Voraussetzungen einer Verantwortungs- und Einstehensgemeinschaft

Anspruch auf Leis­tun­gen nach dem SGB II kön­nen ganz oder teil­wei­se weg­fal­len, wenn es an der Hil­fe­be­dürf­tig­keit durch die Bil­dung einer Bedarfs­ge­mein­schaft fehlt. § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II nor­miert für das Vor­lie­gen einer Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft drei Vor­aus­set­zun­gen, die kumu­la­tiv vor­lie­gen müs­sen: Es muss sich

  1. um Part­ner han­deln, die
  2. in einem gemein­sa­men Haus­halt zusam­men­le­ben und zwar
  3. so, dass nach ver­stän­di­ger Wür­di­gung der wech­sel­sei­ti­ge Wil­le anzu­neh­men ist, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen.

Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge auf Leis­tun­gen nach dem SGB II an das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men zurück­ver­wie­sen. Die Klä­ge­rin wohnt seit 1975 mit Herrn L. zusam­men. 1986 erfolg­te der Umzug in ein gemein­sam finan­zier­tes und im jeweils hälf­ti­gen Eigen­tum ste­hen­des Eigen­heim. Die lau­fen­den Aus­ga­ben für die Finan­zie­rung des Hau­ses, die Ver­sor­gung mit Ener­gie und den Tele­fon­an­schluss finan­zie­ren sie seit­her über ein gemein­sa­mes Kon­to. Dar­über hin­aus ver­fü­gen bei­de über eige­ne Kon­ten, für die dem jeweils ande­ren eine Ver­fü­gungs­voll­macht erteilt wor­den war. Für die das Haus­ei­gen­tum und den Haus­rat betref­fen­den Ver­si­che­run­gen sind bei­de Ver­si­che­rungs­neh­mer. Nach­dem der Beklag­te der Klä­ge­rin ab Mit­te 2005 zunächst Alg II bewil­ligt hat­te, lehn­te er eine Fort­zah­lung für die Zeit ab Juni 2007 ab, da die Klä­ge­rin in einer Bedarfs­ge­mein­schaft mit Herrn L. lebe und ihr Hil­fe­be­darf durch die Berück­sich­ti­gung sei­nes Ein­kom­mens gedeckt wer­den kön­ne. Nach Kla­ge­ab­wei­sung durch das Sozi­al­ge­richt Han­no­ver 1 ist die Beru­fung beim Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men eben­falls zurück­ge­wie­sen wor­den 2, da die Klä­ge­rin nicht hil­fe­be­dürf­tig sei. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat die Revi­si­on wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung zuge­las­sen. Es bedür­fe der Klä­rung, ob in Über­ein­stim­mung mit der von ihm ver­tre­te­nen Rechts­auf­fas­sung auch eine sol­che Bezie­hung als Part­ner­schaft iS von § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II anzu­se­hen sei, in der es zB an einer indi­zi­el­len Wohn- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft feh­le, bei der jedoch der inso­weit selbst­stän­di­gen Lebens­füh­rung in einer lang­jäh­ri­gen gemein­sa­men Woh­nung eine über Jahr­zehn­te auf­recht­erhal­te­ne per­sön­li­che Bezie­hung zugrun­de lie­ge. Mit ihrer Revi­si­on rügt die Klä­ge­rin die Ver­let­zung des § 7 Abs 3 Nr 3c, Abs 3a SGB II. Selbst bei Vor­lie­gen der Ver­mu­tungs­tat­be­stän­de müs­se berück­sich­tigt wer­den, dass eine Part­ner­schaft dann nicht bestehe, wenn jemand sein Ein­kom­men oder Ver­mö­gen aus­schließ­lich zur Befrie­di­gung per­sön­li­cher Bedürf­nis­se oder zur Erfül­lung eige­ner Ver­pflich­tun­gen ver­wen­de.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts konn­te auf Grund der Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht abschlie­ßend beur­teilt wer­den, ob die Klä­ge­rin hil­fe­be­dürf­tig ist, ins­be­son­de­re, ob das Ein­kom­men und Ver­mö­gen des L. ihrer Hil­fe­be­dürf­tig­keit ent­ge­gen­steht, weil sie mit ihm in einer Bedarfs­ge­mein­schaft lebt.

