Sonderbedarf für die Wahrnehmung des Umgangsrechts mit seinen Kindern

Kos­ten zur Wahr­neh­mung des s, etwa die Fahrt­kos­ten, kön­nen im Sin­ne des zum 3. Juni 2010 ein­ge­führ­ten § 21 Abs. 6 SGB II ein im Ein­zel­fall unab­weis­ba­rer, lau­fen­der, nicht nur ein­ma­li­ger beson­de­rer Bedarf dar­stel­len, wenn sie sich in einem Bereich bewe­gen, der den Ein­satz öffent­li­cher Mit­tel noch recht­fer­tigt 1.

Unab­weis­bar ist ein nicht, wenn er ohne nach­voll­zieh­ba­ren, trag­fä­hi­gen Grund geschaf­fen wor­den ist und ein Bemit­tel­ter ihn ver­mie­den hät­te.

Als Anspruchs­grund­la­ge für die Fahrt­kos­ten im Rah­men des s kommt bis 2. Juni 2010 Arti­kel 1 Abs. 1 i.V.m. Arti­kel 20 Abs. 1 Grund­ge­setz 2 sowie ab 3. Juni 2010 der zu die­sem Zeit­punkt in Kraft getre­te­ne § 21 Abs. 6 SGB II 3 in Betracht. Nach dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 9. Febru­ar 2010 ist für die Zeit ab Ver­kün­dung des Urteils bis zur Ein­füh­rung einer ent­spre­chen­den Här­te­fall­klau­sel ein Anspruch für einen unab­weis­ba­ren, lau­fen­den und nicht nur ein­ma­li­gen, beson­de­ren Bedarf aus Arti­kel 1 Abs. 1 Grund­ge­setz i.V.m. Arti­kel 20 Abs. 1 Grund­ge­setz abzu­lei­ten. Der Gesetz­ge­ber hat die­ser Vor­ga­be des Bun­des­ver­fas­sugns­ge­richts ent­spro­chen und mit der Vor­schrift des § 21 Abs. 6 SGB II inhalt­lich umge­setzt. Als Anspruchs­grund­la­ge schei­det somit § 73 SGB XII anders als in dem vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­den Fall somit aus 4. Nach § 21 Abs. 6 SGB II erhal­ten erwerbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge einen Mehr­be­darf, soweit im Ein­zel­fall ein unab­weis­ba­rer, lau­fen­der, nicht nur ein­ma­li­ger beson­de­rer Bedarf besteht. Der Mehr­be­darf ist unab­weis­bar, wenn er ins­be­son­de­re nicht durch die Zuwen­dun­gen Drit­ter sowie unter Berück­sich­ti­gung von Ein­spar­mög­lich­kei­ten der Hil­fe­be­dürf­ti­gen gedeckt ist und sei­ner Höhe nach erheb­lich von einem durch­schnitt­li­chen Bedarf abweicht.

In dem jetzt vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall hat­te der Vater mit der Gel­tend­ma­chung sei­nes s gleich­wohl kei­nen Erfolg, da er durch sei­nen Umzug die bei der Aus­übung des s anfal­len­den Fahrt­kos­ten erst aus­ge­löst hat:

Der gel­tend gemach­te Bedarf ist im Sin­ne bei­der Anspruchs­grund­la­gen nicht unab­weis­bar. Eine Defi­ni­ti­on des Begriffs der „Unab­weis­bar­keit“ eines Bedarfs hat der Gesetz­ge­ber nicht vor­ge­nom­men. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 9. Febru­ar 2010 5 einen sol­chen auf die Deckung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums bezo­gen. Danach hat sich auch die Aus­le­gung des Begriffs „unab­weis­bar“ zu rich­ten. Aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung 6 soll der Anspruch auf Deckung des beson­de­ren Bedar­fes unter den Aspek­ten des nicht erfass­ten aty­pi­schen Bedarfs sowie eines aus­nahms­wei­se höhe­ren, über­durch­schnitt­li­chen Bedarfs ange­sichts sei­ner engen und strik­ten Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen auf weni­ge Fäl­le begrenzt sein 7. Unab­weis­bar ist ein (Sonder-)Bedarf nach Ansicht des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg des­halb auch dann nicht, wenn er ohne nach­voll­zieh­ba­ren, trag­fä­hi­gen Grund geschaf­fen wor­den ist und ein Bemit­tel­ter ihn ver­mie­den hät­te.

Zwar kön­nen Fahrt­kos­ten zur Wahr­neh­mung des s grund­sätz­lich einen zu berück­sich­ti­gen­den Bedarf im o.g. Sin­ne dar­stel­len. Doch müs­sen sich die­se in einem Bereich bewe­gen, der den Ein­satz öffent­li­cher Mit­tel noch recht­fer­tigt 8.

