Einmalige Einnahmen im vorangegangenen Bewilligungszeitraum

Nach § 11 Abs 1 Satz 1 SGB II sind als Ein­kom­men zu berück­sich­ti­gen Ein­nah­men in Geld oder Gel­des­wert mit Aus­nah­me der Leis­tun­gen nach dem SGB II, der Grund­ren­te nach dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz (BVG) und den Geset­zen, die eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des BVG vor­se­hen und Ren­ten oder Bei­hil­fen, die nach dem Bun­des­ent­schä­di­gungs­ge­setz für Scha­den an Leben sowie an Kör­per oder Gesund­heit erbracht wer­den. Dabei ist Ein­kom­men iS des § 11 Abs 1 SGB II nach der Recht­spre­chung der für die Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de zustän­di­gen Sena­te grund­sätz­lich alles das, was jemand nach Antrag­stel­lung wert­mä­ßig dazu erhält, und Ver­mö­gen das, was er vor Antrag­stel­lung bereits hat­te 1. Zutref­fend hat das LSG aus­ge­führt, dass sich die ein­ma­li­ge Ein­nah­me damit im Zeit­punkt des Zuflus­ses als Ein­kom­men dar­stell­te. Die­sen Cha­rak­ter als Ein­kom­men ver­liert eine ein­ma­li­ge Ein­nah­me auch nach erneu­ter Antrag­stel­lung im nach­fol­gen­den Bewil­li­gungs­zeit­raum nicht. Die recht­li­che Wir­kung des „Zufluss­prin­zips” endet nicht mit dem Monat des Zuflus­ses, son­dern erstreckt sich über den gesam­ten Zeit­raum, auf den das Ein­kom­men (vor­lie­gend nach § 2 Abs 4 Arbeits­lo­sen­geld II/­So­zi­al­geld-Ver­ord­nung idF vom 17.12.2007; vgl jetzt § 11 Abs 3 Satz 3 SGB II idF des Art 2 des Geset­zes zur Ermitt­lung von Regel­be­dar­fen und zur Ände­rung des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch vom 24.03.2011 2 – neue Fas­sung ) auf­ge­teilt wird, den sog „Ver­teil­zeit­raum” 3. Auch inso­weit ent­spre­chen die Aus­füh­run­gen des LSG die­ser Recht­spre­chung uneingeschränkt.

Eine Fest­le­gung, ob die Ver­tei­lung der ein­ma­li­gen Ein­nah­me nach § 2 Abs 4 Alg II-V vor­lie­gend über 12 Mona­te zu erfol­gen hat­te oder ein kür­ze­rer Zeit­raum ange­zeigt war (vgl § 11 Abs 3 SGB II nF, der eine Ver­tei­lung über 6 Mona­te vor­sieht) 4, braucht im der­zei­ti­gen Stand des Ver­fah­rens nicht zu erfol­gen. Die Fest­stel­lun­gen des LSG im Übri­gen las­sen schon nicht den Schluss zu, der Bedarf der Klä­ger sei im Zeit­raum von Okto­ber 2009 bis Febru­ar 2010 jeweils monat­lich in der von dem Beklag­ten ange­nom­me­nen Höhe gedeckt. Wenn die ein­ma­li­ge Ein­nah­me, was die Klä­ger vor­tra­gen, tat­säch­lich im Bedarfs­zeit­raum nicht mehr (oder nur noch teil­wei­se) zur Ver­fü­gung stand, kommt – ent­ge­gen der Auf­fas­sung des LSG – schon von daher ein höhe­rer Anspruch auf Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts in Betracht. Es kommt näm­lich bei Berück­sich­ti­gung einer Ein­nah­me als Ein­kom­men in einem abschlie­ßen­den Prü­fungs­schritt dar­auf an, ob zuge­flos­se­nes Ein­kom­men als „berei­tes Mit­tel” geeig­net ist, den kon­kre­ten Bedarf im jewei­li­gen Monat zu decken 5. Dies gilt auch bei Berück­sich­ti­gung einer ein­ma­li­gen Ein­nah­me über einen Ver­teil­zeit­raum hin­weg ohne Einschränkungen.