Die Vor­in­stanz hat fest­ge­stellt, dass die Vor­aus­set­zun­gen der Nr 1, 2 und 4 des § 7 Abs 1 S 1 SGB II für einen Anspruch auf Alg II vor­lie­gend gege­ben sind. Ob bei der Klä­ge­rin auch Hil­fe­be­dürf­tig­keit iS des § 7 Abs 1 S 1 Nr 3 SGB II besteht, ver­mag das Bun­des­so­zi­al­ge­richt nicht abschlie­ßend zu beur­tei­len. So man­gelt es an Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts, ob der Hil­fe­be­darf der Klä­ge­rin durch Zuwen­dun­gen ihrer Schwes­ter und/​oder eige­nes Ein­kom­men sowie ggf ab wann gemin­dert oder gedeckt war. Aus­ge­hend von sei­ner Rechts­auf­fas­sung brauch­te das Lan­des­so­zi­al­ge­richt dies zwar kei­ner nähe­ren Prü­fung zu unter­zie­hen, denn es hat das Vor­lie­gen einer Bedarfs­ge­mein­schaft der Klä­ge­rin und L iS des § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II bejaht, in der das Ein­kom­men und Ver­mö­gen des L nach § 9 Abs 2 SGB II zur Bedarfs­de­ckung der Klä­ge­rin zu ver­wen­den wäre, sodass ihre Hil­fe­be­dürf­tig­keit iS des § 7 Abs 1 S 1 Nr 3 SGB II ent­fal­len sein könn­te. Nach § 9 Abs 2 S 1 SGB II sind bei Per­so­nen, die in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben, auch das Ein­kom­men und Ver­mö­gen des Part­ners zu berück­sich­ti­gen. Ist in einer Bedarfs­ge­mein­schaft nicht der gesam­te Bedarf aus eige­nen Kräf­ten und Mit­teln gedeckt, gilt nach § 9 Abs 2 S 3 SGB II jede Per­son der Bedarfs­ge­mein­schaft im Ver­hält­nis des eige­nen Bedarfs zum Gesamt­be­darf als hil­fe­be­dürf­tig 3. Das Vor­lie­gen einer der­ar­ti­gen Bedarfs­ge­mein­schaft ver­mag der Senat aller­dings nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts im kon­kre­ten Fall nicht abschlie­ßend nach­zu­voll­zie­hen.

Nach § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II 4 gehört als Part­ner des erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen die Per­son zur Bedarfs­ge­mein­schaft, die mit ihm in einem gemein­sa­men Haus­halt so zusam­men­lebt, dass nach ver­stän­di­ger Wür­di­gung der wech­sel­sei­ti­ge Wil­le anzu­neh­men ist, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen. Die­ser Wil­le wird nach § 7 Abs 3a SGB II ver­mu­tet, wenn Part­ner län­ger als ein Jahr zusam­men­le­ben (Nr 1), mit einem gemein­sa­men Kind zusam­men­le­ben (Nr 2), Kin­der oder Ange­hö­ri­ge im Haus­halt ver­sor­gen (Nr 3) oder befugt sind, über Ein­kom­men oder Ver­mö­gen des ande­ren zu ver­fü­gen (Nr 4). Ob eine Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft in die­sem Sin­ne vor­liegt, ist anhand von Indi­zi­en und im Wege einer Gesamt­wür­di­gung fest­zu­stel­len.

