Schuldbeitritt des Sozialhilfeträgers — und die spätere Aufhebung des Bewilligungsbescheides

Der Schuld­bei­tritt des Sozi­al­hil­fe­trä­gers zur Zah­lungs­ver­pflich­tung des Hil­fe­emp­fän­gers aus des­sen zivil­recht­li­chem Ver­trag mit dem Leis­tungs­er­brin­ger (hier: Schul­ver­trag über die Betreu­ung eines behin­der­ten Kin­des — Ein­glie­de­rungs­hil­fe für behin­der­te Men­schen nach §§ 53 ff SGB XII) erfolgt in der Regel durch einen pri­vat­rechts­ge­stal­ten­den Ver­wal­tungs­akt mit Dritt­wir­kung (zuguns­ten des Leis­tungs­er­brin­gers). Dadurch wird zwi­schen dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger und dem Leis­tungs­er­brin­ger eine zivil­recht­li­che Rechts­be­zie­hung begrün­det.

Der Sozi­al­hil­fe­trä­ger ist an den im Bewil­li­gungs­be­scheid im Grund­ver­hält­nis gegen­über dem Hil­fe­emp­fän­ger erklär­ten Schuld­bei­tritt grund­sätz­lich gebun­den. Die­se Bin­dungs­wir­kung besteht, solan­ge und soweit der der Bewil­li­gung zugrun­de lie­gen­de (begüns­ti­gen­de) Ver­wal­tungs­akt nicht zurück­ge­nom­men, wider­ru­fen, ander­wei­tig auf­ge­ho­ben oder durch Zeit­ab­lauf oder auf ande­re Wei­se erle­digt ist (§ 39 Abs. 2, §§ 44 ff SGB X).

Wer­den der Bewil­li­gungs­be­scheid und der dar­in erklär­te Schuld­bei­tritt nach Maß­ga­be der §§ 44 ff SGB X auf­ge­ho­ben, ent­fällt im Ver­hält­nis zum Leis­tungs­er­brin­ger der Rechts­grund für Zah­lun­gen des Sozi­al­hil­fe­trä­gers. Wird der Bewil­li­gungs­be­scheid mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit zurück­ge­nom­men (§ 45 Abs. 2, 4 SGB X), sind bereits geleis­te­te Zah­lun­gen nach § 812 Abs. 1 Satz 2 Alt. 1 BGB aus­zu­glei­chen1.

Dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger steht gegen den Leis­tungs­er­brin­ger ein Anspruch aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung nach § 812 Abs. 1 Satz 2 Alt. 1 BGB zu. Er kann nach Rück­nah­me des Bewil­li­gungs­be­scheids vom 07.05.2009 mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit die in dem Zeit­raum vom 01.01.2009 bis zum 31.05.2010 rechts­grund­los geleis­te­ten Zah­lun­gen zurück­ver­lan­gen. Dabei sind jedoch vom Hil­fe­emp­fän­ger bereits erstat­te­te Beträ­ge gemäß § 422 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 362 Abs. 1 BGB zu berück­sich­ti­gen, da die­ser neben dem Leis­tungs­er­brin­ger als Gesamt­schuld­ner haf­tet.

Die Rechts­be­zie­hung zwi­schen dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger als Sozi­al­hil­fe­trä­ger und dem Leis­tungs­er­brin­ger als Leis­tungs­er­brin­ger im Rah­men des Schul­ver­hält­nis­ses ist zivil­recht­lich zu beur­tei­len. Ohne Rechts­grund erbrach­te Zah­lun­gen des Sozi­al­hil­fe­trä­gers sind nach Maß­ga­be der §§ 812 ff BGB aus­zu­glei­chen.