Zwar muss der Hil­fe­be­dürf­ti­ge sein Ein­kom­men auch dann zur Behe­bung einer gegen­wär­ti­gen Not­la­ge für sich ver­wen­den, wenn er sich dadurch außer­stan­de setzt, ander­wei­tig bestehen­de Ver­pflich­tun­gen zu erfül­len 6. Dem­entspre­chend ist er bei Zufluss einer ein­ma­li­gen Ein­nah­me gehal­ten, das Geld nicht zur Schul­den­de­ckung zu ver­wen­den, son­dern über den Ver­teil­zeit­raum hin­weg zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts ein­zu­set­zen. Wenn die ein­ma­li­ge Ein­nah­me, deren Berück­sich­ti­gung als Ein­kom­men in Rede steht, tat­säch­lich aber nicht (mehr) unein­ge­schränkt zur Ver­fü­gung steht, ist ein Leis­tungs­an­spruch nicht aus­ge­schlos­sen. Die Ver­wei­ge­rung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen auf­grund einer unwi­der­leg­li­chen Annah­me, dass die Hil­fe­be­dürf­tig­keit bei bestimm­tem wirt­schaft­li­chen Ver­hal­ten – hier dem Ver­brauch der ein­ma­li­gen Ein­nah­me in bestimm­ten monat­li­chen Teil­be­trä­gen – (teil­wei­se) abzu­wen­den gewe­sen wäre, ist mit Art 1 GG iVm Art 20 GG nicht ver­ein­bar 7. Die­sem Gedan­ken folgt das gesetz­ge­be­ri­sche Grund­prin­zip, dass Ein­kom­men nicht „fik­tiv” berück­sich­tigt wer­den darf, son­dern tat­säch­lich geeig­net sein muss, Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu besei­ti­gen. Hier­auf hat der 4. Senat am Bei­spiel der Berück­sich­ti­gung schwan­ken­der Ein­nah­men bereits hin­ge­wie­sen 8. Damit ist auch bei der Berück­sich­ti­gung ein­ma­li­ger Ein­nah­men über einen Ver­teil­zeit­raum hin­weg auf ent­spre­chen­den Vor­trag des Leis­tungs­be­rech­tig­ten hin zu über­prü­fen, ob die auf die­sen Zeit­raum bezo­ge­ne Durch­schnitts­be­trach­tung die tat­säch­li­che Ein­nah­me­si­tua­ti­on im Bedarfs­zeit­raum zutref­fend wie­der­spie­gelt. Die­se Prü­fung wird das LSG nach Zurück­ver­wei­sung des Rechts­streits nach­zu­ho­len haben.

Die Aus­sa­ge des 4. Senats des Bun­des­so­zi­al­ge­richts 9 in einem (nach dem dort mit­ge­teil­ten Sach­ver­halt) ver­gleich­ba­ren Fall, dass „einer bedarfs­min­dern­den Berück­sich­ti­gung der Ein­kom­men­steu­er­erstat­tung nicht (ent­ge­gen­ste­he), dass die Klä­ger die Steu­er­erstat­tung zur Schul­den­til­gung ver­wen­det haben” 10, steht nicht im Wider­spruch zur vor­lie­gen­den Ent­schei­dung. Vor­lie­gend ist nicht dar­über zu ent­schei­den, wel­che Aus­wir­kun­gen der Zufluss der ein­ma­li­gen Ein­nah­me im April 2009 bei Prü­fung der Recht­mä­ßig­keit der Bewil­li­gung für den lau­fen­den Bewil­li­gungs­zeit­raum nach dem Maß­stab des § 48 SGB X hat­te. Allein hier­auf bezieht sich aber die vom LSG in Bezug genom­me­ne Aus­sa­ge des 4. Senats. Weil bei Anwen­dung des § 48 SGB X mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit in sol­chen Fäl­len nicht eine aktu­el­le Bedarfs­la­ge unge­deckt bleibt, son­dern nach Auf­he­bung der Bewil­li­gung und Rück­for­de­rung (nur) künf­tig eine Ver­bind­lich­keit gegen­über dem Trä­ger der Grund­si­che­rung ent­steht, wider­spricht die­ses Ergeb­nis nicht dem Prin­zip der Berück­sich­ti­gung von Ein­kom­men als „berei­ten Mitteln”.

Wegen der erst­ma­li­gen Bewil­li­gung von Leis­tun­gen für Bewil­li­gungs­zeit­räu­me, die dem Zufluss einer ein­ma­li­gen Leis­tung fol­gen und über die hier allein zu ent­schei­den ist, man­gel­te es im vom 4. Senat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ent­schie­de­nen Fall an hin­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen zur Ein­kom­mens- und Bedarfs­la­ge im Fol­ge­zeit­raum 11, sodass der Rechts­streit zu ent­spre­chen­den Ermitt­lun­gen zurück­ver­wie­sen wor­den ist. Gera­de die Aus­füh­run­gen zum not­wen­di­gen Prü­fungs­um­fang wegen des fol­gen­den Bewil­li­gungs­ab­schnitts 12 zei­gen, dass die tat­säch­li­che Mit­tel­lo­sig­keit im fol­gen­den Bewil­li­gungs­ab­schnitt für den Anspruch auf Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts (auch) nach der dort ver­tre­te­nen Auf­fas­sung nicht uner­heb­lich war. Wei­ter­ge­hen­de Ermitt­lun­gen hät­ten sich sonst erüb­rigt. Dass die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung des Senats mit der Auf­fas­sung des 4. Senats über­ein­stimmt, ergibt sich im Übri­gen aus der oben zitier­ten Recht­spre­chung aus den Folgejahren.