Es man­gelt hier bereits an Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts zum Vor­lie­gen einer Part­ner­schaft zwi­schen der Klä­ge­rin und L sowie des Zusam­men­le­bens in einem gemein­sa­men Haus­halt. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat bei sei­ner recht­li­chen Prü­fung unbe­ach­tet gelas­sen, dass § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II für das Vor­lie­gen einer Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft drei Vor­aus­set­zun­gen nor­miert, die kumu­la­tiv vor­lie­gen müs­sen: Es muss sich um Part­ner han­deln, die in einem gemein­sa­men Haus­halt zusam­men­le­ben, und zwar so, dass nach ver­stän­di­ger Wür­di­gung der wech­sel­sei­ti­ge Wil­le anzu­neh­men ist, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen 5. Bei den Kri­te­ri­en zu 1. und 2. (Part­ner­schaft und Zusam­men­le­ben in einem gemein­sa­men Haus­halt) han­delt es sich um objek­ti­ve Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen, die nach der Sys­te­ma­tik des § 7 Abs 3 Nr 3 SGB II kumu­la­tiv zu der sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zung des Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­wil­lens gege­ben sein müs­sen. Part­ner­schaft und Zusam­men­le­ben im gemein­sa­men Haus­halt sind zugleich Anknüp­fungs­punk­te der Ver­mu­tung des § 7 Abs 3a SGB II 6. Die sub­jek­ti­ve Sei­te, dass die in einem Haus­halt zusam­men­le­ben­den­den Part­ner auch den gemein­sa­men Wil­len, für­ein­an­der Ver­ant­wor­tung zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen, haben müs­sen, wird nach § 7 Abs 3a SGB II bei posi­ti­ver Fest­stel­lung einer der dort auf­ge­zähl­ten vier Fäl­le – die eben­so wie die bei­den objek­ti­ven Kri­te­ri­en von Amts wegen ermit­telt wer­den müs­sen (§ 20 SGB X bzw § 103 SGG) – aller­dings ver­mu­tet. Es obliegt dann dem erwerbs­fä­hi­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten, die­se Ver­mu­tung zu wider­le­gen. § 7 Abs 3a SGB II regelt mit­hin (nur) die sub­jek­ti­ve Vor­aus­set­zung einer Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft und gibt mit den dort auf­ge­zähl­ten, nicht abschlie­ßen­den 7 Fall­ge­stal­tun­gen Indi­zi­en für eine gesetz­li­che Ver­mu­tung von Tat­sa­chen vor, mit deren Hil­fe auf den inne­ren Wil­len, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen, geschlos­sen wer­den kann.

Das SGB II knüpft inso­weit an die bis­he­ri­ge Rechts­la­ge und Recht­spre­chung zu § 193 SGB III bzw § 137 AFG und § 122 BSHG an. Ins­be­son­de­re die Not­wen­dig­keit, dass für die Annah­me einer Bedarfs­ge­mein­schaft zwin­gend eine objek­tiv fest­zu­stel­len­de Part­ner­schaft sowie Wohn- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft – neben dem sub­jek­ti­ven Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­wil­len – gege­ben sein muss, folgt dem bis­he­ri­gen Kon­zept der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­be­rück­sich­ti­gung bei exis­tenz­si­chern­den Trans­fer­leis­tun­gen.

