Pauschaler Abzug von Stromkosten

Für eine vom Job­cen­ter vor­ge­nom­me­ne Kür­zung der Leis­tun­gen für die Unter­kunft um einen aus der Regel­leis­tung ermit­tel­ten Anteil für Haus­halts­ener­gie gibt es kei­ne Rechts­grund­la­ge. Auf die Strom­kos­ten als Bestand­teil einer Inklu­siv­mie­te ist die Behand­lung der Kos­ten der Warm­was­ser­be­rei­tung nach § 20 Abs 1 Satz 1 SGB II nF („… ohne die auf die Hei­zung und Erzeu­gung von Warm­was­ser ent­fal­len­den Antei­le …”) nicht über­trag­bar.

So die Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Streits über den pau­scha­len Abzug von Strom­kos­ten von den Kos­ten der Unter­kunft. Dem erwerbs­fä­hi­gen, hil­fe­be­dürf­ti­gen und allein leben­den Klä­ger bewil­lig­te die Rechts­vor­gän­ge­rin des beklag­ten Job­cen­ters für Mai 2005 Leis­tun­gen in Höhe von 188,84 Euro und für Juni bis Novem­ber 2005 monat­lich Leis­tun­gen in Höhe von 427 Euro. Der Berech­nung wur­de eine Regel­leis­tung in Höhe von 345 Euro und Leis­tun­gen für die Unter­kunft und Hei­zung in Höhe von 82 Euro zugrun­de gelegt. Von der tat­säch­lich vom Klä­ger zu zah­len­den Unter­mie­te in Höhe von 110 Euro zog der Beklag­te 28 Euro ab, weil nach dem Unter­miet­ver­trag in dem Unter­miet­zins neben der Hei­zung der Strom ent­hal­ten war. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren hat der Klä­ger Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Ham­burg 1 erho­ben. Dem Sozi­al­ge­richt erschien ein Abzug von nur 16 Euro monat­lich für die in der Regel­leis­tung und eben­falls in der Pau­schal­mie­te des Klä­gers ent­hal­te­nen Ener­gie­kos­ten nach den Umstän­den des Ein­zel­falls als ange­mes­sen. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ham­burg hat die nur von dem Beklag­ten ein­ge­leg­te Beru­fung zurück­ge­wie­sen 2. Dar­auf­hin hat der Beklag­te Revi­si­on beim Bun­des­so­zi­al­ge­richt ein­ge­reicht und die Ver­let­zung von §§ 20, 22 SGB II gerügt, weil die Kos­ten der Haus­halts­ener­gie in der Regel­leis­tung ent­hal­ten sei­en. Eben­so wie die Kos­ten der Warm­was­ser­be­rei­tung aus den Heiz­kos­ten her­aus­zu­rech­nen sei­en, sei­en die in einer Inklu­siv­mie­te ent­hal­te­nen Kos­ten der Haus­halts­ener­gie her­aus­zu­rech­nen.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ist zwar in den Auf­wen­dun­gen für die Unter­kunft ein (unbe­stimm­ter) Betrag für den Strom ent­hal­ten und die Haus­halts­ener­gie auch von der Regel­leis­tung umfasst, aber es kön­nen die Auf­wen­dun­gen für die Unter­kunft und Hei­zung – wie auch die Regel­leis­tung – nicht gekürzt wer­den.

Dass die Haus­halts­ener­gie in der Regel­leis­tung ent­hal­ten ist, ist dem Wort­laut der hier maß­ge­ben­den Fas­sung des § 20 Abs 1 SGB II auf­grund des ArbM­DiensLG 4 nicht unmit­tel­bar zu ent­neh­men. Die Regel­leis­tung war jedoch ent­spre­chend dem Regel­satz des zum Zeit­punkt der Schaf­fung des SGB II bestehen­den Sozi­al­hil­fe­rechts ent­wi­ckelt wor­den 3, in dem die Kos­ten der Haus­halts­ener­gie im Regel­satz ent­hal­ten waren und nicht ein wei­te­res Mal in den Kos­ten der Unter­kunft gel­tend gemacht wer­den konn­ten 4. Daher umfass­te die Regel­leis­tung bereits unter der Gel­tung des § 20 Abs 1 SGB II idF des ArbM­DienstLG 4 die Kos­ten für Haus­halts­ener­gie 5.

Bestä­tigt wird die­se Aus­le­gung durch die Neu­fas­sung des § 20 Abs 1 Satz 1 SGB II idF des ArbM­DienstLG 4 durch das Gesetz zur Fort­ent­wick­lung der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 20. Juli 2006 6, nach der die Regel­leis­tung auch die „Haus­halts­ener­gie ohne die auf die Hei­zung ent­fal­len­den Antei­le” umfasst. Nach der Geset­zes­be­grün­dung han­del­te es sich hier­bei um eine Klar­stel­lung, um sys­tem­wid­ri­ge dop­pel­te Leis­tun­gen zu ver­mei­den 7.

