Betriebskostennachforderung für nicht mehr bewohnte Wohnung

Hat der Leis­tungs­be­rech­tig­te die Woh­nung für die die Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung gel­tend gemacht wird, auf­grund einer Kos­ten­sen­kungs­auf­for­de­rung des Leis­tungs­trä­gers nach § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II auf­ge­ge­ben, ist er mit dem Woh­nungs­wech­sel ledig­lich einer gesetz­lich auf­er­leg­ten Oblie­gen­heit nach­ge­kom­men. Solan­ge die Leis­tun­gen für Unter­kunft bis zum Voll­zug der Kos­ten­sen­kungs­auf­for­de­rung jedoch in tat­säch­li­cher Höhe zu erbrin­gen waren, stel­len sie einen grund­si­che­rungs­recht­li­chen Bedarf der Exis­tenz­si­che­rung im Bereich des Woh­nens dar und sind nicht wie Schul­den iS des § 22 Abs 5 SGB II zu behandeln.

So das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in dem hier vor­lie­gen­den Fall. Die Klä­ge­rin bezog vom 1. Janu­ar 2006 bis 31. Dezem­ber 2006 Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts ein­schließ­lich der Kos­ten der Unter­kunft nach dem SGB II vom Land­kreis B. Nach­dem die Klä­ge­rin vom Grund­si­che­rungs­trä­ger auf­ge­for­dert wor­den war, ihre Miet­kos­ten zu sen­ken, fand ein Umzug in eine neue Unter­kunft statt. Für die nicht mehr bewohn­te Woh­nung ver­lang­te der Ver­mie­ter eine Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung, deren Über­nah­me die Klä­ge­rin bei dem Grund­si­che­rungs­trä­ger bean­tragt hat. Dies wur­de abge­lehnt. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruch hat die Klä­ge­rin Kla­ge erho­ben und vor dem Sozi­al­ge­richt Dres­den Recht bekom­men. Dar­auf­hin hat der Beklag­te Sprung­re­vi­si­on eingelegt.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ist vor­lie­gend die Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung auch für die im Fäl­lig­keits­zeit­punkt der Nach­for­de­rung nicht mehr bewohn­te Woh­nung ein ein­ma­li­ger Bedarf für Unter­kunft und Hei­zung iS des § 22 Abs 1 Satz 1 SGB II.

Ob der Klä­ge­rin die Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung zusteht, rich­tet sich nach § 48 Abs 1 SGB X. Danach ist ein Ver­wal­tungs­akt, hier der Bewil­li­gungs­be­scheid vom 15.6.2007 betref­fend den Zeit­raum 1.7.2007 bis 31.12.2007, mit Wir­kung für die Zukunft auf­zu­he­ben, soweit in den tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Ver­hält­nis­sen, die bei sei­nem Erlass vor­ge­le­gen haben, eine wesent­li­che Ände­rung ein­tritt. Der Ver­wal­tungs­akt soll nach § 48 Abs 1 Satz 2 SGB X auf­ge­ho­ben wer­den, soweit die Ände­rung zuguns­ten des Betrof­fe­nen erfolgt. Hier­zu ist der Anspruch auf Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung dem Grun­de und der Höhe nach zu prü­fen1. Es erge­ben sich jeden­falls kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die Unter­kunfts­kos­ten der Klä­ge­rin, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 7 Abs 1 Satz 1 iVm § 19 Satz 1, § 22 SGB II erfüllt, zu hoch fest­ge­setzt wor­den sein könnten.

Mit der Gel­tend­ma­chung der Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung durch den Ver­mie­ter ist eine rechts­er­heb­li­che Ände­rung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se ein­ge­tre­ten. § 22 Abs 1 SGB II erfasst nicht nur lau­fen­de, son­dern auch ein­ma­li­ge Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung2. Soweit eine Nach­for­de­rung in einer Sum­me fäl­lig wird, ist sie als tat­säch­li­cher, aktu­el­ler Bedarf im Zeit­punkt ihrer Fäl­lig­keit zu berück­sich­ti­gen, nicht aber auf län­ge­re Zeit­räu­me zu ver­tei­len3. Nach­zah­lun­gen gehö­ren dem­zu­fol­ge zum aktu­el­len Bedarf im Fäl­lig­keits­mo­nat4.

