Private Krankenversicherung statt Sozialhilfe

Mit Ein­füh­rung des Kon­tra­hie­rungs­zwangs für Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung zum 1. Juli 2007 stellt die Mög­lich­keit des Abschlus­ses eines pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges für den Hil­fe­su­chen­den jeden­falls dann eine den sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Anspruch auf Hil­fe bei Krank­heit aus­schlie­ßen­de Selbst­hil­fe­mög­lich­keit dar, wenn die Zuord­nung zur pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ein­deu­tig ist. Die ggf. feh­len­de finan­zi­el­le Mög­lich­keit der Bei­trags­zah­lung steht dem nicht entgegen.

Nach § 264 Abs. 2 Satz 1 SGB V wird die Kran­ken­be­hand­lung unter ande­rem von Emp­fän­gern von Leis­tun­gen nach dem Drit­ten bis Neun­ten Kapi­tel des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch, die nicht ver­si­chert sind, von der Kran­ken­kas­se über­nom­men. Zu den Leis­tun­gen des mit umfass­ten Fünf­ten Kapi­tels gehört auch die Kran­ken­hil­fe nach § 48 SGB XII. Aller­dings regelt § 48 Satz 2 SGB XII, dass die Rege­lun­gen des § 264 SGB V vor­ge­hen. Um einen Zir­kel­schluss zu ver­mei­den, ist § 264 Abs. 2 Satz 1 SGB V so zu lesen, dass Per­so­nen, die Anspruch auf Leis­tun­gen nach den §§ 47 ff. SGB XII haben, für die orga­ni­sa­to­ri­sche Bereit­stel­lung der Hil­fe bei Krank­heit in den Zustän­dig­keits­be­reich der Kran­ken­kas­sen fal­len. Durch § 264 Abs. 2 bis 7 SGB V über­trägt das Gesetz also den Kran­ken­kas­sen die Auf­ga­be, die ein­zel­ne Leis­tung der Kran­ken­be­hand­lung gegen­über Leis­tungs­be­rech­tig­ten nach dem SGB XII zu „über­neh­men”. Die­se erhal­ten nach § 291 SGB V eine Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te der grund­sätz­lich von ihnen zu wäh­len­den Kran­ken­kas­se. Inso­weit besteht zwi­schen der Kran­ken­kas­se und dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger ein gesetz­li­ches Auf­trags- oder zumin­dest auf­trags­ähn­li­ches Ver­hält­nis1. Aus die­sem erwächst dem ein­zel­nen Hil­fe­be­dürf­ti­gen ein Anspruch gegen die Kran­ken­kas­se auf die Erbrin­gung ein­zel­ner Leis­tun­gen der Behand­lung im Krank­heits­fall2. Grund­la­ge hier­für ist jedoch ein grund­sätz­li­cher Leis­tungs­an­spruch des Hil­fe­be­dürf­ti­gen gegen den Sozi­al­hil­fe­trä­ger nach den Vor­schrif­ten des Drit­ten bis Neun­ten Kapi­tels des SGB XII; die Hil­fe bei Krank­heit ist bei die­sem Per­so­nen­kreis jeden­falls dem Grun­de nach eine Auf­ga­be des Sozi­al­hil­fe­trä­gers3. Hil­fe­be­dürf­ti­ge haben Anspruch auf Hil­fe bei Krank­heit, der unter­schied­lich erfüllt wird: ent­we­der unmit­tel­bar durch den Sozi­al­hil­fe­trä­ger nach § 48 Satz 1 SGB XII oder (vor­ran­gig) nach den Rege­lun­gen des § 264 SGB V. Zunächst muss daher eine gene­rel­le Gewäh­rung von Leis­tun­gen der Kran­ken­hil­fe durch den Sozi­al­hil­fe­trä­ger erfol­gen, der für die Prü­fung der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen zustän­dig bleibt4.

Einem Anspruch des Klä­gers kann daher, eine Hil­fe­be­dürf­tig­keit unter­stellt, nur der Grund­satz des Nach­ran­ges der Sozi­al­hil­fe nach § 2 Abs. 1 SGB XII ent­ge­gen ste­hen, der auch für die Leis­tun­gen nach dem Fünf­ten Kapi­tel gilt. Danach erhält Sozi­al­hil­fe nicht, wer sich vor allem durch Ein­satz sei­ner Arbeits­kraft, sei­nes Ein­kom­mens und sei­nes Ver­mö­gens selbst hel­fen kann oder wer die erfor­der­li­che Leis­tung von ande­ren, ins­be­son­de­re von Ange­hö­ri­gen oder von Trä­gern ande­rer Sozi­al­leis­tun­gen, erhält. Da der Klä­ger im strei­ti­gen Zeit­raum tat­säch­lich kei­nen Ver­trag mit einem pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men geschlos­sen und auch kei­ne Leis­tun­gen bei Krank­heit erhal­ten hat, kommt nur die Alter­na­ti­ve der Selbst­hil­fe in Betracht.

