Betriebskostennachzahlung für die frühere Wohnung

Eine Betriebs­kos­ten­nach­zah­lung für die frü­her bewohn­te Woh­nung eines ALG II-Emp­fän­gers sind als Unter­kunfts­kos­ten vom Grund­si­che­rungs­trä­ger zu über­neh­men, ent­schied jetzt das Säch­si­sche Landessozialgericht. 

In dem vom Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall bezog die Klä­ge­rin seit August 2005 durch­gän­gig Leis­tun­gen nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch. Die Arge Mitt­le­rer Erz­ge­birgs­kreis hat­te es abge­lehnt, eine im Sep­tem­ber 2006 fäl­li­ge Betriebs­kos­ten- und Heiz­mit­tel­nach­for­de­rung in Höhe von ins­ge­samt 212,30 € für 2005 zu über­neh­men, die die Klä­ge­rin im August 2006 von ihrem frü­he­ren Ver­mie­ter erhal­ten hat­te. Sie war im Febru­ar 2006 aus jener Woh­nung ausgezogen. 

Die Ableh­nung begrün­de­te die Arge damit, dass es sich um Schul­den aus einem frü­he­ren Miet­ver­hält­nis han­de­le, die nur unter den – hier nicht gege­be­nen – Vor­aus­set­zun­gen des § 22 Abs. 5 SGB II über­nom­men wer­den könn­ten. Wider­spruch und Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Chem­nitz waren zunächst erfolglos.

Auf die Beru­fung hin hat jedoch das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt das Urteil des Sozi­al­ge­richts Chem­nitz auf­ge­ho­ben und die beklag­te Arge ver­pflich­tet, der Klä­ge­rin wei­te­re Kos­ten der Unter­kunft für Sep­tem­ber 2006 in Höhe von 212,30 € zu bewil­li­gen. In der Sache han­de­le es sich, so das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt, um die Ände­rung des frü­he­ren Bewil­li­gungs­be­schei­des zuguns­ten des Betrof­fe­nen gemäß § 48 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB X wegen einer nach­träg­li­chen wesent­li­chen Ver­än­de­rung der Verhältnisse. 

Bei der Neben- und Heiz­kos­ten­nach­for­de­rung han­de­le es sich im Monat der Fäl­lig­keit um tat­säch­li­che Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Hei­zung i.S.d. § 22 Abs. 1 Satz 1 SGB II und nicht um Miet­schul­den. Denn Hil­fe­be­dürf­tig­keit bestehe zunächst nur in der mit dem Ver­mie­ter ver­ein­bar­ten Neben­kos­ten­vor­aus­zah­lung, die sich als zu gering bemes­sen her­aus­stel­len kön­ne. Miet­schul­den lägen dem­ge­gen­über erst vor, wenn der Mie­ter auf eine miet­recht­li­che Ver­pflich­tung trotz Fäl­lig­keit nicht geleis­tet hat. Ein Anspruch des Ver­mie­ters auf Nach­zah­lung von Betriebs- und Heiz­kos­ten hin­ge­gen ent­steht erst nach end­gül­ti­ger Abrech­nung und wird erst zu die­sem Zeit­punkt fällig.

Ein gegen­wär­ti­ger Bedarf in Form der Nach­for­de­rung kön­ne aber, so das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt, nicht gleich­zei­tig eine Miet­schuld dar­stel­len. Um Schul­den im Sin­ne des § 22 Abs. 5 SGB II han­de­le es sich nur bei Ver­bind­lich­kei­ten, die aus der Zeit vor dem Leis­tungs­be­zug nach dem SGB II herrührten. 

Ein gegen­wär­ti­ger Bedarf sei auch nicht des­we­gen zu ver­nei­nen, weil die Klä­ge­rin im Zeit­punkt der Fäl­lig­keit der Nach­zah­lungs­for­de­rung die­se Unter­kunft nicht mehr bewoh­ne. Zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums gehö­re es, dass ein Hil­fe­be­dürf­ti­ger, der durch­gän­gig im Leis­tungs­be­zug stand, sei­nen Ver­pflich­tun­gen aus dem Miet­ver­trag nach­kam und bei dem die Unter­kunfts- und Heiz­kos­ten ange­mes­sen sind, nicht mit einem Teil die­ser Kos­ten als Schul­den zurück­ge­las­sen wer­den dürfe.

Etwas ande­res kön­ne nur gel­ten, wenn es sich um Miet­schul­den aus der Zeit vor dem Leis­tungs­be­zug han­de­le, oder wenn im Zeit­punkt der Fäl­lig­keit der Nach­for­de­rung, also der Gegen­wär­tig­keit des Bedarfs beim Leis­tungs­emp­fän­ger kei­ne Hil­fe­be­dürf­tig­keit mehr vor­lie­gen wür­de. Das sei hier nicht gege­ben gewesen.

Das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat die Revi­si­on zum Bun­des­so­zi­al­ge­richt zuge­las­sen, weil die Fra­ge, ob Betriebs­kos­ten­nach­zah­lun­gen auch dann zu über­neh­men sind, wenn das Miet­ver­hält­nis, aus wel­chem sie her­rüh­ren, im Zeit­punkt der Fäl­lig­keit der Betriebs­kos­ten­nach­zah­lung nicht mehr besteht, der Leis­tungs­be­rech­tig­te aber im Zeit­punkt der Fäl­lig­keit bedürf­tig ist, über den Ein­zel­fall hin­aus grund­sätz­li­che Bedeu­tung habe.

Säch­si­sches Lan­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 10. Sep­tem­ber 2009 – L 3 AS 188/​08