Das Leis­tungs­er­brin­gungs­recht der Sozi­al­hil­fe ist im Bereich der sozia­len Diens­te und Ein­rich­tun­gen (§ 75 Abs. 1 SGB XII) durch das so genann­te sozi­al­hil­fe­recht­li­che Drei­ecks­ver­hält­nis geprägt, das die wech­sel­sei­ti­gen und unter­schied­li­chen Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen dem Trä­ger der Sozi­al­hil­fe, dem Leis­tungs­be­rech­tig­ten (Hil­fe­emp­fän­ger) und dem Leis­tungs­er­brin­ger (Dienst, Ein­rich­tung) beschreibt2. Die Beson­der­heit und zugleich Schwie­rig­keit bei der Beur­tei­lung von Ansprü­chen der im sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Drei­ecks­ver­hält­nis ver­bun­de­nen Betei­lig­ten besteht dar­in, dass die im Leis­tungs­drei­eck zusam­men­ge­fass­ten Bezie­hun­gen unter­schied­li­cher Rechts­na­tur sind.

Zwi­schen dem bedürf­ti­gen Hil­fe­emp­fän­ger und dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger besteht ein öffent­lich-recht­li­ches Leis­tungs­ver­hält­nis (Grund­ver­hält­nis), das sich nach den Vor­schrif­ten des SGB XII beur­teilt (hier: Ein­glie­de­rungs­hil­fe für behin­der­te Men­schen nach §§ 53 ff SGB XII). Die Ent­schei­dung über die Gewäh­rung von Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen ergeht durch Ver­wal­tungs­akt. Das Grund­ver­hält­nis ist Fun­da­ment und recht­li­cher Maß­stab für die übri­gen Rechts­be­zie­hun­gen des sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Drei­ecks. Die­se die­nen der Erfül­lung der Ansprü­che im Grund­ver­hält­nis. Das Grund­ver­hält­nis an sich und die die­ses Ver­hält­nis prä­gen­den Vor­schrif­ten sind daher bei der Aus­le­gung der übri­gen Ver­trags­be­zie­hun­gen zu berück­sich­ti­gen (Aus­strah­lungs­wir­kung des Grund­ver­hält­nis­ses). Im Rah­men des Grund­ver­hält­nis­ses ste­hen dem Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger kei­ne Pri­mär­an­sprü­che auf Zah­lung ent­ste­hen­der oder ent­stan­de­ner Kos­ten an sich selbst zu; er kann vom Sozi­al­hil­fe­trä­ger aus­schließ­lich die Über­nah­me die­ser Kos­ten in Form der Zah­lung an den Leis­tungs­er­brin­ger ver­lan­gen (Anspruch auf Sach­leis­tungs­ver­schaf­fung)3. Das gesetz­li­che Rege­lungs­kon­zept geht somit davon aus, dass der Sozi­al­hil­fe­trä­ger die ihm (im Rah­men sei­ner Sachleistungsverschaffungspflicht/​Gewährleistungsverantwortung) oblie­gen­de Leis­tung nicht als Geld­leis­tung an den jewei­li­gen Hil­fe­emp­fän­ger erbringt, um die­sem die Zah­lung des ver­trag­li­chen Ent­gelts aus dem Ver­trag über die Erbrin­gung von Pfle­ge­leis­tun­gen zu ermög­li­chen, son­dern dass die Zah­lung direkt an den Dienst erfolgt, der die Pfle­ge leis­tet4.

Der Kos­ten­über­nah­me­an­spruch des Leis­tungs­emp­fän­gers gegen­über dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger setzt vor­aus, dass zwi­schen Ers­te­rem und dem Leis­tungs­er­brin­ger ein zivil­recht­li­cher Ver­trag geschlos­sen wird, auf Grund des­sen ein Anspruch auf Erbrin­gung von Betreu­ungs, Hil­fe- und För­der­leis­tun­gen sowie gege­be­nen­falls Unter­kunft und Ver­pfle­gung besteht (pri­vat­recht­li­ches Erfül­lungs­ver­hält­nis als zivil­recht­li­che Sei­te des sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Drei­ecks; hier: Schul­ver­trag mit dem Leis­tungs­er­brin­ger als Schul­trä­ger). Im Gegen­zug ist der bedürf­ti­ge Hil­fe­emp­fän­ger zur Zah­lung des ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ent­gelts ver­pflich­tet. Die gegen­über dem Leis­tungs­er­brin­ger bestehen­de Zah­lungs­ver­pflich­tung des Hil­fe­emp­fän­gers ist der Bedarf, den der Sozi­al­hil­fe­trä­ger im Grund­ver­hält­nis — durch Ver­gü­tungs­über­nah­me — decken muss5.

