dies für den, der das Ver­mö­gen ein­zu­set­zen hat, und für sei­ne unter­halts­be­rech­tig­ten Ange­hö­ri­gen eine Här­te bedeu­ten wür­den. Dies ist gemäß § 90 Abs. 3 S. 2 SGB XII bei der Leis­tung nach dem Fünf­ten bis Neun­ten Kapi­tel des SGB XII ins­be­son­de­re der Fall, soweit eine ange­mes­se­ne Lebens­füh­rung oder die Auf­recht­erhal­tung einer ange­mes­se­nen Alters­si­che­rung wesent­lich erschwert wür­de. Das so här­te­fall­be­zo­gen geschon­te Ver­mö­gen soll gewähr­leis­ten, dass die Sozi­al­hil­fe nicht zu einer wesent­li­chen Ver­schlech­te­rung der vor­han­de­nen Lebens­grund­la­ge führt; der Wil­le zur Selbst­hil­fe des Leis­tungs­be­rech­tig­ten soll nicht gelähmt wer­den 3. An die­sem Maß­stab ori­en­tiert, steht eine Här­te im Sin­ne des Geset­zes der wirt­schaft­li­chen Ver­wer­tung der land- und forst­wirt­schaft­li­chen Klein­flä­chen jeden­falls dem Grun­de nach recht­lich nichts ent­ge­gen. Die Klä­ge­rin bewirt­schaf­tet die Flä­chen nicht selbst 4 und ist in ihrer kon­kre­ten Lebens­füh­rung aktu­ell und künf­tig auch nicht auf die ohne­hin nur gerin­gen Erträ­ge – nach dem Vor­trag der Klä­ge­rin: 70 € jähr­li­che Pacht­zah­lun­gen – ent­schei­dend ange­wie­sen. Eben­so wenig ist dafür erkenn­bar, dass sie auf die Grund­stü­cke zur Auf­recht­erhal­tung einer ange­mes­se­nen Alters­si­che­rung ange­wie­sen sein könn­te. Der Erwerbs­grund des Ver­mö­gens, hier Erbe, ist sozi­al­hil­fe­recht­lich nicht beson­ders geschützt 5.

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 27. April 2010 – S 4 SO 3120/​08

  1. vgl. BVerw­GE 21, 208, 212, 213; 38, 307, 309; 55, 148, 152; 67, 163, 166, 167; sowie BVerwG, Urteil vom 12.10.1993 – 5 C 38/​92, Buch­holz 436.0 § 2 BSHG Nr. 16; BVerwG, Beschlüs­se vom 13.05.1996 – 5 B 52/​96; und vom 21.12.1999 – 5 B 84.99 – „berei­te Mit­tel“ -[]
  2. vgl. Wah­ren­dorf, in Grube/​Wahrendorf, SGB XII, Kom­men­tar, 2. Aufl. 2008, § 90 Rn. 13; W. Schell­horn, in Schellhorn/​Schellhorn/​Hohm, SGB XII, Kom­men­tar, 2009, § 90 Rn. 12[]
  3. vgl. näher: Wah­ren­dorf, a. a. O., § 90 Rn. 41 ff. m. w. N. der Rspr.[]
  4. vgl. SHR 90.39[]
  5. vgl. nur Wah­ren­dorf, a a. O., § 90 Rn. 8 m. w. N. der Rspr.[]