Sich selbst hel­fen bedeu­tet, dass der gel­tend gemach­te Bedarf ohne die Leis­tun­gen der Sozi­al­hil­fe recht­zei­tig und in zumut­ba­rer Wei­se gedeckt wer­den kann. Die Auf­zäh­lung der Mit­tel zur Selbst­hil­fe ist nach dem Wort­laut nicht abschlie­ßend („vor allem”), son­dern nur bei­spiel­haft5. Dies spricht für ein umfas­sen­des Gebot zur Selbst­hil­fe bzw. der Inan­spruch­nah­me ande­rer6. Aus der Sys­te­ma­tik des Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch ent­nimmt das Bun­des­so­zi­al­ge­richt7 jedoch, dass es sich bei § 2 Abs. 1 SGB XII nicht um eine iso­lier­te Aus­schluss­norm han­delt; eine Aus­schluss­wir­kung ohne Rück­griff auf ande­re Nor­men des SGB XII ist den­noch denk­bar in extre­men Aus­nah­me­fäl­len („all­ge­mei­ne Selbst­hil­fe nach § 2 Abs. 1, 1. Alt SGB XII”), etwa wenn sich der Bedürf­ti­ge gene­rell eige­nen Bemü­hun­gen ver­schließt und Ansprü­che ohne wei­te­res rea­li­sier­bar sind. Auch die enge­ren Vor­aus­set­zun­gen eines sol­chen Aus­nah­me­fal­les sind hier erfüllt.

Der Aus­schluss greift nur dann, wenn der Bedarf recht­zei­tig gedeckt wer­den kann. Es kommt mit­hin nicht auf abs­trak­te Rechts­po­si­tio­nen an, son­dern auf die tat­säch­li­che Mög­lich­keit der Bedarfs­de­ckung8. Fehlt es an „berei­ten Mit­teln” muss die Sozi­al­hil­fe ein­grei­fen9. Für die Ver­sa­gung der Sozi­al­hil­fe reicht es aber aus, dass in die­sem Sin­ne eine Mög­lich­keit der Selbst­hil­fe durch berei­te Mit­tel besteht10. Eine Ver­knüp­fung von Selbst- und Fremd­hil­fe besteht dar­in, dass auch der­je­ni­ge sich selbst hel­fen kann, der Ansprü­che gegen Drit­te hat oder Leis­tun­gen von Drit­ten erhal­ten kann. Denn mit dem Nach­rang­grund­satz ver­trägt es sich nicht, wenn ein Hil­fe­su­chen­der ohne Rück­sicht auf die Mög­lich­keit der Bedarfs­be­frie­di­gung von drit­ter Sei­te Sozi­al­hil­fe begehrt. Der Hil­fe­su­chen­de hat nicht die Wahl zwi­schen der Inan­spruch­nah­me Drit­ter und der der Sozi­al­hil­fe. Auf einen Man­gel an „berei­ten Mit­teln” kann sich daher nicht beru­fen, wer einen ihm zuste­hen­den, rea­li­sier­ba­ren Anspruch, des­sen Erfül­lung die Not­la­ge zu behe­ben geeig­net ist, nicht durch­setzt11. Vor­aus­set­zung hier­für ist, dass der Anspruch geeig­net ist, die Not­la­ge zu behe­ben, sowie tat­säch­lich und recht­zei­tig durch­setz­bar. Letz­te­res ist nur gewahrt, wenn die Rea­li­sie­rung im Bedarfs­zeit­raum mög­lich ist12.

Da es nicht um eine tat­säch­lich erbrach­te Leis­tung geht, son­dern (nur) um einen rea­li­sier­ba­ren Anspruch dar­auf, spielt es kei­ne Rol­le, dass der Klä­ger einen Ver­trag mit einem pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men tat­säch­lich nicht geschlos­sen hat. Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob der Klä­ger als Selbst­hil­fe einen sol­chen Ver­trag hät­te schlie­ßen und im Bedarfs­fal­le auch sofort Leis­tun­gen hier­aus erhal­ten kön­nen. In Betracht kommt hier für die Zeit bis zum 31. Dezem­ber 2008 ein Ver­trag im Stan­dard­ta­rif gem. § 315 SGB V und für die Zeit ab dem 1. Janu­ar 2009 ein sol­cher im Basis­ta­rif nach § 193 VVG.

