Kinderpflegegeld als zu berücksichtigendes Einkommen

Zum Ein­kom­men, das zur Berech­nung des Arbeits­lo­sen­gel­des II her­an­ge­zo­gen wird, zählt auch das Pfle­ge­geld für die Betreu­ung von Pfle­ge­kin­dern. Die nach dem § 11 Abs 4 SGB II aF vor­ge­se­he­ne Ein­kom­mens­be­rück­sich­ti­gung bezieht sich nur auf den Teil des Pfle­ge­gel­des nach dem SGB VIII, der für den erzie­he­ri­schen Ein­satz gewährt wird.

Aller­dings ist die dort vor­ge­se­he­ne Rei­hung und Rang­fol­gen­bil­dung mit der Bestim­mung eines ers­ten bis vier­ten Pfle­ge­kin­des mit der damit unter­schied­li­chen Höhe der Berück­sich­ti­gung des Ein­kom­mens dem Wort­laut des § 11 Abs 4 SGB II aF nicht zu ent­neh­men und wider­spricht der Geset­zes­aus­le­gung. Daher ist bei der Ermitt­lung der zu berück­sich­ti­gen­den Beträ­ge der Durch­schnitt aller Erzie­hungs­bei­trä­ge, die der Leis­tungs­be­rech­tig­te für alle (hier vier) Pfle­ge­kin­der erhal­ten hat, zugrun­de zule­gen.

So die Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Streits über die Berück­sich­ti­gung eines Teils von Tages­pfle­ge­geld nach dem SGB VIII (Kin­der- und Jugend­hil­fe) als Ein­kom­men. Die im Jahr 1959 gebo­re­ne, allein­ste­hen­de Klä­ge­rin bezieht seit dem 1.1.2005 Arbeits­lo­sen­geld II. Auf­grund von Ver­trä­gen vom 21.9.2004 mit einem Jugend­amt der Stadt H betreut sie seit dem 1.10.2004 als Tages­pfle­ge­kin­der gemäß § 23 SGB VIII vier Kin­der. Alle Kin­der sind Geschwis­ter. Die Klä­ge­rin erhielt von Sep­tem­ber 2006 bis August 2007 monat­lich fol­gen­de Leis­tun­gen vom Jugend­amt: Für D. und C. jeweils Pfle­ge­geld in Höhe von 228 Euro, ein­schließ­lich eines Erzie­hungs­bei­trags – vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt „Erzie­hungs­geld­an­teil” genannt – von jeweils 118 Euro, für J.-C. ein Pfle­ge­geld von 343 Euro, ein­schließ­lich eines Erzie­hungs­bei­trags von 200 Euro, und für J. ein Pfle­ge­geld von 403 Euro, ein­schließ­lich eines Erzie­hungs­bei­trags von 260 Euro. Die Rechts­vor­gän­ge­rin des beklag­ten Job­cen­ters bewil­lig­te der Klä­ge­rin für die Zeit vom 1.1. bis 30.6.2007 Alg II in Höhe von monat­lich 290,50 Euro. Es ging von einer Regel­leis­tung von 345 Euro plus antei­li­gen Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung von 299 Euro, ins­ge­samt 644 Euro aus und setz­te einen Betrag in Höhe von 353,50 Euro als Ein­kom­men ab. Der Ein­kom­mens­an­rech­nung zugrun­de gelegt wur­de ein Erzie­hungs­bei­trag für alle Kin­der von jeweils 202 Euro und die­ser Betrag wur­de ein­mal voll und ein­mal zu 75 % ange­setzt (202 x 75 vH = 151,50 + 202 = 353,50).