§ 137 Abs 2a AFG 8 regel­te für den Bereich der Arbeits­lo­sen­hil­fe vor Inkraft­tre­ten des § 193 SGB III, dass Ein­kom­men und Ver­mö­gen einer Per­son, die mit dem Arbeits­lo­sen in ehe­ähn­li­cher Gemein­schaft lebt, wie das Ein­kom­men und Ver­mö­gen eines nicht dau­ernd getrennt leben­den Ehe­gat­ten zu berück­sich­ti­gen sind. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts war eine ehe­ähn­li­che Gemein­schaft iS des § 137 Abs 2a AFG gege­ben, wenn zwei mit­ein­an­der nicht ver­hei­ra­te­te Per­so­nen, zwi­schen denen die Ehe jedoch recht­lich grund­sätz­lich mög­lich ist, so wie ein nicht getrennt leben­des Ehe­paar in gemein­sa­mer Wohn- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft leben, sie also in Über­ein­stim­mung einen gemein­sa­men Haus­halt so füh­ren, wie es für zusam­men­le­ben­de Ehe­gat­ten typisch ist 9. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bezog sich hier­bei (auch) auf die Vor­schrift des frü­he­ren § 149 Abs 5 des Geset­zes über Arbeits­ver­mitt­lung und Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung 10, wonach im Rah­men der dor­ti­gen Bedürf­tig­keits­prü­fung bei der Arbeits­lo­sen­hil­fe eben­falls das Ein­kom­men und Ver­mö­gen einer Per­son, die mit dem Arbeits­lo­sen in ehe­ähn­li­cher Gemein­schaft lebt, in glei­cher Wei­se zu berück­sich­ti­gen war wie das Ein­kom­men und Ver­mö­gen des Ehe­gat­ten. Die­se Vor­schrift hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 11 als mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar erklärt und als wesent­li­ches Ver­gleichs­ele­ment dar­auf abge­stellt, dass in der ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft wie in einer Ehe „aus einem Topf” gewirt­schaf­tet wer­de.

Eben­falls auf das objek­ti­ve Kri­te­ri­um des „Wirt­schaf­tens aus einem Topf” in einer Wohn- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft stell­te die Recht­spre­chung im Bereich der Sozi­al­hil­fe ab 12, wonach gemäß § 122 BSHG Per­so­nen, die in ehe­ähn­li­cher Gemein­schaft leben, hin­sicht­lich der Vor­aus­set­zun­gen sowie des Umfan­ges der Sozi­al­hil­fe nicht bes­ser gestellt wer­den durf­ten als Ehe­gat­ten.

Zwar for­der­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Urteil vom 17.11.1992 13 zu § 137 Abs 2a AFG, dass die Bezie­hun­gen in einer ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft über eine rei­ne Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft hin­aus­ge­hen müss­ten. Die Part­ner müss­ten in einer Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft der­ge­stalt leben, dass sie zunächst den gemein­sa­men Lebens­un­ter­halt sicher­stell­ten, bevor sie ihr per­sön­li­ches Ein­kom­men zur Befrie­di­gung eige­ner Bedürf­nis­se ver­wen­de­ten. Dem­nach ist zusätz­lich ein sub­jek­ti­ves Ele­ment iS eines Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­wil­lens erfor­der­lich (wie ihn § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II iVm § 7 Abs 3a SGB II nun­mehr auch aus­drück­lich anführt). An dem Erfor­der­nis einer Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft als Grund­vor­aus­set­zung änder­te dies jedoch nichts. Im Anschluss an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts änder­te sowohl das Bun­des­so­zi­al­ge­richt als auch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sei­ne Recht­spre­chung zwar. Sie bezo­gen die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen einer ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft mit ein. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ließ jedoch kei­nen Zwei­fel dar­an, dass dane­ben wei­ter das Bestehen einer Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft zwi­schen den Part­nern erfor­der­lich sei 14.