Mit dem Gesetz zur Stär­kung des Wett­be­werbs in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV-WSG)13 hat der Gesetz­ge­ber das Ziel ver­folgt, einen „Ver­si­che­rungs­schutz für alle Ein­woh­ner ohne Absi­che­rung im Krank­heits­fall in der gesetz­li­chen oder pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung” zu schaf­fen14. Alle Per­so­nen mit Wohn­sitz in Deutsch­land, die bis­her kei­nen ander­wei­ti­gen Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz haben, sol­len danach eine Absi­che­rung im Krank­heits­fall erhal­ten. In die­sem Zuge wur­de in § 5 Abs. 1 Nr. 13 SGB V mit Wir­kung vom 1. April 2007 ein Auf­fang­tat­be­stand der Ver­si­che­rungs­pflicht für die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung geschaf­fen, der ergänzt wird durch die kor­re­spon­die­ren­den Rege­lun­gen des § 315 SGB V und § 193 VVG für Per­so­nen, die der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung zuzu­ord­nen sind.

§ 315 Abs. 1 SGB V in der Fas­sung des GKV-WSG, die zum 1. Juli 2007 in Kraft getre­ten ist, trifft für die Über­gangs­zeit bis zum Inkraft­tre­ten des Basis­ta­rifs am 1. Janu­ar 2009 fol­gen­de Rege­lung: Per­so­nen, die weder

  1. in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­si­chert oder ver­si­che­rungs­pflich­tig sind,
  2. über eine pri­va­te Krank­heits­voll­ver­si­che­rung verfügen,
  3. einen Anspruch auf freie Heil­für­sor­ge haben, bei­hil­fe­be­rech­tigt sind oder ver­gleich­ba­re Ansprü­che haben,
  4. Anspruch auf Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz haben noch
  5. Leis­tun­gen nach dem Drit­ten, Vier­ten, Sechs­ten und Sieb­ten Kapi­tel des Zwölf­ten Buches beziehen,

kön­nen bis zum 31. Dezem­ber 2008 Ver­si­che­rungs­schutz im Stan­dard­ta­rif gemäß § 257 Abs. 2a SGB V ver­lan­gen; in den Fäl­len der Num­mern 4 und 5 begrün­den Zei­ten einer Unter­bre­chung des Leis­tungs­be­zugs von weni­ger als einem Monat kei­nen ent­spre­chen­den Anspruch. Der Antrag darf nicht abge­lehnt wer­den. Die in § 257 Abs. 2a Nr. 2b genann­ten Vor­aus­set­zun­gen gel­ten für Per­so­nen nach Satz 1 nicht; Risi­ko­zu­schlä­ge dür­fen für sie nicht ver­langt werden.

Nach Abs. 4 wer­den die gemäß Absatz 1 abge­schlos­se­nen Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge im Stan­dard­ta­rif zum 1. Janu­ar 2009 auf Ver­trä­ge im Basis­ta­rif nach § 12 Abs. 1a VAG umgestellt.

Der in Bezug genom­me­ne Stan­dard­ta­rif muss nach § 257 Abs. 2a SGB V in der bis zum 31. Dezem­ber 2008 gel­ten­den Fas­sung vom 16. Juli 2007 Ver­trags­leis­tun­gen vor­se­hen, die den Leis­tun­gen des SGB V bei Krank­heit jeweils ver­gleich­bar sind.