Das Sozi­al­ge­richt Ham­burg 1 hat den Beklag­ten unter Ände­rung der genann­ten Beschei­de ver­ur­teilt, der Klä­ge­rin vom 1.1. bis 30.6.2007 monat­lich wei­te­re 49 Euro zu zah­len und die Beru­fung zuge­las­sen. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat die Beru­fung des Beklag­ten zurück­ge­wie­sen und die Revi­si­on zuge­las­sen 2. Zur Begrün­dung hat es unter Bezug­nah­me auf das Urteil des Sozi­al­ge­richts im Wesent­li­chen aus­ge­führt: Zur Berech­nung des zu berück­sich­ti­gen­den Erzie­hungs­bei­trags sei von dem Durch­schnitt der tat­säch­lich zuge­flos­se­nen Erzie­hungs­bei­trä­ge aus­zu­ge­hen und nicht von der zeit­li­chen Rei­hen­fol­ge der Pfle­ge­ver­hält­nis­se der Kin­der zur leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­son. Ein Abstel­len auf das Datum des Betreu­ungs­ver­tra­ges füh­re zu kei­ner Lösung, wenn wie vor­lie­gend meh­re­re von dem­sel­ben Tag sei­en. Zudem erschei­ne es wenig sach­ge­recht, da dies bei unter­schied­lich hohen Erzie­hungs­bei­trä­gen zu zufäl­li­gen Ergeb­nis­sen füh­ren kön­ne. Sinn und Zweck des § 11 Abs 4 SGB II in der dama­li­gen Fas­sung sei es viel­mehr, den Betrag zu bestim­men, ab wel­chem die Lage der Erzie­hungs­bei­trä­ge erhal­ten­den leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­son sich so güns­tig dar­stel­le, dass SGB II-Leis­tun­gen nicht mehr gerecht­fer­tigt sei­en. Auch der Gesetz­ge­ber sei von gleich hohen Erzie­hungs­bei­trä­gen aus­ge­gan­gen 3. Der durch­schnitt­li­che Erzie­hungs­bei­trag der Klä­ge­rin lie­ge bei 174 Euro (2 x 118 + 200 + 260 = 696 : 4), sodass als Ein­kom­men für das drit­te Kind 130 Euro (75 % von 174) und für das vier­te Kind 174 Euro, ins­ge­samt 304,50 Euro zu berück­sich­ti­gen sei­en. Dies füh­re zu einem wei­te­ren Zahl­be­trag von monat­lich 49 Euro an die Klä­ge­rin (Bedarf 644 Euro abzüg­lich zu berück­sich­ti­gen­der Erzie­hungs­bei­trä­ge von 304,50 Euro, ergibt 339,50 Euro, abzüg­lich schon gezahl­ter 290,50 Euro, ver­blei­ben 49 Euro).

Mit sei­ner Revi­si­on rügt der Beklag­te eine Ver­let­zung des § 11 Abs 4 SGB II in der dama­li­gen Fas­sung und macht gel­tend: Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des LSG kön­ne für die Bestim­mung des ers­ten, zwei­ten usw Pfle­ge­kin­des nur das Datum des Betreu­ungs­ver­tra­ges her­an­ge­zo­gen wer­den, da die­se Daten die tat­säch­li­che Rang­fol­ge und damit auch die anzu­rech­nen­den tat­säch­lich gezahl­ten Erzie­hungs­bei­trä­ge fest­leg­ten. Daher sei J. unstrei­tig das vier­te Pfle­ge­kind. Die vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt ange­führ­ten Zufäl­lig­kei­ten sei­en ähn­lich wie bei Stich­tags­re­ge­lun­gen hin­zu­neh­men.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt fol­gen­des aus­ge­führt: Der Bedarf der allein­ste­hen­den Klä­ge­rin belief sich in der strit­ti­gen Zeit vom 1.1. bis 30.6.2007 auf monat­lich 644 Euro. Dies folgt nicht aus dem vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt ange­führ­ten Teil­ver­gleich der Betei­lig­ten über das „Unstrei­tig­stel­len” die­ses Betrags. Denn die Höhe des Bedarfs ist neben der vor­lie­gend zwi­schen den Betei­lig­ten umstrit­te­nen Höhe des zu berück­sich­ti­gen­den Ein­kom­mens ein wesent­li­ches Ele­ment zur Berech­nung des Anspruchs der Klä­ge­rin auf Alg II gegen den Beklag­ten.

Ein­zel­ne Berech­nungs­ele­men­te eines Anspruchs kön­nen jedoch nicht „her­aus­ver­gli­chen” wer­den, wenn wie vor­lie­gend – zu Recht – eine Anfech­tungs- und Leis­tungs­kla­ge erho­ben wur­de und das Lan­des­so­zi­al­ge­richt neben dem Gestal­tungs­aus­spruch hin­sicht­lich der ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­te ein Leis­tungs­ur­teil über einen bestimm­ten Betrag gefällt hat. Die Über­le­gun­gen zur aus­nahms­wei­sen Zuläs­sig­keit einer Ele­ment­fest­stel­lungs­kla­ge 4 sind auf eine Leis­tungs­kla­ge nicht über­trag­bar.