Dass auch nach § 7 Abs 3 Nr 3 Buchst c SGB II ein „Wirt­schaf­ten aus einem Topf” vor­ab als Vor­aus­set­zung für die Annah­me einer Bedarfs­ge­mein­schaft zu prü­fen ist, zeigt auch die Ent­wick­lung des § 7 SGB II sowie die Geset­zes­be­grün­dung hier­zu. In § 7 Abs 3 Nr 3b SGB II 15 hieß es zunächst „Zur Bedarfs­ge­mein­schaft gehö­ren als Part­ner der erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen … b) die Per­son, die mit dem erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen in ehe­ähn­li­cher Gemein­schaft lebt”. Die mit dem Gesetz zur Fort­ent­wick­lung der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 20.7.2006 16 zum 1.8.2006 erfolg­te Ände­rung des § 7 Abs 3 Nr 3b SGB II soll­te ledig­lich bewir­ken, dass auch Part­ner einer nicht ein­ge­tra­ge­nen gleich­ge­schlecht­li­chen Lebens­part­ner­schaft eine Bedarfs­ge­mein­schaft bil­den kön­nen und damit eine Schlech­ter­stel­lung von Ehe­part­nern, Part­nern einer ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft aber auch Part­nern einer gleich­ge­schlecht­li­chen ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ner­schaft im Hin­blick auf die Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­an­rech­nung auf­he­ben 17. Aus­wir­kun­gen auf die bis dahin auf­ge­stell­ten Vor­aus­set­zun­gen einer „ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft” waren damit nicht ver­bun­den. Viel­mehr lie­ßen sich nun die­se Vor­aus­set­zun­gen auch auf nicht ein­ge­tra­ge­ne gleich­ge­schlecht­li­che Lebens­part­ner­schaf­ten über­tra­gen. Mit der gleich­zei­ti­gen Ein­fü­gung des § 7 Abs 3a SGB II hat der Gesetz­ge­ber ledig­lich zu dem vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gefor­der­ten wech­sel­sei­ti­gen Wil­len, Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der zu tra­gen und für­ein­an­der ein­zu­ste­hen, eine Ver­mu­tungs­re­ge­lung ein­ge­fügt, ohne hier­durch die objek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen einer Bedarfs­ge­mein­schaft unter nicht ver­hei­ra­te­ten Part­nern zu ver­än­dern.

Von dem Bestehen einer Part­ner­schaft ist unter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung von Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt18 und Bun­des­so­zi­al­ge­richt 19 aus­zu­ge­hen, wenn eine gewis­se Aus­schließ­lich­keit der Bezie­hung gege­ben ist, die kei­ne ver­gleich­ba­re Lebens­ge­mein­schaft dane­ben zulässt. Zudem muss zwi­schen dem erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen und dem Drit­ten die grund­sätz­li­che recht­lich zuläs­si­ge Mög­lich­keit der Hei­rat bzw Begrün­dung einer Lebens­part­ner­schaft nach dem LPartG bestehen 20. Anhand die­ser Kri­te­ri­en wird das Lan­des­so­zi­al­ge­richt nun­mehr – ohne gleich­zei­ti­ge Ein­be­zie­hung des sub­jek­ti­ven Merk­mals des Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­wil­lens – auf­grund der objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten eine inso­weit eigen­stän­di­ge Beweis­wür­di­gung vor­neh­men müs­sen. Dabei wird es ins­be­son­de­re die von ihm selbst dar­ge­leg­ten Aspek­te der feh­len­den sexu­el­len Bezie­hun­gen zwi­schen der Klä­ge­rin und L, der nur sel­te­nen ander­wei­ti­gen part­ner­schaft­li­chen Bezie­hun­gen bei­der Betei­lig­ter und des Pfle­gens von ande­ren Bezie­hun­gen nur außer­halb des gemein­sa­men häus­li­chen Bereichs in sei­ne Wer­tung ein­zu­be­zie­hen haben.

Das „Zusam­men­le­ben in einem gemein­sa­men Haus­halt” iS des § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II erfor­dert – wie bereits dar­ge­legt – das Bestehen einer „Wohn- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft”. § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II stellt damit bereits vom Wort­laut her 21 auf zwei Ele­men­te ab, näm­lich das Zusam­men­le­ben und kumu­la­tiv das Wirt­schaf­ten aus einem Topf 22.