§ 193 VVG in der Fas­sung vom 23. Novem­ber 200715 trifft ab dem 1. Janu­ar 2009 in Abs. 3 fol­gen­de Rege­lung: Jede Per­son mit Wohn­sitz im Inland ist ver­pflich­tet, bei einem in Deutsch­land zum Geschäfts­be­trieb zuge­las­se­nen Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men für sich selbst und für die von ihr gesetz­lich ver­tre­te­nen Per­so­nen, soweit die­se nicht selbst Ver­trä­ge abschlie­ßen kön­nen, eine Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung, die min­des­tens eine Kos­ten­er­stat­tung für ambu­lan­te und sta­tio­nä­re Heil­be­hand­lung umfasst und bei der die für tarif­lich vor­ge­se­he­ne Leis­tun­gen ver­ein­bar­ten abso­lu­ten und pro­zen­tua­len Selbst­be­hal­te für ambu­lan­te und sta­tio­nä­re Heil­be­hand­lung für jede zu ver­si­chern­de Per­son auf eine betrags­mä­ßi­ge Aus­wir­kung von kalen­der­jähr­lich 5.000 Euro begrenzt ist, abzu­schlie­ßen und auf­recht­zu­er­hal­ten; für Bei­hil­fe­be­rech­tig­te erge­ben sich die mög­li­chen Selbst­be­hal­te durch eine sinn­ge­mä­ße Anwen­dung des durch den Bei­hil­fe­satz nicht gedeck­ten Vom-Hun­dert-Anteils auf den Höchst­be­trag von 5.000 €. Die Pflicht nach Satz 1 besteht nicht für Per­so­nen, die

  1. in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­si­chert oder ver­si­che­rungs­pflich­tig sind oder
  2. Anspruch auf freie Heil­für­sor­ge haben, bei­hil­fe­be­rech­tigt sind oder ver­gleich­ba­re Ansprü­che haben im Umfang der jewei­li­gen Berech­ti­gung oder
  3. Anspruch auf Leis­tun­gen nach § 2 des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes haben oder
  4. Emp­fän­ger lau­fen­der Leis­tun­gen nach dem Drit­ten, Vier­ten, Sechs­ten und Sieb­ten Kapi­tel des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch sind für die Dau­er die­ses Leis­tungs­be­zugs und wäh­rend Zei­ten einer Unter­bre­chung des Leis­tungs­be­zugs von weni­ger als einem Monat, wenn der Leis­tungs­be­zug vor dem 1. Janu­ar 2009 begon­nen hat.

Nach § 193 Abs. 5 VVG ist der Ver­si­che­rer ver­pflich­tet,

  1. allen frei­wil­lig in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung Versicherten …
  2. allen Per­so­nen mit Wohn­sitz in Deutsch­land, die nicht in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­si­che­rungs­pflich­tig sind, nicht zum Per­so­nen­kreis nach Num­mer 1 oder Absatz 3 Satz 2 Nr. 3 und 4 gehö­ren und die nicht bereits eine pri­va­te Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung mit einem in Deutsch­land zum Geschäfts­be­trieb zuge­las­se­nen Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men ver­ein­bart haben, die der Pflicht nach Absatz 3 genügt,
  3. Per­so­nen, die bei­hil­fe­be­rech­tigt sind oder ver­gleich­ba­re Ansprü­che haben, soweit sie zur Erfül­lung der Pflicht nach Absatz 3 Satz 1 ergän­zen­den Ver­si­che­rungs­schutz benötigen,
  4. allen Per­so­nen mit Wohn­sitz in Deutsch­land, die eine pri­va­te Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung im Sinn des Absat­zes 3 mit einem in Deutsch­land zum Geschäfts­be­trieb zuge­las­se­nen Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men ver­ein­bart haben und deren Ver­trag nach dem 31. Dezem­ber 2008 abge­schlos­sen wird,

Ver­si­che­rung im Basis­ta­rif nach § 12 Abs. 1a VAG zu gewäh­ren. Ist der pri­va­te Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rungs­ver­trag vor dem 1. Janu­ar 2009 abge­schlos­sen, kann bei Wech­sel oder Kün­di­gung des Ver­trags der Abschluss eines Ver­trags im Basis­ta­rif beim eige­nen oder einem ande­ren Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men unter Mit­nah­me der Alte­rungs­rück­stel­lun­gen gemäß § 204 Abs. 1 nur bis zum 30. Juni 2009 ver­langt wer­den. Der Antrag muss bereits dann ange­nom­men wer­den, wenn bei einer Kün­di­gung eines Ver­trags bei einem ande­ren Ver­si­che­rer die Kün­di­gung nach § 205 Abs. 1 Satz 1 noch nicht wirk­sam gewor­den ist. Der Antrag darf nur abge­lehnt wer­den, wenn der Antrag­stel­ler bereits bei dem Ver­si­che­rer ver­si­chert war und der Versicherer

  1. den Ver­si­che­rungs­ver­trag wegen Dro­hung oder arg­lis­ti­ger Täu­schung ange­foch­ten hat oder
  2. vom Ver­si­che­rungs­ver­trag wegen einer vor­sätz­li­chen Ver­let­zung der vor­ver­trag­li­chen Anzei­ge­pflicht zurück­ge­tre­ten ist.