Eine wesent­li­che Ände­rung iS von § 48 Abs 1 SGB X kann nicht mit der Argu­men­ta­ti­on ver­neint wer­den, die Klä­ge­rin habe für den Ent­ste­hungs­zeit­raum der Neben­kos­ten kei­ne höhe­ren Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung bean­spru­chen kön­nen, weil der Land­kreis B. als für die Kos­ten der Woh­nung in W. zustän­di­ger kom­mu­na­ler Trä­ger durch das Schrei­ben vom 28.6.2006 mit der Auf­for­de­rung zur Kos­ten­sen­kung die Unan­ge­mes­sen­heit der dama­li­gen Unter­kunfts­kos­ten fest­ge­stellt habe. Dabei kann das Bun­des­so­zi­al­ge­richt dahin­ste­hen las­sen, wie die Rechts­la­ge zu beur­tei­len ist, wenn die Kos­ten im Ent­ste­hungs­zeit­punkt unan­ge­mes­sen sind und im Zeit­punkt des Bedarfs­ein­tritts – also der Fäl­lig­keit der Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung – Leis­tun­gen für Unter­kunft in tat­säch­lich ent­stan­de­ner Höhe der Auf­wen­dun­gen erbracht wer­den. Selbst wenn die Auf­wen­dun­gen der Klä­ge­rin für die Woh­nung in W. unan­ge­mes­sen waren, so befand sich die Klä­ge­rin noch in der vom Land­kreis B. gesetz­ten „Schon­frist” des § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II bis zum 31. März 2007, inner­halb derer die unan­ge­mes­se­nen Kos­ten wei­ter zu tra­gen sind, soweit sofor­ti­ge Kos­ten­sen­kungs­maß­nah­men nicht mög­lich oder zumut­bar sind5. Die Klä­ge­rin hat die Woh­nung bereits zum 31.10.2006 gewech­selt, also vier Mona­te nach Auf­for­de­rung. Hin­wei­se, dass ihr frü­he­re Kos­ten­sen­kungs­maß­nah­men mög­lich oder zumut­bar waren, sind nicht ersichtlich.

Der Annah­me einer wesent­li­chen Ände­rung steht auch nicht ent­ge­gen, dass der Bedarf durch die Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung vom 10.9.2007 nicht mate­ri­ell die­sem Monat oder dem Monat der Fäl­lig­keit am 31.12.2007 zuzu­ord­nen ist. Wie das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bereits ent­schie­den hat, beur­teilt sich die Rechts­la­ge viel­mehr nach den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Ver­hält­nis­sen des Zeit­raums, dem die frag­li­che For­de­rung nach ihrer Ent­ste­hung im tat­säch­li­chen Sin­ne zuzu­ord­nen ist6. Für eine der­ar­ti­ge Aus­le­gung spricht ins­be­son­de­re der dem § 22 SGB II inne­woh­nen­de Schutz­ge­dan­ke. Kos­ten­sen­kungs­maß­nah­men kön­nen nur in dem Zeit­punkt rea­li­siert wer­den, in dem die Kos­ten ent­ste­hen. Der Anspruch beur­teilt sich des­halb dem Grun­de und der Höhe nach aus­schließ­lich nach den Ver­hält­nis­sen des Jah­res 2006.

Es kommt im Gegen­satz zu der vom Beklag­ten ver­tre­te­nen Auf­fas­sung hier nicht dar­auf an, dass die Klä­ge­rin die Woh­nung, für die die Betriebs­kos­ten nach­ge­for­dert wor­den sind, im Monat des Erhalts der Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung nicht mehr bewohnt hat. Sie hat die Woh­nung auf­grund einer Kos­ten­sen­kungs­auf­for­de­rung des Leis­tungs­trä­gers iS von § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II auf­ge­ge­ben. Zudem stand sie im Zeit­punkt der tat­säch­li­chen Ent­ste­hung der Auf­wen­dun­gen und des Auf­tre­tens des Bedarfs durch die Nach­for­de­rung im Leis­tungs­be­zug und es ist kei­ne ander­wei­ti­ge Bedarfs­de­ckung ein­ge­tre­ten. Jeden­falls in einem sol­chen Fall ist der Grund­si­che­rungs­trä­ger ver­pflich­tet, den Bedarf durch Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung zu decken.