Unter „Zusam­men­le­ben” in einer Woh­nung ist mehr als nur ein blo­ßes „Zusam­men­woh­nen”, wie es bei Wohn­ge­mein­schaf­ten der Regel­fall ist, zu ver­ste­hen. Ande­rer­seits ist es für die Annah­me einer Bedarfs­ge­mein­schaft unter nicht ehe­lich ver­bun­de­nen Part­nern zwin­gend, dass sie in „einer Woh­nung” zusam­men­le­ben. Auch bei einer Ehe ist die häus­li­che Gemein­schaft zwar ein Grund­ele­ment der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft; jedoch kann bei Ver­ein­ba­rung einer abwei­chen­den Lebens­ge­stal­tung auch eine Ehe ohne räum­li­chen Lebens­mit­tel­punkt (Ehe­woh­nung) eine sol­che iS des § 1353 BGB sein 23. Haben die Ehe­gat­ten bei oder nach der Ehe­schlie­ßung ein­ver­nehm­lich ein Lebens­mo­dell gewählt, das eine häus­li­che Gemein­schaft nicht vor­sieht, kann allein der Wil­le, die­se auf abseh­ba­re Zeit nicht her­zu­stel­len, ein Getrennt­le­ben nach fami­li­en­recht­li­chen Grund­sät­zen nicht begrün­den 24. Hier ist viel­mehr regel­mä­ßig der nach außen erkenn­ba­re Wil­le eines Ehe­gat­ten erfor­der­lich, die häus­li­che Gemein­schaft nicht her­stel­len zu wol­len, weil er die ehe­li­che Gemein­schaft ablehnt (§ 1567 Abs 1 BGB). Da es bei einer nicht­ehe­li­chen Part­ner­schaft an der ein­zig durch die Ehe­schlie­ßung bereits nach außen doku­men­tier­te Ver­bun­den­heit man­gelt und dort die­se nur dann ver­neint wer­den kann, wenn sie aus­drück­lich nach außen hin doku­men­tiert wird, erfor­dert die Annah­me einer Bedarfs­ge­mein­schaft unter nicht ver­hei­ra­te­ten bzw nicht nach dem Lebens­part­ner­schafts­ge­setz ver­bun­de­nen Part­nern umge­kehrt, dass deren Ver­bun­den­heit durch das Zusam­men­le­ben in einer Woh­nung nach außen erkenn­bar wird.

Zusätz­lich bedarf es zum zwei­ten des gemein­sa­men Wirt­schaf­tens. Die Anfor­de­run­gen an das gemein­sa­me Wirt­schaf­ten gehen dabei über die gemein­sa­me Nut­zung von Bad, Küche und ggf Gemein­schafts­räu­men hin­aus. Auch der in Wohn­ge­mein­schaf­ten häu­fig anzu­tref­fen­de gemein­sa­me Ein­kauf von Grund­nah­rungs­mit­teln, Rei­ni­gungs- und Sani­tär­ar­ti­keln aus einer von allen Mit­be­woh­nern zu glei­chen Tei­len gespeis­ten Gemein­schafts­kas­se begrün­det noch kei­ne Wirt­schafts­ge­mein­schaft. Ent­schei­dend inso­weit ist, dass der Haus­halt von bei­den Part­nern geführt wird, wobei die Betei­li­gung an der Haus­halts­füh­rung von der jewei­li­gen wirt­schaft­li­chen und kör­per­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit der Part­ner abhän­gig ist. Die Haus­halts­füh­rung an sich und das Bestrei­ten der Kos­ten des Haus­halts muss gemein­schaft­lich durch bei­de Part­ner erfol­gen, was aller­dings nicht bedeu­tet, dass der finan­zi­el­le Anteil der Betei­li­gung am Haus­halt oder der Wert der Haus­halts­füh­rung selbst gleich­wer­tig sein müs­sen. Aus­rei­chend ist eine Abspra­che zwi­schen den Part­nern, wie sie die Haus­halts­füh­rung zum Woh­le des part­ner­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens unter­ein­an­der auf­tei­len.