Im Übri­gen ist das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bei einer zuläs­si­gen Revi­si­on ver­pflich­tet, das ange­foch­te­ne Urteil im Rah­men der Anträ­ge nicht nur hin­sicht­lich der erho­be­nen Rügen, son­dern mate­ri­ell-recht­lich umfas­send zu über­prü­fen, spe­zi­ell bei einem Anspruch auf Alg II hin­sicht­lich aller Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen dem Grun­de und der Höhe nach (vgl § 170 Abs 1 Satz 2, § 202 SGG iVm § 557 Abs 3 ZPO 5). Erklä­ren die Betei­lig­ten eines Rechts­streits über­ein­stim­mend, dass sie die Ermitt­lung zB des Bedarfs für zutref­fend hal­ten, so kann das Gericht hier­aus im Rah­men sei­ner Beweis­wür­di­gung den Schluss zie­hen, dass eine wei­te­re Über­prü­fung der ent­spre­chen­den Fest­stel­lun­gen der Ver­wal­tung ent­behr­lich ist.

Die Höhe des Bedarfs der Klä­ge­rin errech­net sich auf­grund der Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts wie folgt: Die Regel­leis­tung für allein­le­ben­de Per­so­nen, wie die Klä­ge­rin, betrug in der strit­ti­gen Zeit 345 Euro (§ 20 Abs 2 SGB II 6). Als Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung sind gemäß § 22 Abs 1 Satz 1 SGB II 249 Euro zu erbrin­gen. Mehr hat die Klä­ge­rin als tat­säch­li­che Auf­wen­dun­gen, soweit ersicht­lich, nicht gel­tend gemacht und Beden­ken gegen die Ange­mes­sen­heit die­ses Betra­ges in einer Groß­stadt wie H bestehen nicht, zumal der Beklag­te inso­fern kei­ne Rügen erho­ben hat. Wei­te­re Bedar­fe sind den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht zu ent­neh­men und sei­tens der Betei­lig­ten wur­den kei­ne dahin­ge­hen­den Rügen erho­ben. Ins­be­son­de­re besteht kein Anspruch auf einen Mehr­be­darf wegen Allein­er­zie­hung nach § 21 Abs 3 SGB II, weil es sich nur um eine Tages­pfle­ge und nicht um eine Voll­zeit­pfle­ge mit Auf­nah­me der Pfle­ge­kin­der in den Haus­halt wie im Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 27. Janu­ar 2009 7 han­del­te.

Die­sem Bedarf ist ein zu berück­sich­ti­gen­des Ein­kom­men von 304,50 Euro monat­lich gemäß § 9 Abs 1, § 11 SGB II gegen­über­zu­stel­len. Zu berück­sich­ti­gen­des Ver­mö­gen (§ 9 Abs 1, § 12 SGB II) kann den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht ent­nom­men wer­den. Als Ein­kom­men sind alle Ein­nah­men in Geld oder Gel­des­wert zu berück­sich­ti­gen mit Aus­nah­me bestimm­ter Leis­tun­gen, wie zB der Grund­ren­te nach dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz (§ 11 Abs 1 Satz 1 SGB II in der dama­li­gen Fas­sung). Die allein fest­ge­stell­ten Ein­nah­men der Klä­ge­rin in Form des Tages­pfle­ge­gel­des für die Pfle­ge­kin­der nach § 23 SGB VIII, gezahlt von der Stadt H, sind grund­sätz­lich zu berück­sich­ti­gen, weil sie nicht unter die dort auf­ge­führ­ten Aus­nah­men fal­len. Nach dem in der strit­ti­gen Zeit gel­ten­den § 11 Abs 4 SGB II wird als Ein­kom­men jedoch

„abwei­chend von den Absät­zen 1 bis 3 … der Teil des Pfle­ge­gel­des nach dem Ach­ten Buch, der für den erzie­he­ri­schen Ein­satz gewährt wird,

1. für das ers­te und zwei­te Pfle­ge­kind nicht,

2. für das drit­te Pfle­ge­kind zu 75 vH,

3. für das vier­te und jedes wei­te­re Pfle­ge­kind in vol­ler Höhe

berück­sich­tigt.”