Unter Zugrun­de­le­gung die­ser Maß­stä­be hat der Antrag­stel­ler kei­nen unab­weis­ba­ren Bedarf für die Über­nah­me der Fahrt­kos­ten, denn es lie­gen kei­ne Grün­de vor, die den Umzug des Antrag­stel­lers als nach­voll­zieh­bar erschei­nen las­sen, was die damit ein­her­ge­hen­den hohen Fahrt­kos­ten erst ver­ur­sacht. Die gel­tend gemach­te Wohn­si­tua­ti­on bei den Schwie­ger­el­tern begrün­det gege­be­nen­falls einen Aus­zug, aber eben­so wenig einen Umzug in eine weit ent­fern­te Stadt wie die Tat­sa­che, dass sei­ne Eltern im Groß­raum Stutt­gart leben. Die vom Antrag­stel­ler bewusst gewähl­te gro­ße räum­li­che Distanz ist auch nicht damit zu erklä­ren, dass Ruhe in die Bezie­hung zur getrennt leben­den Ehe­frau gebracht wer­den soll­te, denn mit die­ser hat der Antrag­stel­ler sowie­so nur per SMS ver­kehrt. Dass der Antrag­stel­ler vor Jah­ren bereits schon ein­mal an dem Umzugs­ort gelebt und es ihm dort gut gefal­len hat, erscheint als Grund für den Umzug dort­hin nur vor­ge­scho­ben; denn er ist nicht allei­ne dort­hin gezo­gen, son­dern hat die Kin­der mit­ge­nom­men. Der Umzug des Antrag­stel­lers mit den Kin­dern ohne Zustim­mung der eben­falls sor­ge­be­rech­tig­ten Ehe­frau und ohne dem­entspre­chen­de gericht­li­che Ent­schei­dung dien­te auch nicht dem Kin­des­wohl der gemein­sa­men Kin­der T. (geb. 1997) und S. (geb. 1999), die aus dem bis­he­ri­gen Umfeld (Schu­len) her­aus­ge­nom­men wur­den. Das Amts­ge­richt hat wegen des Umzu­ges sogar das Auf­ent­halts­be­stim­mungs­recht für die Kin­der auf die Ehe­frau über­tra­gen, die sodann zu ihr gezo­gen sind. Der Antrag­stel­ler hät­te vor­aus­se­hen müs­sen, dass die Kin­der nicht auf Dau­er bei ihm woh­nen wür­den, nach­dem er zuvor vom Jugend­amt dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den war, dass ein Wech­sel des Lebens­mit­tel­punk­tes der Kin­der nur erfol­gen kön­ne, wenn bei­de sor­ge­be­rech­tig­ten Eltern­tei­le sich dar­über einig sei­en oder eine Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts her­bei­ge­führt wer­de. Auch hat der Antrag­stel­ler kei­ne Zusi­che­rung des Grund­si­che­rungs­trä­gers gem. § 22 Abs. 2 SGB II ein­ge­holt. Die vom Antrag­stel­ler den­noch gewähl­te Ent­fer­nung zum Lebens­mit­tel­punkt der Kin­der stellt hier­nach kei­nen unab­weis­ba­ren Bedarf dar. Ein nicht Hil­fe­be­dürf­ti­ger hät­te bei glei­chem Sach­ver­halt die mit dem Umzug nach Li. ver­bun­de­nen hohen Fahrt­kos­ten (pro Monat wer­den ca. 430,00 EUR gel­tend gemacht) ver­mie­den. Einen unab­weis­ba­ren Bedarf kann das Lan­des­so­zi­al­ge­richt nach alle­dem nicht aner­ken­nen.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 3. August 2010 – L 13 AS 3318/​10 ER‑B

  1. Anschluss an BSG, Urteil vom 07.11.2006, B 7b AS 14/​06 R[]
  2. s. BVerfG, Urteil vom 09.02.2010 – 1 BvL 1/​09, 1 BvL 3/​09, 1 BvL 4/​09[]
  3. s. Gesetz zur Abschaf­fung des Finanz­pla­nungs­ra­tes und zur Über­tra­gung der fort­zu­füh­ren­den Auf­ga­ben auf den Sta­bi­li­täts­rat sowie zur Ände­rung wei­te­re Geset­ze vom 27. Mai 2010, BGBl I, 671, Arti­kel 3a und Arti­kel 4 Abs. 2[]
  4. vgl. BSG, Urteil vom 07.11.2006 – B 7b AS 14/​06 R[]
  5. a.a.O.[]
  6. BR-Drs.17/1465 S. 8 f.[]
  7. so auch das dem Gesetz zu Grun­de lie­gen­de Urteil des BVerfG a.a.O.[]
  8. vgl. BSG, Urteil vom 07.11.2006 – B 7b AS 14/​06 R a.a.O.[]