Nach dem in Bezug genom­me­nen § 12 Abs. 1a VAG erfasst der Basis­ta­rif Ver­trags­leis­tun­gen, die in Art, Umfang und Höhe den Leis­tun­gen nach dem Drit­ten Kapi­tel des SGB V, auf die ein Anspruch besteht, jeweils ver­gleich­bar sind.

Die Ansprü­che aus sol­chen Ver­si­che­rungs­ver­trä­gen im Standard‑, bzw. Basis­ta­rif sind somit zur Behe­bung der von der sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Kran­ken­hil­fe erfass­ten Not­la­ge geeig­net. Denn auch die­se sieht in § 48 SGB XII bzw. § 264 SGB V nur Leis­tun­gen der Kran­ken­be­hand­lung ent­spre­chend dem Drit­tel Kapi­tel Fünf­ten Abschnitt Ers­ten Teil SGB V vor.

Unab­hän­gig davon, dass eine Pflicht zur Kran­ken­ver­si­che­rung durch § 193 Abs. 3 VVG erst mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 2009 ein­ge­führt wur­de, bestand auf Sei­ten der Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung schon ab dem 1. Juli 2007 ein Kon­tra­hie­rungs­zwang. Bereits § 315 Abs. 1 Satz 2 SGB V ent­hielt die aus­drück­li­che Rege­lung, dass der Antrag (des zu Ver­si­chern­den) nicht abge­lehnt wer­den darf. Ab dem 1. Janu­ar 2009 ergibt sich der Kon­tra­hie­rungs­zwang für eine Ver­si­che­rung im Basis­ta­rif aus § 193 Abs. 5 VVG und § 12 Abs. 1b VAG. Nach den letzt­ge­nann­ten Vor­schrif­ten darf der Antrag nur abge­lehnt wer­den, wenn der Antrag­stel­ler bereits bei dem Ver­si­che­rer ver­si­chert war und der Ver­si­che­rer den Ver­si­che­rungs­ver­trag wegen Dro­hung oder arg­lis­ti­ger Täu­schung ange­foch­ten hat oder vom Ver­si­che­rungs­ver­trag wegen einer vor­sätz­li­chen Ver­let­zung der vor­ver­trag­li­chen Anzei­ge­pflicht zurück­ge­tre­ten ist. Die­se Aus­nah­men betref­fen jeweils nur den kon­kre­ten frü­he­ren Ver­si­che­rer, wäh­rend es für ande­re Ver­si­che­rer beim Kon­tra­hie­rungs­zwang bleibt16.

Aus die­sen Rege­lun­gen ergibt sich im Umkehr­schluss, dass der Ver­si­che­rer den Antrag nicht ableh­nen darf, weil der Antrag­stel­ler angibt, die Bei­trä­ge nicht zah­len zu kön­nen oder weil ein frü­he­rer Ver­si­che­rungs­ver­trag wegen der Nicht­zah­lung von Bei­trä­gen gelöst wor­den war. Viel­mehr geht der Gesetz­ge­ber den Weg, Vor­keh­run­gen für die Bei­trags­zah­lung bzw. Bei­trags­zu­schüs­se durch die Trä­ger der Grund­si­che­rung und der Sozi­al­hil­fe zu tref­fen (§ 26 Abs. 2 SGB II, § 32 Abs. 5 SGB XII). Ein sol­cher Ableh­nungs­grund wird auch weder in der Lite­ra­tur17 noch der Pra­xis angenommen.