Die Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen den Leis­tungs­er­brin­gern und den Sozi­al­hil­fe­trä­gern wer­den in ihrem Rah­men durch die öffent­lich-recht­lich zu qua­li­fi­zie­ren­den Ver­ein­ba­run­gen nach § 75 Abs. 3 SGB XII (öffent­lich-recht­li­ches Sach­leis­tungs­ver­schaf­fungs­ver­hält­nis)6 bestimmt. Da der Sozi­al­hil­fe­trä­ger die Leis­tun­gen grund­sätz­lich nicht selbst erbringt, hat er durch Ver­trä­ge mit den Leis­tungs­er­brin­gern eine Sach­leis­tung durch die­se sicher­zu­stel­len. Dadurch wird den Hil­fe­emp­fän­gern die Sozi­al­leis­tung ver­schafft7. Zugleich modi­fi­zie­ren die Ver­ein­ba­run­gen das Grund­ver­hält­nis und beein­flus­sen („über­la­gern”) das Erfül­lungs­ver­hält­nis8. Das zwi­schen Sozi­al­hil­fe­trä­ger und Leis­tungs­er­brin­ger bestehen­de Sach­leis­tungs­ver­schaf­fungs­ver­hält­nis ver­bin­det somit das öffent­lich-recht­li­che Grund­ver­hält­nis und das pri­vat­recht­li­che Erfül­lungs­ver­hält­nis zu einer drei­sei­ti­gen Rechts­be­zie­hung.

Nach dem Geset­zes­kon­zept ist die „Über­nah­me” der dem Leis­tungs­er­brin­ger zuste­hen­den Ver­gü­tung (vgl. § 75 Abs. 3 SGB XII) untrenn­ba­rer ergän­zen­der Bestand­teil der Sach­leis­tungs­ver­schaf­fungs­pflicht des Trä­gers der Sozi­al­hil­fe.

Recht­lich geschieht dies — bei unver­än­dert fort­be­stehen­der Ver­pflich­tung des Hil­fe­emp­fän­gers aus dem im Erfül­lungs­ver­hält­nis geschlos­se­nen pri­vat­recht­li­chen Ver­trag — in Form eines Schuld­bei­tritts des Sozi­al­hil­fe­trä­gers (kumu­la­ti­ve Schuld­über­nah­me). Der Sozi­al­hil­fe­trä­ger tritt der Zah­lungs­ver­pflich­tung des bedürf­ti­gen Hil­fe­emp­fän­gers aus des­sen zivil­recht­li­chem Ver­trag mit dem Leis­tungs­er­brin­ger und somit einer pri­vat­recht­li­chen Schuld gegen­über dem Leis­tungs­er­brin­ger bei. Dabei wird der Schuld­bei­tritt in dem im öffent­lich-recht­li­chen Grund­ver­hält­nis erge­hen­den Bewil­li­gungs­be­scheid über die Sozi­al­hil­fe­leis­tung erklärt. Dem­entspre­chend han­delt es sich bei dem Bewil­li­gungs­be­scheid um einen Ver­wal­tungs­akt mit Dritt­wir­kung (zuguns­ten des Leis­tungs­er­brin­gers) nach § 31 SGB X9.