Der Revi­si­on kann nicht gefolgt wer­den, wenn sie aus­ge­hend von der Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zu den Kos­ten der Warm­was­ser­be­rei­tung 8 einen Betrag von 20,74 Euro aus der vom Klä­ger zu zah­len­den Inklu­siv­mie­te von 110 Euro als durch die Regel­leis­tung gedeckt her­aus­rech­nen will.

Die­ser für die Haus­halts­ener­gie in der Rege­leis­tung ent­hal­te­ne Betrag ergibt aus dem zur Begrün­dung der Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung des § 28 SGB XII 9) vor­ge­leg­ten Zah­len­werk auf­grund der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be 1998, ver­min­dert um die Kos­ten für die Repa­ra­tur und Instand­hal­tung der Woh­nung und der Dyna­mi­sie­rung bzw Fort­schrei­bung die­ser Wer­te auf den Zeit­punkt 1.1.2005 10. Hier­bei ist zu beach­ten, dass unter Haus­halts­ener­gie nicht nur Strom fällt, son­dern auch zB Gas für die Koch­feue­rung.

Einem Her­aus­rech­nen des in der Regel­leis­tung für die Haus­halts­ener­gie zugrun­de geleg­ten Betrags steht zunächst ent­ge­gen, dass nach dem Leis­tungs­sys­tem des SGB II eine indi­vi­du­el­le Bedarfs­er­mitt­lung bzw abwei­chen­de Bestim­mung der Höhe der Regel­leis­tung gesetz­lich nicht vor­ge­se­hen ist. Dies gilt sowohl zu Guns­ten wie auch zu Las­ten des Hil­fe­be­dürf­ti­gen 11.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zu den Kos­ten der Warm­was­ser­be­rei­tung 8 trägt dem­ge­gen­über der Beson­der­heit die­ser Kos­ten nach der vor­he­ri­gen Rechts­la­ge zum BSHG Rech­nung, auf der das Leis­tungs­sys­tem des SGB II auf­baut, und in des­sen Sys­tem die­se Kos­ten schon einen Son­der­fall dar­stell­ten. Die­se Son­der­stel­lung der Kos­ten der Warm­was­ser­be­rei­tung hat der Gesetz­ge­ber aner­kannt, indem er, wie dar­ge­stellt, durch das GSi­FoG § 20 Abs 1 Satz 1 SGB II dahin­ge­hend geän­dert hat, dass die Regel­leis­tung auch die „Haus­halts­ener­gie ohne die auf die Hei­zung ent­fal­len­den Antei­le” umfasst. Damit hat der Gesetz­ge­ber eine Son­der­re­ge­lung für die Kos­ten der Warm­was­ser­be­rei­tung geschaf­fen, die er mit der Ein­füh­rung eines Mehr­be­dar­fes für die Warm­was­ser­be­rei­tung in § 21 Abs 7 SGB II in der Fas­sung des Geset­zes zur Ermitt­lung von Regel­be­dar­fen und zur Ände­rung des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch vom 24.3.2011 12 bestä­tigt hat.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ist die­se Son­der­stel­lung der Kos­ten der Warm­was­ser­be­rei­tung eben­falls betont wor­den 13.

Ergän­zend ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass jede Kür­zung des Bedarfs des Klä­gers, der sich aus der Regel­leis­tung und den tat­säch­li­chen Auf­wen­dun­gen für die Unter­kunft und Hei­zung, soweit die­se ange­mes­sen sind, zusam­men­setzt, eine begrün­de­te Her­lei­tung die­ses Kür­zungs­be­tra­ges erfor­dert. Eine Schät­zung setzt die Ermitt­lung und Benen­nung der Schät­zungs­grund­la­gen vor­aus (vgl § 287 Zivil­pro­zess­ord­nung), sie darf nicht „völ­lig in der Luft hän­gen” 14).

Vor­lie­gend kann ein sol­cher Betrag jedoch nicht ermit­telt wer­den. Der Beklag­te ist zunächst von 28 Euro aus­ge­gan­gen und hat die­se pro Monat abge­zo­gen, ohne es näher zu begrün­den. Das Sozi­al­ge­richt hat dem Klä­ger wei­te­re 12 Euro zuge­spro­chen, damit für Haus­halts­ener­gie nur noch 16 Euro abge­zo­gen und zur Begrün­dung eine tele­fo­ni­sche Aus­kunft der Fir­ma Vat­ten­fall und Über­le­gun­gen zum Ener­gie­ver­brauch eines Zwei­per­so­nen­haus­hal­tes ange­führt. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt, das die Beru­fung des Beklag­ten zurück­ge­wie­sen hat, hat sich mit der Höhe des Betrags nicht beschäf­tigt. Im Revi­si­ons­ver­fah­ren meint der Beklag­te, zumin­dest ein Betrag von 20,74 Euro sei abzu­zie­hen. Wie­so jedoch der gesam­te für Haus­halts­ener­gie in der Regel­leis­tung ent­hal­te­ne Betrag bei einer Inklu­siv­mie­te, die die Strom­kos­ten umfasst, abzu­zie­hen sein soll, obwohl es wei­te­re For­men der Haus­halts­ener­gie geben kann, bleibt offen.