Der Teil des Pfle­ge­gel­des, der für den erzie­he­ri­schen Ein­satz gewährt wird, wird im Fol­gen­den eben­so wie in der Aus­gangs­ent­schei­dung des BSG 8 und in der Geset­zes­be­grün­dung für die­se Rege­lung 9 als „Erzie­hungs­bei­trag” bezeich­net.

Dass es sich bei dem Pfle­ge­geld für die Tages­pfle­ge nach § 23 SGB VIII um Pfle­ge­geld im Sin­ne die­ser Vor­schrift han­delt, wird schon aus der nun dif­fe­ren­zier­ten For­mu­lie­rung in der Nach­fol­ge­vor­schrift des § 11a Abs 3 Satz 2 SGB II idF des Geset­zes zur Ermitt­lung von Regel­be­dar­fen und zur Ände­rung des SGB II und Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch vom 24.3.2011 10 deut­lich. Dass nur der Erzie­hungs­bei­trag und nicht das gesam­te Pfle­ge­geld als Ein­kom­men zu berück­sich­ti­gen ist, folgt aus dem Wort­laut des § 11 Abs 4 SGB II in der frü­he­ren Fas­sung. Die Nicht-Berück­sich­ti­gung des Erzie­hungs­bei­trags für ein ers­tes und zwei­tes Pfle­ge­kind als Ein­kom­men ist zwi­schen den Betei­lig­ten eben­so wenig umstrit­ten, wie die Berück­sich­ti­gung des Erzie­hungs­bei­trags für ein drit­tes zu 75 % und eines Erzie­hungs­bei­trags für ein vier­tes zu 100 %. Davon geht auch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zu Recht in sei­nem Urteil aus.

Hin­sicht­lich der umstrit­te­nen Fest­stel­lun­gen der als Ein­kom­men zu berück­sich­ti­gen­den Erzie­hungs­bei­trä­ge für das drit­te Kind mit 130,50 Euro (75 % von 174) und für das vier­te Kind von 174 Euro, ins­ge­samt 304,50 Euro, ist dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt eben­falls ent­ge­gen dem Vor­brin­gen der Revi­si­on zu fol­gen.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ham­burg hat zu Recht den Durch­schnitt aller Erzie­hungs­bei­trä­ge, die die Klä­ge­rin für ihre vier Pfle­ge­kin­der erhal­ten hat, der Berech­nung des zu berück­sich­ti­gen­den Ein­kom­mens zugrun­de gelegt und die­sen mit 174 Euro zutref­fend berech­net (118 + 118 + 200 + 260: 4 = 174). Denn die für die Auf­fas­sung des Beklag­ten not­wen­di­ge Rei­hung und Rang­fol­gen­bil­dung mit der Bestim­mung eines ers­ten bis vier­ten Pfle­ge­kin­des ist dem Wort­laut des § 11 Abs 4 SGB II in der dama­li­gen Fas­sung nicht zu ent­neh­men und steht im Wider­spruch zu des­sen sys­te­ma­ti­scher und teleo­lo­gi­scher Aus­le­gung sowie der Geset­zes­be­grün­dung.

Der Wort­laut des § 11 Abs 4 SGB II aF mit den Begrif­fen „ers­tes”, „zwei­tes”, „drit­tes”, „vier­tes” beinhal­tet nicht zwangs­läu­fig eine zeit­li­che Rei­hen­fol­ge der Pfle­ge­kin­der, son­dern zunächst nur eine Rege­lung über das Aus­maß der anzu­rech­nen­den Erzie­hungs­bei­trä­ge. Im Übri­gen wür­de eine zeit­li­che Rei­hen­fol­ge ein Kri­te­ri­um für die­se Rei­hung auf­stel­len, das dem Gesetz nicht zu ent­neh­men ist und hin­sicht­lich des­sen kei­ne Klar­heit besteht. Wäh­rend die Revi­si­ons­be­grün­dung auf das Datum des Betreu­ungs­ver­tra­ges abstel­len will 11, will das von der Revi­si­on ange­führ­te Lan­des­so­zi­al­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern den Betreu­ungs­be­ginn zum Maß­stab machen 12. Bei­de Kri­te­ri­en müs­sen aber nicht zu der­sel­ben zeit­li­chen Rei­hen­fol­ge füh­ren. Wel­chem der Vor­zug zu geben ist, kann dem Gesetz nicht ent­nom­men wer­den, zumal auch ein Abstel­len auf das Alter der Kin­der als drit­te Mög­lich­keit denk­bar erscheint 13.