Der Schuld­bei­tritt hat sowohl einen unmit­tel­ba­ren Zah­lungs­an­spruch des Leis­tungs­er­brin­gers gegen den Sozi­al­hil­fe­trä­ger als auch einen Anspruch des Hil­fe­emp­fän­gers gegen den Sozi­al­hil­fe­trä­ger auf Zah­lung an den Leis­tungs­er­brin­ger zur Fol­ge. Der Sozi­al­hil­fe­trä­ger tritt auf die­se Wei­se als Gesamt­schuld­ner im Sin­ne der §§ 421 ff BGB in Höhe der bewil­lig­ten Leis­tung, wie sie in dem gegen­über dem Hilfs­be­dürf­ti­gen erge­hen­den Kos­ten­über­nah­me­be­scheid aus­ge­wie­sen ist, an die Sei­te des Sozi­al­hil­fe­emp­fän­gers10. Dadurch, dass der Sozi­al­hil­fe­trä­ger mit dem Kos­ten­über­nah­me­be­scheid der Schuld des Hil­fe­emp­fän­gers bei­tritt und der Leis­tungs­er­brin­ger auf Grund die­ses Schuld­bei­tritts direkt einen Zah­lungs­an­spruch gegen den Sozi­al­hil­fe­trä­ger hat, wan­delt sich die zivil­recht­li­che Schuld aus dem im Erfül­lungs­ver­hält­nis zwi­schen dem Hil­fe­emp­fän­ger und dem Leis­tungs­er­brin­ger geschlos­se­nen (Dienst)Vertrag nicht in eine öffent­lich-recht­li­che um. Denn ein Schuld­bei­tritt teilt sei­nem Wesen nach die Rechts­na­tur der For­de­rung des Gläu­bi­gers, zu der er erklärt wird11.

Da der Sozi­al­hil­fe­trä­ger somit durch den Schuld­bei­tritt Gesamt­schuld­ner einer zivil­recht­li­chen For­de­rung wird, ist die Ent­schei­dung des Sozi­al­hil­fe­trä­gers im Grund­ver­hält­nis über die Schuld­mit­über­nah­me (Bewil­li­gungs­be­scheid) als pri­vat­rechts­ge­stal­ten­der Ver­wal­tungs­akt mit Dritt­wir­kung zu qua­li­fi­zie­ren12, der zwi­schen dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger und dem Leis­tungs­er­brin­ger eine zivil­recht­li­che Rechts­be­zie­hung ent­ste­hen lässt, so dass die Vor­schrif­ten des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs gel­ten. Der Schuld­bei­tritt des Sozi­al­hil­fe­trä­gers begrün­det — wie Garan­tie oder Bürg­schaft — eine eige­ne Schuld und stellt die­se neben die des Schuld­ners. Zahlt der Bei­tre­ten­de an den Gläu­bi­ger, leis­tet er in der Regel auf die­se Ver­pflich­tung. Besteht sie nicht, hat er einen Anspruch aus Leis­tungs­kon­dik­ti­on gegen den Gläu­bi­ger13. Die Schuld des Bei­tre­ten­den ist nicht akzes­so­risch zur Haupt/​Urschuld. Nach Inhalt und Umfang bemisst sie sich ledig­lich in der Sekun­de ihrer Begrün­dung (hier: durch Ver­wal­tungs­akt mit Dritt­wir­kung) nach der Haupt/​Urschuld. Ab die­sem Zeit­punkt lie­gen Ein­zel­ver­pflich­tun­gen vor, die nach all­ge­mei­nen Gesamt­schuld­grund­sät­zen eine selb­stän­di­ge und durch­aus unter­schied­li­che Ent­wick­lung neh­men kön­nen, wenn nicht ein Fall der Wir­kungs­er­stre­ckung nach §§ 424 ff BGB vor­liegt14.

Aus den zu dem sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Drei­ecks­ver­hält­nis ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen folgt für den vor­lie­gen­den Fall, dass der Leis­tungs­er­brin­ger durch den Leis­tungs­be­scheid vom 07.05.2009 in dem dort aus­ge­wie­se­nen Umfang der Zah­lungs­ver­pflich­tung des hil­fe­be­dürf­ti­gen Kin­des aus dem mit dem Leis­tungs­er­brin­ger abge­schlos­se­nen Schul­ver­trag bei­getre­ten ist. Auf Grund die­ses Bei­tritts ist der Leis­tungs­er­brin­ger als Leis­tungs­er­brin­ger Gläu­bi­ger eines den Vor­schrif­ten des Bür­ger­li­chen Rechts unter­lie­gen­den Zah­lungs­an­spruchs gegen den Sozi­al­hil­fe­trä­ger als Gesamt­schuld­ner gewor­den. Soweit das Beru­fungs­ge­richt meint, der Bewil­li­gungs­be­scheid voll­zie­he nur die einst­wei­li­ge Anord­nung vom 24.11.2008 und wei­se kei­nen eigen­stän­di­gen Rege­lungs­cha­rak­ter im Sin­ne des § 31 SGB X auf, wer­den sowohl die pri­vat­rechts­ge­stal­ten­de Dritt­wir­kung des Bescheids als auch der Umstand außer Acht gelas­sen, dass die zu erbrin­gen­den Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen durch den Bescheid näher kon­kre­ti­siert wur­den15.