Ver­wen­den Leis­tungs­be­rech­tig­te ein­ma­li­ge Ein­nah­men nicht zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts im Ver­teil­zeit­raum und füh­ren sie so Hil­fe­be­dürf­tig­keit (ggf teil­wei­se) her­bei, kann sol­ches Ver­hal­ten einen Ersatz­an­spruch nach § 34 SGB II aus­lö­sen. Ins­be­son­de­re wenn dem Leis­tungs­be­rech­tig­ten aus vor­an­ge­gan­ge­nen Bezugs­zeit­räu­men oder nach ent­spre­chen­der Auf­klä­rung durch den Trä­ger der Grund­si­che­rung, die ins­be­son­de­re bei sog Auf­sto­ckern mit lau­fen­dem und ein­ma­li­gen Erwerbs­ein­kom­men ange­zeigt erscheint, bekannt ist oder bekannt sein müss­te, in wel­cher Wei­se der Ein­satz einer ein­ma­li­gen Ein­nah­me von ihm erwar­tet wird, kann bei ent­ge­gen­ste­hen­dem Ver­hal­ten ein sol­cher Anspruch ent­ste­hen 13.

Der Anspruch nach § 34 SGB II (nun­mehr in Ver­bin­dung mit den erleich­ter­ten Mög­lich­kei­ten sei­ner Rea­li­sie­rung, vgl § 43 Abs 1 SGB II nF) sichert das Bedürf­nis der All­ge­mein­heit aus­rei­chend, Steu­er­mit­tel nicht dort auf­zu­wen­den, wo die Abwen­dung von Hil­fe­be­dürf­tig­keit dem Hil­fe­be­dürf­ti­gen auch aus eige­ner Kraft mög­lich gewe­sen wäre und die Not­la­ge also schuld­haft her­bei­ge­führt wird. Zutref­fend ver­wei­sen die Klä­ger dar­auf, dass auch inso­weit das Gesetz mit Sank­ti­ons­mög­lich­kei­ten einer­seits und dem Ersatz­an­spruch nach § 34 SGB II ande­rer­seits (seit dem 1.04.2011 im Gesetz aus­drück­lich als „Ersatz­an­spruch wegen sozi­al­wid­ri­gen Ver­hal­tens” bezeich­net) abschlie­ßend auf­zeigt, inwie­weit Leis­tun­gen trotz Bedürf­tig­keit nicht oder nur ein­ge­schränkt oder mit einem Gegen­an­spruch des Trä­gers belas­tet gewährt wer­den sollen.

  1. vgl nur BSG SozR 4–4200 § 11 Nr 17 RdNr 23; BSGE 101, 291 = SozR 4–4200 § 11 Nr 15, RdNr 18[]
  2. BGBl I 453[]
  3. vgl nur BSG Urtei­le vom 30.09.2008 – B 4 AS 29/​07 R – BSGE 101, 291 = SozR 4–4200 § 11 Nr 15, RdNr 21 und – B 4 AS 57/​07 R, SozR 4–4200 § 11 Nr 16 RdNr 28 sowie Urteil vom 28.10.2009 – B 14 AS 64/​08 R[]
  4. zur alten Rechts­la­ge etwa BSG Urteil vom 27.09.2011 – B 4 AS 180/​10 R, SozR 4–4200 § 11 Nr 40 RdNr 32; Urteil vom 25.01.2012 – B 14 AS 101/​11 R, SozR 4–4200 § 11 Nr 47 RdNr 30[]
  5. vgl BSG Urteil vom 18.02.2010 – B 14 AS 32/​08 R, SozR 4–4200 § 9 Nr 9 RdNr 20; Urteil vom 10.05.2011 – B 4 KG 1/​10 R – BSGE 108, 144 = SozR 4–5870 § 6a Nr 2, RdNr 21; Urteil vom 21.06.2011 – B 4 AS 21/​10 R, SozR 4–4200 § 11 Nr 39 RdNr 29[]
  6. BSG Urteil vom 19.09.2008 – B 14/​7b AS 10/​07 R, SozR 4–4200 § 11 Nr 18 RdNr 25[]
  7. vgl nur BVerfG Beschluss vom 12.05.2005 – 1 BvR 569/​05, NVwZ 2005, 927 = Breith 2005, 803 = juris RdNr 28[]
  8. vgl BSG Urteil vom 21.06.2011 – B 4 AS 21/​10 R, SozR 4–4200 § 11 Nr 39 RdNr 29[]
  9. BSGE 101, 291 = SozR 4–4200 § 11 Nr 15[]
  10. BSG aaO, RdNr 19[]
  11. BSG aaO, RdNr 27[]
  12. BSG aaO, RdNr 28 ff[]
  13. zu den Vor­aus­set­zun­gen des § 34 SGB II im Ein­zel­nen BSG Urteil vom 02.11.2012 – B 4 AS 39/​12 R[]