Die Höhe des Betrags von 20,74 Euro als der Anteil für Haus­halts­ener­gie in der Regel­leis­tung zeigt eben­falls, dass den dahin­ge­hen­den Über­le­gun­gen des Beklag­ten nicht gefolgt wer­den kann: Denn damit wür­de von der vom Klä­ger zu zah­len­den Inklu­siv­mie­te von 110 Euro fast ein Fünf­tel auf die Haus­halts­ener­gie, also ins­be­son­de­re auf den Strom in einem Zim­mer ent­fal­len, wäh­rend für die Kalt­mie­te, die Betriebs­kos­ten und die Hei­zung nur cir­ca 90 Euro übrig blie­ben.

Deut­lich wird hier­an noch­mals der Wider­spruch zum Pau­schal­cha­rak­ter der Regel­leis­tung: Ob der Hil­fe­be­dürf­ti­ge 20,74 Euro oder mehr oder weni­ger für die Haus­halts­ener­gie aus­gibt, bleibt ihm nach dem Kon­zept des SGB II über­las­sen. Wenn er sich eine klei­ne Woh­nung nimmt und einen gerin­gen Ener­gie­ver­brauch hat, kann er den inso­fern nicht genutz­ten Anteil aus sei­ner Regel­leis­tung ander­weit ver­wen­den. Dies darf nach der auf­ge­zeig­ten Sys­te­ma­tik des SGB II nicht durch ent­spre­chen­de Anrech­nun­gen von Ein­zel­po­si­tio­nen aus der Regel­leis­tung auf die tat­säch­li­chen Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Hei­zung kon­ter­ka­riert wer­den.

Dass eine von der Auf­fas­sung des Beklag­ten aus­ge­hen­de Über­le­gung, der Klä­ger kön­ne, um die Anrech­nung der Haus­halts­ener­gie bei der Leis­tung für Unter­kunft und Hei­zung zu ver­mei­den, in eine ande­re Woh­nung mit einem „nor­ma­len” Miet­ver­trag zie­hen, in die Irre führt, zeigt die Höhe der Inklu­siv­mie­te von 110 Euro in Ham­burg. Soll­ten die Auf­wen­dun­gen für die Unter­kunft und Hei­zung bei einer Inklu­siv­mie­te nicht ange­mes­sen sein, so kann das Job­cen­ter im Übri­gen ein Kos­ten­sen­kungs­ver­fah­ren ein­lei­ten.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 24. Novem­ber 2011 – B 14 AS 151/​10 R

Pauschaler Abzug von Stromkosten
  1. SG Ham­burg, Urteil vom 26.02.2007 – S 54 AS 1340/​05[]
  2. LSG Ham­burg, Urteil vom 28.01.2010 – L 5 AS 9/​07[]
  3. vgl die Geset­zes­be­grün­dung in BT-Drucks 15/​1516, S 56 zu § 20[]
  4. vgl nur § 1 Abs 1 Satz 1 der Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung des § 22 Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz, BSHG, vom 20.07.1962, BGBl I 515, zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 14.11.2003, BGBl I 2190[]
  5. vgl nur BSG, Urteil vom 27.02.2008 – B 14/​11b AS 15/​07 R, BSGE 100, 94 = SozR 4–4200 § 22 Nr 5, RdNr 21 mwN[]
  6. BGBl I 1706 – GSi­FoG[]
  7. BT-Drucks 16/​1410, S 23[]
  8. BSG vom 27.02.2008 – B 14/​11b AS 15/​07 R, BSGE 100, 94 = SozR 4–4200 § 22 Nr 5[][]
  9. vom 03.06.2004, BGBl I 1067 – RSV[]
  10. BSG vom 27.02.2008 – B 14/​11b AS 15/​07 R, BSGE 100, 94 = SozR 4–4200 § 22 Nr 5, RdNr 26 unter Hin­weis auf BR-Drucks 206/​04, S 7, 11 ff[]
  11. BSG vom 18.06.2008 – B 14 AS 22/​07 R, BSGE 101, 70 = SozR 4–4200 § 11 Nr 11, RdNr 22 mwN[]
  12. BGBl I 453[]
  13. BSG vom 07.05.2009 – B 14 AS 14/​08 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 20 RdNr 23 zum Küchen­zu­schlag[]
  14. BGHZ 91, 243 = NJW 1984, 2216; vgl für die Warm­was­ser­be­rei­tung: BSG vom 27.02.2008 – B 14/​11b AS 15/​07 R -, aaO RdNr 26[]