Hat der Leis­tungs­be­rech­tig­te die Woh­nung für die die Betriebs­kos­ten­nach­for­de­rung gel­tend gemacht wird, auf­grund einer Kos­ten­sen­kungs­auf­for­de­rung des Leis­tungs­trä­gers nach § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II auf­ge­ge­ben, ist er mit dem Woh­nungs­wech­sel ledig­lich einer gesetz­lich auf­er­leg­ten Oblie­gen­heit nach­ge­kom­men. Solan­ge die Leis­tun­gen für Unter­kunft bis zum Voll­zug der Kos­ten­sen­kungs­auf­for­de­rung jedoch in tat­säch­li­cher Höhe zu erbrin­gen waren, stel­len sie einen grund­si­che­rungs­recht­li­chen Bedarf der Exis­tenz­si­che­rung im Bereich des Woh­nens dar und sind nicht wie Schul­den iS des § 22 Abs 5 SGB II zu behan­deln. Inso­weit hat das Gericht eben­falls schon erkannt, dass die Fra­ge, ob Schul­den iS des § 22 Abs 5 Satz 1 SGB II oder tat­säch­li­che Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Hei­zung iS des § 22 Abs 1 SGB II vor­lie­gen, unab­hän­gig von deren zivil­recht­li­cher Ein­ord­nung aus­ge­hend von dem Zweck der Leis­tun­gen nach dem SGB II zu beur­tei­len ist, einen tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen und bis­her noch nicht von dem SGB II-Trä­ger gedeck­ten Bedarf auf­zu­fan­gen7. Bezieht sich die Nach­for­de­rung an Betriebs­kos­ten auf einen wäh­rend der Hil­fe­be­dürf­tig­keit des SGB II-Leis­tungs­be­rech­tig­ten ein­ge­tre­te­nen und bis­her noch nicht gedeck­ten Bedarf, han­delt es sich mit­hin um vom SGB II-Trä­ger zu über­neh­men­de tat­säch­li­che Auf­wen­dun­gen nach § 22 Abs 1 SGB II. Hat der Grund­si­che­rungs­trä­ger dem Leis­tungs­be­rech­tig­ten bereits die monat­lich an den Ver­mie­ter oder das Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men zu zah­len­den Abschlags­be­trä­ge zur Ver­fü­gung gestellt, den aktu­el­len Bedarf in der Ver­gan­gen­heit also bereits gedeckt, und beruht die Nach­for­de­rung auf der Nicht­zah­lung der als Vor­aus­zah­lung vom Ver­mie­ter gefor­der­ten Abschlä­ge für Heiz- und Betriebs­kos­ten, han­delt es sich dage­gen um Schul­den8. Das ist hier jedoch nicht der Fall.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 20. Dezem­ber 2011 – B 4 AS 9/​11 R

  1. vgl nur BSG, Urteil vom 22.03.2010, SozR 4–4200 § 22 Nr 38[]
  2. BSG, Beschluss vom 16.05.2007 – B 7b AS 40/​06 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 4 RdNr 9; BSG, Urteil vom 19.09.2008 – B 14 AS 54/​07 R, RdNr 19, FEVS 60, 490, 494; BSG, Urteil vom 16.12.2008 – B 4 AS 49/​07 R, BSGE 102, 194 ff = SozR 4–4200 § 22 Nr 16, RdNr 26; BSG, Urteil vom 22.03.2010 – B 4 AS 62/​09 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 38 RdNr 13[]
  3. BSG, Urteil vom 15.04.2008 – B 14/​7b AS 58/​07 R, SozR 4–4200 § 9 Nr 5 RdNr 36[]
  4. vgl nur BSG, Urteil vom 22.03.2010 – B 4 AS 62/​09 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 38 RdNr 13[]
  5. vgl BSG, Urteil vom 19.02.2009 – B 4 AS 30/​08 R, BSGE 102, 263 = SozR 4–4200 § 22 Nr 19[]
  6. vgl BSG, Urteil vom 06.04.2011 – B 4 AS 12/​10 R[]
  7. BSG, Urteil vom 22.03.2010 – B 4 AS 62/​09 R, SozR 4–4200 § 22 Nr 38; Urteil vom 17.06.2010 – B 14 AS 58/​09 R, BSGE 106, 190 = SozR 4–4200 § 22 Nr 41[]
  8. BSG, Urteil vom 17.06.2010 – B 14 AS 58/​09 R, BSGE 106, 190 = SozR 4–4200 § 22 Nr 41; Urteil vom 23.11.2011 – B 14 AS 121/​10 R[]