Sanktionsbescheid und die zuvor erforderliche Rechtsfolgenbelehrung

Nach § 31 Abs 1 Satz 1 Nr 1c SGB II wird das Arbeits­lo­sen­geld unter Weg­fall des Zuschlags nach § 24 SGB II in einer ers­ten Stu­fe um 30% der für den erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen nach § 20 SGB II maß­geb­li­chen Regel­leis­tung abge­senkt, wenn der erwerbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge sich trotz Beleh­rung über die Rechts­fol­gen wei­gert, eine zumut­ba­re Arbeit, Aus­bil­dung, Arbeits­ge­le­gen­heit oder eine sons­ti­ge in der Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung ver­ein­bar­te Maß­nah­me auf­zu­neh­men oder fort­zu­füh­ren. Eine sol­che Sank­ti­on ist jedoch nur mög­lich, wenn zuvor eine Rechts­fol­gen­be­leh­rung (§ 31 Abs 1 Satz 1 SGB II) erteilt wur­de, die bestimm­te Anfor­de­run­gen erfül­len muss1.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat hier­zu2 bereits im Ein­zel­nen dar­ge­legt3, dass die Fest­set­zung von Sank­tio­nen nach § 31 Abs 1 Satz 1 SGB II vor­aus­setzt, dass der Hil­fe­be­dürf­ti­ge über die Rechts­fol­gen einer Pflicht­ver­let­zung kon­kret, ver­ständ­lich, rich­tig und voll­stän­dig belehrt wor­den ist. Dabei kommt es auf den objek­ti­ven Erklä­rungs­wert der Beleh­rung an. Sämt­li­che in § 31 Abs 1 Satz 1 Nr 1 SGB II genann­ten Sank­ti­ons­tat­be­stän­de set­zen vor­aus, dass der Hil­fe­be­dürf­ti­ge über die Rechts­fol­gen einer Pflicht­ver­let­zung belehrt wor­den ist. Die­se in der Recht­spre­chung der Lan­des­so­zi­al­ge­rich­te und in der sozi­al­recht­li­chen Lite­ra­tur weit­ge­hend geteil­te Auf­fas­sung4 ist ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die gra­vie­ren­den Fol­gen des § 31 Abs 1 SGB II im Bereich der exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen auf­recht zu erhalten. 

Die Anfor­de­run­gen an eine ord­nungs­ge­mä­ße Rechts­fol­gen­be­leh­rung ori­en­tie­ren sich dabei an den vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt zum Arbeits­för­de­rungs­recht ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen. Schon die Geset­zes­be­grün­dung knüpft hier­an an, indem sie dar­auf ver­weist, dass die Rechts­fol­gen­be­leh­rung nach § 31 Abs 1 SGB II die Funk­ti­on haben soll, dem Hil­fe­be­dürf­ti­gen in ver­ständ­li­cher Form zu erläu­tern, wel­che unmit­tel­ba­ren und kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen auf sei­nen Leis­tungs­an­spruch die in § 31 Abs 1 SGB II genann­ten Pflicht­ver­let­zun­gen haben wer­den. Die Beleh­rung soll zeit­lich vor der Pflicht­ver­let­zung lie­gen. Im Hin­blick auf die Sperr­zeit­tat­be­stän­de hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­den, dass die Rechts­fol­gen­be­leh­rung als Vor­aus­set­zung für ihre Wirk­sam­keit kon­kret, rich­tig, voll­stän­dig und ver­ständ­lich sein und dem Arbeits­lo­sen zeit­nah im Zusam­men­hang mit einem Arbeits­an­ge­bot zutref­fend erläu­tern muss, wel­che unmit­tel­ba­ren und kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen auf sei­nen Leis­tungs­an­spruch eine unbe­grün­de­te Arbeits­ab­leh­nung haben kann. Dabei hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt auch den zwin­gen­den for­ma­len Cha­rak­ter der Rechts­fol­gen­be­leh­rung betont und dies aus dem über­ge­ord­ne­ten sozia­len Schutz­zweck abge­lei­tet, den Arbeits­lo­sen vor den Fol­gen einer Pflicht­ver­let­zung zu war­nen5. Der Warn­funk­ti­on der Rechts­fol­gen­be­leh­rung kommt im Bereich des SGB II noch eine grö­ße­re Bedeu­tung zu als im Bereich der Arbeits­för­de­rung. Dies lei­tet der Senat nicht zuletzt aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Arbeits­lo­sen­geld II6 ab, in der das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt betont hat, dass das SGB II ins­ge­samt der Rea­li­sie­rung des Grund­rechts auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums im Sin­ne des Art 1 Abs 1 GG in Ver­bin­dung mit Art 210 Abs 1 GG diene. 

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 15. Dezem­ber 2010 – B 14 AS 92/​09 R

  1. vgl grund­le­gend BSG, Urteil vom 18.2.2010 – B 14 AS 53/​08 R, BSGE 105, 297 = SozR 4–4200 § 31 Nr 5[]
  2. im Anschluss an BSGE 102, 201 = SozR 4–4200 § 16 Nr 4; und Urteil vom 17.12.2009 – B 4 AS 30/​09 R, SozR 4–4200 § 31 Nr 3 RdNr 19[]
  3. BSG, Urteil vom 18.02.2010 – B 14 AS 53/​08 R, BSGE 105, 297 = SozR 4–4200 § 31 Nr 5 RdNr 17 ff.[]
  4. vgl die Nach­wei­se in BSG, Urteil vom 18.02.2010 – B 14 AS 53/​08 R – BSGE 105, 297 = SozR 4–4200 § 31 Nr 5 RdNr 19[]
  5. vgl BSGE 53, 13, 15 = SozR 4100 § 119 Nr 18 S 87 mwN[]
  6. BVerfG, Urteil vom 09.02.2010 – 1 BvL 1/​09, 3/​09 und 4/​09[]