Hier­zu man­gelt es an Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts. Es hat das Bestehen einer Wohn- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft zwi­schen der Klä­ge­rin und L im Ergeb­nis offen gelas­sen. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt wird im wie­der eröff­ne­ten Beru­fungs­ver­fah­ren die von ihm benann­ten Aspek­te der gemein­sa­men Finan­zie­rung des Hau­ses sowie der Unter­hal­tungs- und Betriebs­kos­ten hier­für, die gegen­sei­ti­ge Ertei­lung von Kon­to­voll­mach­ten, die getrenn­ten Haus­halts­kas­sen und im Wesent­li­chen getrenn­te Zube­rei­tung und Ein­nah­me der Mahl­zei­ten einer­seits, aber ua auch die sich aus dem Vor­brin­gen der Klä­ge­rin und den Akten erge­ben­den Erkennt­nis­se zur Haus­halts­füh­rung an sich, sei es die Orga­ni­sa­ti­on des Ein­kaufs, das Rei­ni­gen der Woh­nung und der Wäsche sowie der Finan­zie­rungs­hil­fen durch die Schwes­ter der Klä­ge­rin in sei­ne Wer­tung ein­zu­be­zie­hen haben.

Sind die o.a. objek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen gege­ben, gilt es den Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­wil­len der Part­ner fest­zu­stel­len. Die­sen hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zwar für das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bin­dend, weil nicht mit durch­grei­fen­den Ver­fah­rens­rü­gen ange­grif­fen (§ 163 SGG), bejaht. Es wird in der erneu­ten Ent­schei­dung jedoch die Aus­füh­run­gen der Klä­ge­rin in der Revi­si­ons­be­grün­dung einer zusätz­li­chen Betrach­tung unter dem Aspekt der Wider­leg­bar­keit der Ver­mu­tung zu unter­zie­hen haben.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 23. August 2012 – B 4 AS 34/​12 R

