Krankenversicherungsbeiträge und ALG-II-Bezug

Besteht für einen Hil­fe­be­dürf­ti­gen des SGB II eine pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung zum Basis­ta­rif, schei­det eine einst­wei­li­ge Anord­nung, die auf die Ver­pflich­tung des Leis­tungs­trä­gers gerich­tet ist, mehr als den Betrag zu zah­len, der in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zu tra­gen ist, regel­mä­ßig aus, da die weit­rei­chen­den Schutz­vor­schrif­ten zuguns­ten der Ver­si­cher­ten einem Anord­nungs­grund entgegenstehen.

Eine Rege­lungs­lü­cke besteht nicht; die Kom­pe­tenz, die ein­deu­ti­ge, dem Wil­len des his­to­ri­schen Gesetz­ge­bers ent­spre­chen­de gesetz­li­che Rege­lung zu ver­wer­fen, besitzt nur das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, ent­schied jetzt das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg.

Der Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung, den Antrags­geg­ner zu ver­pflich­ten, dem Antrag­stel­ler vor­läu­fig höhe­re monat­li­che Zuschüs­se zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung zu gewäh­ren, als nach § 26 Abs. 2 Satz 1 Ziff. 1 SGB II i.V.m. § 12 Abs. 1c Satz 6 VAG mög­lich ist, schei­tert am Vor­lie­gen eines Anord­nungs­grun­des (Eil­be­dürf­nis)1.

Kein Ruhen des Krankenversicherungsschutzes im Basistarif[↑]

Der Antrag­stel­ler des jetzt vom Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Ver­fah­rens des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes ist kran­ken­ver­si­chert bei der DKV Deut­sche Kran­ken­ver­si­che­rung AG im Basis­ta­rif (vgl. § 12 Abs. 1a VAG). Damit ist die not­wen­di­ge Ver­sor­gung des Antrag­stel­lers mit Kran­ken­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen gewähr­leis­tet. Gemäß § 206 Abs. 1 Satz 1 VVG ist jede Kün­di­gung einer Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung, die wie hier eine Pflicht nach § 193 Abs. 3 Satz 1 VVG erfüllt, durch den Ver­si­che­rer – ver­fas­sungs­ge­mäß2 – aus­ge­schlos­sen. Dies gilt auch für den Fall des Zah­lungs­ver­zugs, in dem unter den in § 193 Abs. 6 VVG näher bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen das Ruhen des Leis­tungs­an­spruchs ein­tritt. Denn das Ruhen endet unter ande­rem dann, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer hil­fe­be­dürf­tig im Sin­ne des SGB II wird (§ 193 Abs. 6 Satz 5 VVG). Ein Ruhen kann nach zutref­fen­der Ansicht3 erst recht dann nicht ein­tre­ten, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer – wie hier der Antrag­stel­ler – bereits im Leis­tungs­be­zug nach dem SGB II steht4 – Not­ver­sor­gungs­pflicht der Kran­ken­ver­si­che­rer im Fal­le eines Ruhens des Leis­tungs­an­spruchs gemäß § 193 Abs. 6 Satz 6 VVG für aku­te Erkran­kun­gen und Schmerz­zu­stän­de steht jeden­falls dann einem Eil­be­dürf­nis ent­ge­gen, wenn wie hier kei­ne Erkran­kun­gen dar­ge­legt wer­den, die außer­halb die­ses Schut­zes ste­hen könnten.

Keine Aufrechnung rückständiger Beiträge mit Versicherungsleistungen[↑]

Auch ist eine Auf­rech­nung des Kran­ken­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens mit Ver­si­che­rungs­leis­tungs­an­sprü­chen nicht mög­lich. Denn die Rechts­fol­gen eines Zah­lungs­ver­zu­ges sind für die Basis­ta­rif­ver­si­cher­ten abschlie­ßend in § 193 Abs. 6 VVG gere­gelt. Eine Auf­rech­nung nach § 394 Satz 2 BGB bzw. § 35 VVG ist hier­bei aus­ge­schlos­sen, da ansons­ten der gesetz­lich ver­folg­te Zweck einer Ver­mei­dung des Aus­schlus­ses vom Ver­si­che­rungs­schutz auf­grund Hil­fe­be­dürf­tig­keit gera­de ver­ei­telt wür­de5. So gin­gen auch die Ver­fas­sungs­be­schwer­de­füh­rer davon aus, dass das Ver­bot jeder Kün­di­gung und die Pflicht zur Not­ver­sor­gung trotz Nicht­zah­lung von Bei­trä­gen6 ver­fas­sungs­wid­rig sei, was nahe­legt, dass sie selbst eine Auf­rech­nung für unzu­läs­sig hiel­ten. Der Ver­band der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen e.V. hat eben­falls emp­foh­len, von Auf­rech­nun­gen abzu­se­hen7.

