Leistungsrückforderung bei Straftat

Nicht jedes ver­werf­li­che Ver­hal­ten, das zu einer Leis­tungs­er­brin­gung nach dem SGB II führt, hat eine Ersatz­pflicht zur Fol­ge. Ledig­lich bei einem „sozi­al­wid­ri­gen Ver­hal­ten” mit spe­zi­fi­schem Bezug zur Leis­tungs­er­brin­gung kann die Leis­tung zurück­ge­for­dert wer­den. Das Ver­hal­ten muss in sei­ner Hand­lungs­ten­denz auf die Her­bei­füh­rung von Bedürf­tig­keit bzw den Weg­fall der Erwerbs­fä­hig­keit oder ‑mög­lich­keit gerich­tet sein.

Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in dem hier vor­lie­gen­den Fall der Revi­si­on eines Straf­tä­ters statt­ge­ge­ben, mit der er sich gegen die Rück­zah­lung von Leis­tun­gen gewehrt hat, die an sei­ne Ehe­frau und Toch­ter gezahlt wor­den sind. Der 1973 gebo­re­ne Klä­ger wur­de wegen einer im Juli 2003 began­ge­nen Straf­tat (räu­be­ri­scher Dieb­stahl in Tat­ein­heit mit vor­sätz­li­cher Kör­per­ver­let­zung, ver­such­te Ver­ge­wal­ti­gung) zu einer zur Bewäh­rung aus­ge­setz­ten Frei­heits­stra­fe von zwei Jah­ren ver­ur­teilt. Wegen des drin­gen­den Ver­dachts, dass er die Geschä­dig­te (erneut) tele­fo­nisch kon­tak­tie­re, war er vom 17. Janu­ar 2005 bis zum 18. März 2005 in Unter­su­chungs­haft. Der Arbeit­ge­ber kün­dig­te das Arbeits­ver­hält­nis des Klä­gers zum 24. Janu­ar 2005. Der SGB II-Trä­ger bewil­lig­te der Ehe­frau und der gemein­sa­men, 2004 gebo­re­nen Toch­ter für die Zeit vom 15. Febru­ar bis 31. März 2005 SGB II-Leis­tun­gen. Von dem Klä­ger ver­lang­te er „Kos­ten­er­satz wegen schuld­haf­ten Ver­hal­tens” in Höhe von 1.477,41 Euro, weil die­ser mit dem Ver­lust des Arbeits­plat­zes infol­ge sei­ner Inhaf­tie­rung die Hil­fe­be­dürf­tig­keit von Ehe­frau und Kind grob fahr­läs­sig her­bei­ge­führt habe.

Das Sozi­al­ge­richt hat die Ersatz­be­schei­de auf­ge­ho­ben. Auf die Beru­fung des Beklag­ten hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt das Urteil des Sozi­al­ge­richts abge­än­dert und die Kla­ge abge­wie­sen: Durch sei­ne straf­ba­re Hand­lung habe der Klä­ger im Sin­ne von § 34 SGB II sozi­al­wid­rig ohne wich­ti­gen Grund und zumin­dest grob fahr­läs­sig gehan­delt. Sowohl im Zeit­punkt des sozi­al­wid­ri­gen Ver­hal­tens (Straf­tat im Jah­re 2003) als auch bei Ein­tritt der Hil­fe­be­dürf­tig­keit (Unter­su­chungs­haft im Jah­re 2005) habe die Bedarfs­ge­mein­schaft mit der Ehe­frau und dem Kind exis­tiert und wäh­rend der Haft fort­be­stan­den. Dage­gen hat der Klä­ger Revi­si­on ein­ge­legt.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts hat nicht jedes ‑ hier in hohem Maße gege­be­ne ‑ ver­werf­li­che Ver­hal­ten, das zu einer Leis­tungs­er­brin­gung nach dem SGB II führt, eine Ersatz­pflicht zur Fol­ge. Erfasst wird nur ein „sozi­al­wid­ri­ges Ver­hal­ten” mit spe­zi­fi­schem Bezug zur Leis­tungs­er­brin­gung. Dies ergibt sich aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Kos­ten­er­satz­pflicht in ihrer Neu­fas­sung bei Ein­füh­rung des Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­set­zes sowie dem jet­zi­gen sys­te­ma­ti­schen Kon­text des § 34 SGB II mit wei­te­ren SGB II-Rege­lun­gen.

Die ein­schrän­ken­de Aus­le­gung gilt auch für die Anwen­dung des § 34 Abs 1 SGB II, weil es sich um exis­tenz­si­chern­de und nur bedarfs­ab­hän­gi­ge Leis­tun­gen han­delt, auf die ein Rechts­an­spruch besteht und die grund­sätz­lich unab­hän­gig von ihrer Ursa­che und einem etwai­gen vor­werf­ba­ren Ver­hal­ten in der Ver­gan­gen­heit zu leis­ten sind. Die­ser Grund­satz darf nicht durch eine weit­rei­chen­de Ersatz­pflicht unter­lau­fen wer­den. Zudem sind die zT vom Sozi­al­hil­fe­recht abwei­chen­den Wer­tun­gen des SGB II bei der Ein­stu­fung eines Ver­hal­tens als sozi­al­wid­rig im Sin­ne des § 34 SGB II ein­zu­be­zie­hen.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze ist das Ver­hal­ten des Klä­gers nicht als sozi­al­wid­rig im Sin­ne des § 34 SGB II ein­zu­stu­fen, obwohl es ‑ wie des­sen straf­recht­li­che Bewer­tung zeigt ‑ in hohem Maße ver­werf­lich ist. Anders als mög­li­cher­wei­se bei Ver­mö­gens­de­lik­ten besteht bei den hier im Mit­tel­punkt ste­hen­den Straf­ta­ten kei­ne spe­zi­fi­sche Bezie­hung bzw kein inne­rer Zusam­men­hang zur Her­bei­füh­rung von Hil­fe­be­dürf­tig­keit nach dem SGB II. Das mit der Straf­tat im Jah­re 2003 im Zusam­men­hang ste­hen­de, kon­kret zur Inhaf­tie­rung im Janu­ar 2005 füh­ren­de Ver­hal­ten des Klä­gers war in sei­ner Hand­lungs­ten­denz nicht auf die Her­bei­füh­rung von Bedürf­tig­keit bzw den Weg­fall der Erwerbs­fä­hig­keit oder ‑mög­lich­keit gerich­tet.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 2. Novem­ber 2012 – B 4 AS 39/​12 R