Ein Ver­lust des Leis­tungs­an­spru­ches tritt selbst dann nicht ein, wenn der Klä­ger man­gels finan­zi­el­ler Mög­lich­kei­ten Bei­trä­ge nicht mehr zahlt. Bei­trags­rück­stän­de kön­nen unter den in § 193 Abs. 6 VVG gere­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen zu einem Ruhen des Leis­tungs­an­spru­ches füh­ren: Ist der Ver­si­che­rungs­neh­mer mit einem Betrag in Höhe von Prä­mi­en­an­tei­len (Bei­trags­an­tei­len) für zwei Mona­te im Rück­stand, hat ihn der Ver­si­che­rer zu mah­nen. Ist der Rück­stand zwei Wochen nach Zugang der Mah­nung noch höher als der Prä­mi­en­an­teil für einen Monat, stellt der Ver­si­che­rer das Ruhen der Leis­tun­gen fest. Das Ruhen tritt drei Tage nach Zugang die­ser Mit­tei­lung beim Ver­si­che­rungs­neh­mer ein. Vor­aus­set­zung ist, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer in der Mah­nung nach Satz 1 auf die­se Fol­ge hin­ge­wie­sen wor­den ist. Das Ruhen endet, wenn alle rück­stän­di­gen und die auf die Zeit des Ruhens ent­fal­len­den Bei­trags­an­tei­le gezahlt sind oder wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer oder die ver­si­cher­te Per­son hil­fe­be­dürf­tig im Sinn des SGB II oder XII wird; die Hil­fe­be­dürf­tig­keit ist auf Antrag des Berech­tig­ten vom zustän­di­gen Trä­ger nach dem SGB II oder XII zu beschei­ni­gen. Wäh­rend der Ruhens­zeit haf­tet der Ver­si­che­rer aus­schließ­lich für Auf­wen­dun­gen, die zur Behand­lung aku­ter Erkran­kun­gen und Schmerz­zu­stän­de sowie bei Schwan­ger­schaft und Mut­ter­schaft erfor­der­lich sind. Es kann offen­blei­ben, ob auch der wäh­rend des Ruhens noch bestehen­de „Not­an­spruch“ ein die Bedarfs­la­ge befrie­di­gen­der Anspruch wäre. Denn die sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Kran­ken­hil­fe­an­sprü­che gehen grund­sätz­lich über die­se rudi­men­tä­re Leis­tung hin­aus; ande­rer­seits ent­hält gera­de auch die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung, auf die die Kran­ken­hil­fe ver­weist, eine ent­spre­chen­de Ruhens­vor­schrift in § 16 Abs. 3a SGB V i.V.m. § 16 Abs. 2 des Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rungs­ge­set­zes. Jeden­falls endet jedoch auf­grund aus­drück­li­cher gesetz­li­cher Rege­lung das Ruhen des Leis­tungs­an­spru­ches bei Ein­tritt der Hil­fe­be­dürf­tig­keit nach SGB II oder SGB XII. Offen­blei­ben kann daher auch, ob aus­ste­hen­de Prä­mi­en­zu­schlä­ge wegen ver­spä­te­ten Ver­trags­ab­schlus­ses nach § 193 Abs. 4 VVG eben­falls ein Ruhen des Leis­tungs­an­spru­ches her­bei­füh­ren kön­nen. Die feh­len­de Finan­zier­bar­keit der Bei­trä­ge steht damit einer Rea­li­sie­rung weder des Anspru­ches auf den Ver­trag noch des Anspru­ches aus dem Ver­trag entgegen.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 25. März 2010 – L 7 SO 2761/​09

  1. BSG, SozR 4–2500 § 264 Nr. 1 bzw. Nr. 2[]
  2. BSG, SozR 4–2500 § 264 Nr. 1[]
  3. BSG a.a.O.[]
  4. Bie­ritz-Har­der/­Birk in LPK-SGB XII, 8. Aufl., § 48 Rdnr. 8; Wah­ren­dorf in Grube/​Wahrendorf, SGB XII, 2. Aufl., § 48 Rdnr. 15[]
  5. Wah­ren­dorf, a.a.O., § 2 Rdnr. 7[]
  6. Armborst/​Brühl in LPK-SGB XII, 8. Aufl., § 2 Rdnr. 6; Luthe in Hauck/​Noftz, SGB XII, § 2 Rdnr. 17[]
  7. BSG, Urteil vom 29.09.2009 – B 8 SO 23/​08 R[]
  8. BVerw­GE 23, 149[]
  9. BVerw­GE 55, 148[]
  10. Armborst/​Brühl, a.a.O., Rdnr. 9; Wah­ren­dorf, a.a.O., § 2 Rdnr. 11[]
  11. BVerw­GE 67, 163; Armborst/​Brühl, a.a.O., Rdnr. 14; Wah­ren­dorf, a.a.O., Rdnr. 12[]
  12. Armborst/​Brühl, a.a.O., Rdnr. 17; Wah­ren­dorf, a.a.O., Rdnr. 13; Luthe, a.a.O., Rdnr. 17[]
  13. vom 26. März 2007, BGBl. I S. 378[]
  14. vgl. Begrün­dung des RegE, BT-Drs. 16/​3100, S. 85 f., S. 94 zu Nr. 2, bb, cc[]
  15. BGBl. I S 2631[]
  16. Mar­ko in HK-VVG, § 193 Rdnr. 20[]
  17. Mar­ko a.a.O.[]