Gegen eine sol­che Rei­hung oder Rang­fol­ge spre­chen sys­te­ma­ti­sche Grün­de und der Zweck der Rege­lung. Denn unter sys­te­ma­ti­schen Grün­den muss der Zusam­men­hang mit § 11 Abs 3 SGB II in der dama­li­gen Fas­sung über die als Ein­kom­men nicht zu berück­sich­ti­gen­den zweck­be­stimm­ten Ein­nah­men beach­tet wer­den, der für das Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 29.3.2007 14 ent­schei­dend war, das nach­fol­gend zu § 11 Abs 4 SGB II in der hier ein­schlä­gi­gen Fas­sung führ­te. In die­sem Urteil, das Leis­tun­gen vor dem Inkraft­tre­ten die­ser Fas­sung des § 11 Abs 4 SGB II betraf, hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt den Erzie­hungs­bei­trag, wenn in einem Haus­halt nur bis zu zwei Pfle­ge­kin­der betreut wer­den, als nicht zu berück­sich­ti­gen­de zweck­be­stimm­te Ein­nah­me nach § 11 Abs 3 Nr 1 Buchst a SGB II ange­se­hen 15. Auf der ande­re Sei­te wur­de in dem Urteil vom 29. März 2007 schon auf die „Gerecht­fer­tig­keits­prü­fung” gemäß § 11 Abs 3 SGB II in der frü­he­ren Fas­sung hin­ge­wie­sen, nach der eine zweck­be­stimm­te Ein­nah­me als Ein­kom­men zu berück­sich­ti­gen ist, wenn sie die Lage der leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­son so güns­tig beein­flusst, dass dane­ben Leis­tun­gen nach dem SGB II nicht gerecht­fer­tigt wären 16. In die Geset­zes­be­grün­dung zur Schaf­fung des § 11 Abs 4 SGB II idF des GSi­FoG wur­den die­se Über­le­gun­gen über­nom­men 9.

Zweck der Rege­lung ist es, auf­grund die­ses Zusam­men­hangs bei bis zu zwei Kin­dern die Erzie­hungs­bei­trä­ge nicht als Ein­kom­men zu berück­sich­ti­gen und bei einer grö­ße­ren Anzahl von Kin­dern den gesam­ten Erzie­hungs­bei­trag nur zu einem Teil zu berück­sich­ti­gen, weil dann die Gren­ze des nicht zu berück­sich­ti­gen­den Ein­kom­mens auch im Hin­blick auf die so genann­te Gerecht­fer­tig­keits­prü­fung über­schrit­ten ist.

Die­se Gren­ze kann jedoch nicht von Zufäl­lig­kei­ten abhän­gen, son­dern muss auf­grund des Gleich­heits­sat­zes aus Art 3 Abs 1 Grund­ge­setz in ver­gleich­ba­ren Situa­tio­nen auch zu ver­gleich­ba­ren Ergeb­nis­sen füh­ren. Dies wird jedoch nur gewähr­leis­tet, wenn auf den Durch­schnitt der jeweils gezahl­ten Erzie­hungs­bei­trä­ge abge­stellt wird und nicht auf den Erzie­hungs­bei­trag für das jewei­li­ge Kind, das mehr oder weni­ger zufäl­lig als das vier­te Kind gerech­net wird. Die Zufäl­lig­keit der Ergeb­nis­se zeigt auch der vor­lie­gen­de Fall, in dem der Erzie­hungs­bei­trag für den nach Auf­fas­sung des Beklag­ten unstrei­tig als vier­tes Kind anzu­se­hen­den J. 260 Euro beträgt. Wenn jedoch D. oder C. als vier­tes Kind zu berück­sich­ti­gen wären, läge der als Ein­kom­men voll zu berück­sich­ti­gen­de Erzie­hungs­bei­trag bei nur 118 Euro. Dies ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on und des von ihr ange­führ­ten Urteils des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Meck­len­burg-Vor­pom­mern 17 nicht nur eine Zufäl­lig­keit wie bei Stich­tags­re­ge­lun­gen, son­dern ein sys­te­ma­ti­sches Pro­blem von unter­schied­li­chen Gren­zen bei der Gerecht­fer­tig­keits­prü­fung trotz sonst ver­gleich­ba­rer Lage.