Durch die rück­wir­ken­de Auf­he­bung der Sozi­al­hil­fe­be­wil­li­gung mit Bescheid des Sozi­al­hil­fe­trä­gers vom 16.05.2012 ist der Rechts­grund für die in dem Zeit­raum vom 01.01.2009 bis zum 31.05.2010 an den Leis­tungs­er­brin­ger geleis­te­ten Zah­lun­gen nach­träg­lich weg­ge­fal­len (§ 812 Abs. 1 Satz 2 Alt. 1 BGB).

Der Sozi­al­hil­fe­trä­ger ist an den im Bewil­li­gungs­be­scheid im Grund­ver­hält­nis erklär­ten Schuld­bei­tritt grund­sätz­lich gebun­den. Die­se Bin­dungs­wir­kung besteht ent­ge­gen der der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts zugrun­de lie­gen­den Annah­me, solan­ge und soweit der der Bewil­li­gung zugrun­de lie­gen­de (begüns­ti­gen­de) Ver­wal­tungs­akt nicht zurück­ge­nom­men, wider­ru­fen, ander­wei­tig auf­ge­ho­ben oder durch Zeit­ab­lauf oder auf ande­re Wei­se erle­digt ist (§ 39 Abs. 2, §§ 44 ff SGB X). Die Wirk­sam­keit des Schuld­bei­tritts hängt somit vom Schick­sal des Bewil­li­gungs­be­scheids ab. Um von sei­ner zivil­recht­li­chen Ver­pflich­tung gegen­über dem Leis­tungs­er­brin­ger frei zu wer­den, muss der Sozi­al­hil­fe­trä­ger den Bewil­li­gungs­be­scheid ins­ge­samt, das heißt auch den dar­in ent­hal­te­nen Schuld­bei­tritt, nach §§ 44 ff SGB XII auf­he­ben16. Inso­weit strahlt das öffent­lich-recht­li­che Grund­ver­hält­nis auf das pri­vat­recht­li­che Erfül­lungs­ver­hält­nis aus, da der Schuld­bei­tritt auf­grund der pri­vat­rechts­ge­stal­ten­den Wir­kung des Bewil­li­gungs­be­scheids erfolg­te. Ohne eine Ent­schei­dung im Grund­ver­hält­nis nach §§ 44 ff SGB X bleibt der Schuld­bei­tritt grund­sätz­lich bin­dend. Soweit der Bewil­li­gungs­be­scheid nicht wider­ru­fen oder zurück­ge­nom­men ist, kön­nen Zah­lun­gen des Sozi­al­hil­fe­trä­gers an den Leis­tungs­er­brin­ger des­halb nicht nach Berei­che­rungs­recht mit der Begrün­dung zurück­ge­for­dert wer­den, die Vor­aus­set­zun­gen für die Leis­tungs­ge­wäh­rung sei­en nicht erfüllt. Wer­den hin­ge­gen der Bewil­li­gungs­be­scheid und der dar­in erklär­te Schuld­bei­tritt nach Maß­ga­be der §§ 44 ff SGB X auf­ge­ho­ben, ent­fällt im Ver­hält­nis zum Leis­tungs­er­brin­ger der Rechts­grund für die Zah­lun­gen des Sozi­al­hil­fe­trä­gers. Wird der Bewil­li­gungs­be­scheid — aus­nahms­wei­se — mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit zurück­ge­nom­men (§ 45 Abs. 2, 4 Satz 1 SGB X), sind bereits geleis­te­te Zah­lun­gen nach § 812 Abs. 1 Satz 2 Alt. 1 BGB aus­zu­glei­chen.