Verweis auf das Hauptsacheverfahren[↑]

Schließ­lich begrün­det auch zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Beschwer­de­ent­schei­dung8 kein Eil­be­dürf­nis, dass der Antrag­stel­ler im Fal­le eines unge­wis­sen künf­ti­gen Weg­falls sei­ner Hil­fe­be­dürf­tig­keit Bei­trags­schul­den beglei­chen muss, zumal bis dahin ein Haupt­sa­che­ver­fah­ren erge­ben kann, dass der Sozi­al­leis­tungs­trä­ger zur Schul­den­über­nah­me ver­pflich­tet ist.

Keine Eilbedürftigkeit aufgrund des Kostenerstattungsverfahrens[↑]

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg9 begrün­det auch das Kos­ten­er­stat­tungs­ver­fah­ren kein Eil­be­dürf­nis. Denn an die­sem Umstand ändert sich nichts dadurch, wenn dem Antrag­stel­ler höhe­re Bei­trags­zu­schüs­se zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung gewährt wür­den. Zudem kann der Arzt nach § 192 Abs. 7 VVG sei­nen Anspruch auf Leis­tungs­er­stat­tung auch gegen den Ver­si­che­rer gel­tend machen. Dass dem Antrag­stel­ler droht, von der ärzt­li­chen Behand­lung aus­ge­schlos­sen zu wer­den oder dass er bereits aus­ge­schlos­sen ist, hat er jeden­falls weder dar­ge­legt noch glaub­haft gemacht. Schließ­lich ist noch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Antrag­stel­ler – er ist Voll­ju­rist – sei­ne Leis­tungs­an­sprü­che gegen die Kran­ken­ver­si­che­rung eben­falls gericht­lich gel­tend machen kann, was bis­lang augen­schein­lich nicht erfor­der­lich war.

Keine Eilbedürftigkeit wegen erzwungener Verschuldung[↑]

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nie­der­sach­sen-Bre­men10 ist ein Eil­be­dürf­nis auch nicht des­halb gege­ben, weil der Antrag­stel­ler zur Rechts­un­treue gezwun­gen wür­de. Das hier­für her­an­ge­zo­ge­ne Argu­ment, der Antrag­stel­ler wer­de dar­auf ver­wie­sen, sei­ner gesetz­li­chen Ver­pflich­tung zur Auf­recht­erhal­tung sei­nes Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­schut­zes nicht nach­zu­kom­men, ist nicht über­zeu­gend, da die­ser Schutz in Anspruch genom­men wird und unge­fähr­det ist. Soweit dar­auf abge­stellt wird, dass der Ver­si­cher­te mit Bei­trä­gen in Ver­zug kommt, ist dies recht­lich gera­de in § 193 Abs. 6 VVG ohne der­zei­ti­ge Fol­gen für den Antrag­stel­ler gere­gelt. Die Rechts­pflicht zur Zah­lung fäl­li­ger Bei­trä­ge ist für Hil­fe­be­dürf­ti­ge der­zeit ohne jeg­li­che Aus­wir­kung. Eine mora­li­sche Pflicht eines Hil­fe­be­dürf­ti­gen, sämt­li­che For­de­rung zu beglei­chen, kann nicht erkannt wer­den und könn­te auch allei­ne ein Eil­be­dürf­nis nicht begründen.

Verfassungswidrigkeit der gesetzlichen Regelung?[↑]