Des Wei­te­ren wür­de eine Rei­hung der Pfle­ge­kin­der zB nach dem Datum der Betreu­ungs­ver­trä­ge wei­te­re Abgren­zungs­fra­gen auf­wer­fen und im Wider­spruch zu den Zie­len des SGB VIII ste­hen, die Ent­wick­lung der Kin­der und Jugend­li­chen zu för­dern. Ggf könn­te ver­sucht wer­den, durch die Been­di­gung des alten Ver­tra­ges und den Abschluss eines neu­en Ver­tra­ges die Rei­hen­fol­ge zu ändern oder auch durch ande­re Stra­te­gien die Erzie­hungs­bei­trä­ge für das ers­te und das zwei­te Pfle­ge­kind zu opti­mie­ren.

Im Übri­gen ging auch die Geset­zes­be­grün­dung von einem sol­chen ein­heit­li­chen Betrag für die Erzie­hungs­bei­trä­ge aus, wie der Bezug­nah­me auf die Emp­feh­lung des Deut­schen Ver­eins für öffent­li­che und pri­va­te Für­sor­ge eV mit 202 Euro pro Kind und Monat zu ent­neh­men ist 9 und dem das Abstel­len auf den Durch­schnitt der Erzie­hungs­bei­trä­ge Rech­nung trägt.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 23. Mai 2012 – B 14 AS 148/​11 R

  1. SG Ham­burg, Urteil vom 09.04.2008 – S 53 AS 580/​07[]
  2. LSG Ham­burg, Urteil vom 16.6.2011 – L 5 AS 49/​08[]
  3. vgl BT-Drucks 16/​1410 S 21[]
  4. vgl BSG, vom 24.10.1996 – 4 RA 108/​95SozR 3–2600 § 58 Nr 9 S 58[]
  5. vgl spe­zi­ell zum SGB II: BSG vom 07.11.2006 – B 7b AS 8/​06 RBSGE 97, 217 = SozR 4–4200 § 22 Nr 1 RdNr 18 ff mwN; BSG vom 02.07.2009 – B 14 AS 36/​08 RBSGE 104, 41 = SozR 4–4200 § 22 Nr 23 RdNr 13[]
  6. idF des SGB II-Ände­rungs­ge­set­zes vom 24.03.2006, BGBl I 558[]
  7. BSG, vom 27.01.2009 – B 14/​7b AS 8/​07 R – SozR 4–4200 § 21 Nr 4[]
  8. BSG, Urteil vom 29.03.2007 – B 7b AS 12/​06 RSozR 4–4200 § 11 Nr 3[]
  9. BT-Drucks 16/​1410 S 21[][][]
  10. BGBl I 453[]
  11. eben­so ohne wei­te­re Begrün­dung: Hen­gel­haupt in Hauck/​Noftz, SGB II, Stand 6/​2010, K § 11 RdNr 732[]
  12. LSG Mecklenb.-Vor., Urteil vom 18.12.2008 – L 8 AS 60/​08 – RdNr 84[]
  13. so für die Anrech­nung von Kin­der­geld: Hass­ke in Estel­mann, SGB II, Stand 4/​2008, § 11 RdNr 130[]
  14. BSG, vom 29.03.2007 – B 7b AS 12/​06 RSozR 4–4200 § 11 Nr 3[]
  15. bestä­tigt durch BSG vom 01.07.2009 – B 4 AS 9/​09 RSGb 2010, 367 mit Anmer­kung Mün­der[]
  16. BSG vom 29.03.2007, aaO, RdNr 21[]
  17. LSG Meckl.-Vor., vom 18.12.2008 – L 8 AS 60/​08[]