Im vor­lie­gen­den Fall hat der Sozi­al­hil­fe­trä­ger die Sozi­al­hil­fe­be­wil­li­gung nebst Schuld­bei­tritt mit gegen­über dem Hil­fe­emp­fän­ger und dem Leis­tungs­er­brin­ger bestands­kräf­ti­gem Bescheid vom 16.05.2012 (in Ver­bin­dung mit dem Bescheid an den Leis­tungs­er­brin­ger) gemäß § 45 Abs. 2 Satz 3 Nr. 3, Abs. 4 Satz 1 SGB X zurück­ge­nom­men. Dies erfolg­te mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit, wie sich ins­be­son­de­re dar­aus ergibt, dass sowohl der Hil­fe­emp­fän­ger als auch der Leis­tungs­er­brin­ger auf Erstat­tung der seit dem 1.01.2009 geleis­te­ten Zah­lun­gen in Anspruch genom­men wur­den.

Auf einen Weg­fall der Berei­che­rung (§ 818 Abs. 3 BGB) kann der Leis­tungs­er­brin­ger sich nicht beru­fen (§ 820 Abs. 1 Satz 2 BGB). Er durf­te nicht dar­auf ver­trau­en, dass die im vor­läu­fi­gen Rechts­schutz erst­in­stanz­lich ergan­ge­ne Ent­schei­dung, auf der der Bewil­li­gungs­be­scheid beruh­te, im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren und spä­ter im Haupt­sa­che­ver­fah­ren bestä­tigt wird. Der Bescheid ist zudem unter dem aus­drück­li­chen Vor­be­halt der Rück­for­de­rung ergan­gen17. Es kommt hin­zu, dass der Leis­tungs­er­brin­ger den Schul­ver­trag in Kennt­nis der unge­si­cher­ten Finan­zie­rung und vor Erlass der einst­wei­li­gen Anord­nung vom 24.11.2008 abge­schlos­sen hat, also bewusst auf Pla­nungs­si­cher­heit ver­zich­te­te.

Der Leis­tungs­er­brin­ger und der Hil­fe­emp­fän­ger haf­ten dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger als Gesamt­schuld­ner nach § 421 BGB. Der Anspruch aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung gegen den Leis­tungs­er­brin­ger und der öffent­lich-recht­li­che Erstat­tungs­an­spruch aus § 50 Abs. 1 bezie­hungs­wei­se § 50 Abs. 2 i.V.m. § 45 Abs. 2 Satz 3 Nr. 3, Abs. 4 SGB X gegen den Hil­fe­emp­fän­ger ste­hen gleich­stu­fig neben­ein­an­der. Denn nach den Grund­sät­zen des sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Drei­ecks hat der Sozi­al­hil­fe­trä­ger sei­ne gegen­über dem Hil­fe­emp­fän­ger bestehen­de Sach­leis­tungs­ver­schaf­fungs­pflicht dadurch erfüllt, dass er das aus dem Schul­ver­trag geschul­de­te Ent­gelt an den Leis­tungs­er­brin­ger gezahlt hat. Der Hil­fe­emp­fän­ger hat wie­der­um eine die­sen Zah­lun­gen ent­spre­chen­de Sach­leis­tung erhal­ten, ohne das hier­für ver­ein­bar­te Ent­gelt ent­rich­ten zu müs­sen. Die Gleich­stu­fig­keit der Rück­erstat­tungs­ver­pflich­tun­gen ergibt sich dar­aus, dass der Leis­tungs­er­brin­ger und der Hil­fe­emp­fän­ger in glei­chem Umfang berei­chert und bei­de zur Rück­zah­lung ver­pflich­tet sind, ohne dass einer der Schuld­ner nur sub­si­di­är oder vor­läu­fig für die ande­re Ver­bin­dung ein­ste­hen muss. Inso­weit wird ein inhalts­glei­ches Gläu­bi­ger­inter­es­se befrie­digt18. Uner­heb­lich ist, dass der Leis­tungs­er­brin­ger zivil­recht­lich haf­tet, wäh­rend sich die Haf­tung des Hil­fe­emp­fän­gers nach öffent­li­chem Recht rich­tet19.