  1. SG Han­no­ver, Urteil vom 28.04.2009 – S 45 AS 2588/​07[]
  2. LSG Nieders.-Bremen, Urteil vom 08.09.2011 – L 15 AS 654/​09[]
  3. vgl hier­zu nur BSG, Urteil vom 07.11.2006 – B 7b AS 8/​06 R, BSGE 97, 217 = SozR 4–4200 § 22 Nr 1, RdNr 15[]
  4. in der ab dem 1.8.2006 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Fort­ent­wick­lung der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 20.7.2006, BGBl I 1706[]
  5. sie­he Hän­lein in Gagel, SGB II, Stand 1/​2009, § 7 RdNr 46 ff; S. Knick­rehm in KSW, 2. Aufl 2011, § 7 RdNr 17; Spell­brink in Eicher/​Spellbrink, 2. Aufl 2008, § 7 RdNr 44 ff; Säch­si­sches LSG Urteil vom 07.01.2011 – L 7 AS 115/​09; Säch­si­sches LSG Beschluss vom 10.09.2009 – L 7 AS 414/​09 B ER; Baye­ri­sches LSG Beschluss vom 09.12.2009 – L 16 AS 779/​09 B ER[]
  6. sie­he auch Wolff-Del­len in Löns/He­rold-Tews, SGB II, 3. Aufl 2011, § 7 RdNr 31b[]
  7. BT-Drucks 16/​1410, 19[]
  8. ein­ge­fügt zum 1.1.1986 durch das Sieb­te Gesetz zur Ände­rung des AFG vom 20.12.1985, BGBl I 2484[]
  9. BSG, Urteil vom 24.03.1988 – 7 RAr 81/​86, BSGE 63, 120, 123 = SozR 4100 § 138 Nr 17; BSG Urteil vom 26.04.1989 – 7 RAr 116/​87[]
  10. AVAVG, idF vom 23.12.1956, BGBl I 1018 – Bekannt­ma­chung der Neu­fas­sung vom 3.4.1957, BGBl I 321 – § 141e Abs 5 des­sel­ben Geset­zes idF vom 16.04.1956, BGBl I 243[]
  11. BVerfG, Beschluss vom 16.12.1958 – 1 BvL 3/​57, 4/​57 und 8/​58, BVerfGE 9, 20 = SozR Nr 42 zu Art 3 GG[]
  12. sie­he nur BVerwG, Urteil vom 27.02.1963 – BVerw­GE 15, 306; BVerwG, Urteil vom 20.01.1977, BVerw­GE 52, 11; BVerwG, Urteil vom 20.11.1984 – BVerw­GE 70, 278[]
  13. BVerfG, vom 17.11.1992 – 1 BvL 8/​87, BVerfGE 87, 234 = SozR 3–4100 § 137 Nr 3[]
  14. sie­he nur BSG Urteil vom 29.04.1998 – B 7 AL 56/​97 R, SozR 3–4100 § 119 Nr 15; BSG Urteil vom 17.10.2002 – B 7 AL 96/​00 R, BSGE 90, 90, 94 = SozR 3–4100 § 119 Nr 26; BSG Urteil vom 17.10.2002 – B 7 AL 72/​00 R, SozR 3–4300 § 144 Nr 10; BSG Urteil vom 17.10.2007 – B 11a/​7a AL 52/​06 R, SozR 4–4300 § 144 Nr 16 RdNr 17; eben­so in der Lite­ra­tur Ebsen in Gagel, SGB III, Stand 7/​1999, § 193 RdNr 54 ff; Hen­ke in Hen­nig, AFG, Stand 7/​1997, § 137 RdNr 33[]
  15. idF des Vier­ten Geset­zes für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt vom 24.12.2003, BGBl I 2954, BT-Drucks 15/​1516, 52[]
  16. BGBl I 1706[]
  17. vgl BT-Drucks 16/​1410, 19[]
  18. BVerfG, Urteil vom 17.11.1992 – 1 BvL 8/​87, BVerfGE 87, 234 = SozR 3–4100 § 137 Nr 3[]
  19. BSG, BSGE 90, 90, 100 = SozR 3–4100 § 119 Nr 26, RdNr 39[]
  20. s Hän­lein in Gagel SGB II/​SGB III, Stand 01/​2009, § 7 SGB II RdNr 47; Spell­brink in Eicher/​Spellbrink, SGB II, 2. Aufl 2008, § 7 RdNr 45[]
  21. im Gegen­satz zu § 7 Abs 3 Nr 3a und b SGB II für den nicht dau­ernd getrennt leben­den Ehe­gat­ten bzw Lebens­part­ner des erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen, sie­he auch BSG, Urteil vom 18.02.2010 – B 4 AS 49/​09 R, BSGE 105, 291 = SozR 4–4200 § 7 Nr 16, RdNr 14[]
  22. BSG Urteil vom 27.01.2009 – B 14 AS 6/​08 R, SozR 4–4200 § 9 Nr 6 RdNr 15; BSG, Urteil vom 19.02.2009 – B 4 AS 68/​07 R, BSGE 102, 258 = SozR 4–4225 § 1 Nr 1, RdNr 3; BSG, Urteil vom 18.02.2010 – B 4 AS 5/​09 R; BSG, Urteil vom 18.02.2010 – B 14 AS 32/​08 R, SozR 4–4200 § 9 Nr 9 RdNr 16; s auch Hacke­t­hal in juris­PK-SGB II, Stand 15.8.2011, § 7 RdNr 56; Hän­lein in Gagel, SGB II, Stand 1/​2009, § 7 RdNr 47; S. Knick­rehm in KSW, 2. Aufl 2011, § 7 RdNr 17; A. Loo­se in GK-SGB II, Stand 7/​2010, § 7 RdNr 56.1; Sau­er in Sau­er, SGB II, § 7 RdNr 25; Spell­brink in Eicher/​Spellbrink, 2. Aufl 2008, § 7 RdNr 46; Val­go­lio in Hauck/​Noftz, SGB II, Stand 1/​2012, § 7 RdNr 216[]
  23. Palandt/​Brudermüller, BGB, 69. Aufl 2010, § 1353 BGB RdNr 6 ff; Münch­kommBGB, 5. Aufl 2010, § 1565 RdNr 23; BGH, Urteil vom 07.11.2001 – XII ZR 247/​00, NJW 2002, 671; s auch BSGE 105, 291 = SozR 3–4200 § 7 Nr 16, RdNr 13[]
  24. Staudinger/​Rauscher, BGB, 2004, § 1567 RdNr 51[]