Da nach alle­dem weder die Rechts­la­ge noch kon­kre­te Anhalts­punk­te für eine Eil­be­dürf­tig­keit spre­chen, kann offen­blei­ben, ob ein Anord­nungs­an­spruch des Antrag­stel­lers besteht, weil die gesetz­li­chen Rege­lun­gen ver­fas­sungs­wid­rig sei­en11. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ist aller­dings der Auf­fas­sung, dass eine Rege­lungs­lü­cke nicht besteht. Eine Rege­lungs­lü­cke12 liegt näm­lich grund­sätz­lich nur dann vor, wenn das Gesetz, gemes­sen an der Rege­lungs­ab­sicht des Gesetz­ge­bers und den geset­zes­im­ma­nen­ten Zwe­cken, plan­wid­rig unvoll­stän­dig ist. Ange­sichts der ein­deu­tig und spe­zi­el­len Rege­lung in § 26 Abs. 2 Ziff. 1 SGB II i.V.m. § 12 Abs. 1 c) Satz 6 VAG kann von einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke nicht gespro­chen wer­den, so dass eine Lücken­schlie­ßung durch Aus­le­gung nicht vor­ge­nom­men wer­den kann. Eine – abän­dern­de – Aus­le­gung durch die Fach­ge­rich­te ent­ge­gen dem ein­deu­ti­gen Wort­laut einer kon­kre­ten gesetz­li­chen Rege­lung auf einen genau pas­sen­den Sach­ver­halt ist nur mög­lich, wenn aus den Geset­zes­mo­ti­ven nach­weis­lich her­vor­geht, dass der Gesetz­ge­ber eine ande­re Absicht ver­folgt hat­te. Dies konn­te nicht belegt wer­den; im Gegen­teil wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Ent­schei­dung poli­tisch ent­spre­chend der gesetz­li­chen Rege­lung gefal­len ist und eine Ände­rung sich bis­lang poli­tisch nicht durch­set­zen konn­te13. Die Kom­pe­tenz, eine ein­deu­ti­ge, dem Wil­len des his­to­ri­schen Gesetz­ge­bers ent­spre­chen­de gesetz­li­che Rege­lung wegen man­geln­der Exis­tenz­si­che­rung zu ver­wer­fen, besitzt dann nur das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Eine Vor­la­ge des Ver­fah­rens gemäß Art. 100 Grund­ge­setz (GG) an das BVerfG schei­det hier aus, da es auf die­se Fra­ge man­gels Eil­be­dürf­nis­ses nicht ankommt.

Ob die Ungleich­be­hand­lung zu frei­wil­lig Ver­si­cher­ten14 gegen Art. 3 GG ver­stößt, kann eben­falls nur das BVerfG fest­stel­len; zudem obliegt es gege­be­nen­falls dann dem Gesetz­ge­ber eine Anglei­chung vor­zu­neh­men, wobei eine sol­che zu den frei­wil­lig Ver­si­cher­ten nicht zwin­gend ist. Eine Vor­la­ge des Ver­fah­rens gemäß Art. 100 GG an das BVerfG schei­det auch inso­weit aus, da es auf die­se Fra­ge man­gels Eil­be­dürf­nis­ses eben­falls nicht ankommt.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 22. März 2010 – L 13 AS 919/​10 ER‑B

  1. so auch LSG NRW, Beschlüs­se vom 12.10.2009 – L 7 B 196/​09 AS ER; und vom 16.10.2009, L 20 B 56/​09 SO ER[]
  2. s. BVerfG, Urteil vom 10.06.2009 – 1 BvR 706/​08 u.a.[]
  3. sie­he hier­zu LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 03.12.2009 – L 15 AS 1048/​09 B ER; LSG NRW, Beschluss vom 16.10.2009 – L 20 B 56/​09 SO ER[]
  4. vgl. Klerks, Der Bei­trag für die pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung im Basis­ta­rif bei hil­fe­be­dürf­ti­gen Ver­si­che­rungs­neh­mern nach dem SGB II und dem SGB XII, info also 2009 S. 153, 158). Selbst die – ver­fas­sungs­ge­mä­ße (s. BVerfG, Urteil vom 10. Juni 2009, 1 BvR 706/​08 u.a. Rdnr. 191[]
  5. vgl. Klerks a.a.O. unter Hin­weis auf § 12g Abs.1 Satz 3 VAG; LSG NRW, Beschluss vom 16.10.2009 – L 20 B 56/​09 SO ER; BVerfG, Urteil vom 10.06.2009 – 1 BvR 706/​08 u.a.[]
  6. BVerfG, a.a.O.[]
  7. nach Klerks a.a.O.[]
  8. Kro­del, Das sozi­al­ge­richt­li­che Eil­ver­fah­ren, 2. Auf­la­ge, Rdnr. 327[]
  9. LSG B‑W, Beschluss vom 16.09.2009- L 3 AS 3934/​09 ER‑B[]
  10. LSG Nds.-Bremen, Beschluss vom 03.12.2009 – L 15 AS 1048/​09 B ER[]
  11. so u.a. LSG Nds.-Bremen, a.a.O.[]
  12. vgl. BSG, Urteil vom 27.05.2008 – B 2 U 11/​07 R[]
  13. vgl. LSG B‑W, Beschluss vom 30.06.2009 – L 2 SO 2529/​09 ER‑B; LSG Nds.-Bremen, a.a.O.[]
  14. s. Radü­ge in: juris­PK-SGB II, 2. Auf­la­ge 2007, § 26 i.d.F.v. 17. Juli 2009, Rdnr. 44f.[]