Die Erfül­lung durch einen Gesamt­schuld­ner wirkt gemäß § 422 Abs. 1 Satz 1 BGB auch für den ande­ren Gesamt­schuld­ner. Die von den Eltern des Hil­fe­emp­fän­gers bereits erstat­te­ten Beträ­ge kom­men des­halb auch dem Leis­tungs­er­brin­ger zugu­te (§ 362 Abs. 1 BGB).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 31. März 2016 — III ZR 267/​15

  1. Bestä­ti­gung und Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 07.05.2015 — III ZR 304/​14, BGHZ 205, 260 []
  2. grund­le­gend BSGE 102, 1 Rn. 15 ff []
  3. BGH, Urteil vom 07.05.2015 — III ZR 304/​14, BGHZ 205, 260 Rn. 21; Jaritz/​Eicher, juris­PK-SGB XII, 2. Aufl., § 75 SGB XII Rn. 32, 38; Eicher, SGb 2013, 127, 128 []
  4. BSG, NVwZ-RR 2015, 501 Rn. 14; vgl. auch BSGE aaO Rn.19 f []
  5. BGH, Urteil vom 07.05.2015 aaO Rn. 22; Jaritz/​Eicher aaO Rn. 34; Eicher aaO []
  6. BGH, Urteil vom 07.05.2015 aaO Rn. 23; Jaritz/​Eicher aaO Rn. 36; Eicher aaO []
  7. BGH aaO; BSGE 102, 1 Rn. 17 []
  8. BGH, Urteil vom 07.05.2015 aaO Rn. 23, 26; Jaritz/​Eicher aaO Rn. 36, 40 []
  9. BGH, Urteil vom 07.05.2015 aaO Rn. 24; s. auch BSGE 102, 1 Rn. 22 ff; BSG, BeckRS 2014, 68095 Rn. 7 und NVwZ 2015, 501 Rn. 14; LSG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 18.02.2011 — L 1 SO 33/​09, BeckRS 2011, 69866 26; Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 26.11.2012 — L 18 SO 173/​12 B, BeckRS 2013, 68424 15 ff; Jaritz/​Eicher aaO Rn. 42, 46 []
  10. BGH, Urteil vom 07.05.2015 aaO []
  11. BGH, Urtei­le vom 06.11.2008 — III ZR 279/​07, BGHZ 178, 243 Rn. 14; und vom 07.05.2015 aaO; BGH, Urteil vom 16.10.2007 — XI ZR 132/​06, BGHZ 174, 39 Rn. 23; BGH, Beschlüs­se vom 17.09.2008 — III ZB 19/​08, WM 2008, 2153 Rn. 15 und — III ZB 50/​08, BeckRS 2008, 21300 Rn. 16 []
  12. vgl. Jaritz/​Eicher aaO Rn. 46 mwN []
  13. vgl. Palandt/​Sprau, BGB 75. Aufl., § 812 Rn. 83 zur Kon­stel­la­ti­on bei der Bürg­schaft []
  14. Münch­Komm-BGB/­Byd­lin­ski, 7. Aufl., Vor § 414 Rn. 17; Palandt/​Grüneberg, BGB, 75. Aufl., Über­blick vor § 414 Rn. 7; Staudinger/​Rieble, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2012, § 414 Rn. 25 []
  15. vgl. Luthe in Schlegel/​Voelzke, juris­PK-SGB X, § 31 Rn. 53 []
  16. Jaritz/​Eicher aaO Rn. 49 []
  17. vgl. BSG, Urteil vom 31.10.1991 — 7 RAr 60/​89 29 f; KassKomm/​Steinwedel, SGB X, 88. EL Dezem­ber 2015, § 50 Rn. 39; Kel­ler in Mey­er-Lade­wi­g/­Leit­he­rer, SGG, 11. Aufl., § 86b Rn. 22, 49 []
  18. vgl. BGH, Urteil vom 22.12 2011 — VII ZR 7/​11, NJW 2012, 1071 Rn. 18; Palandt/​Grüneberg aaO § 421 Rn. 7 mwN []
  19. vgl. Palandt/​Grüneberg aaO Rn. 10 []

 

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