Auskunftsverlangen des Grundsicherungsträgers

Fehlt es an einer Rechts­grund­la­ge, kann der Grund­si­che­rungs­trä­ger kei­ne Aus­kunft ver­lan­gen. Wenn – wie im hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall – eine Frau für sich und ihre Kin­der Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts bean­tragt hat wäh­rend die Part­ner­schaft mit ihrem Mann nicht mehr exis­tiert, kann der Grund­si­che­rungs­trä­ger daher nicht auch von dem Mann Aus­kunft ver­lan­gen. Auch ein u.a. voll­stän­dig aus­ge­füll­tes und unter­schrie­be­nes Antrags­for­mu­lar für den Bezug von SGB II-Leis­tun­gen kann daher von dem Mann nicht ein­ge­for­dert wer­den.

Die Vor­aus­set­zun­gen des § 60 Abs 4 SGB II, auf den das Job­cen­ter sein Aus­kunfts­be­geh­ren stüt­zen möch­te, lie­gen nach dem Urteil des Bun­des­os­zi­al­ge­richts in einem sol­chen Fall nicht vor, das Job­cen­ter konn­te von dem Klä­ger kei­ne Aus­kunft ver­lan­gen, weil die Grund­vor­aus­set­zung für die Anwen­dung die­ser Norm – das Vor­lie­gen einer Part­ner­schaft gemäß § 7 Abs 3 Nr 3 SGB II – nicht gege­ben war – nach den Fest­stel­lun­gen hat zwi­schen dem Klä­ger und Frau S bereits seit Dezem­ber 2006 eine Lebens­ge­mein­schaft nicht mehr bestan­den.

Ent­ge­gen der Mei­nung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts 1 konn­te das Vor­ge­hen des beklag­ten Job­cen­ters auch nicht nach­träg­lich von § 60 Abs 4 auf § 60 Abs 2 SGB II gestützt wer­den. Inso­fern lagen weder die Vor­aus­set­zun­gen für ein sog „Nach­schie­ben von Grün­den” vor, noch konn­te die Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­akts durch eine Umdeu­tung nach § 43 SGB X erreicht wer­den.

So haben zwar die Sozi­al­ge­rich­te die Recht­mä­ßig­keit von Ver­wal­tungs­ak­ten unter jedem recht­li­chen Gesichts­punkt zu prü­fen 2. Gegen­stand der gericht­li­chen Prü­fung ist aber den­noch nur der jeweils erlas­se­ne Ver­wal­tungs­akt und nicht irgend­ei­ne ande­re Ent­schei­dung, die die Ver­wal­tung zur Rege­lung des kon­kre­ten Sach­ver­halts auch hät­te tref­fen kön­nen 3. Bei der gericht­li­chen Ent­schei­dung kann daher die von der Behör­de getrof­fe­ne Ent­schei­dung nur dann auf eine ande­re Rechts­grund­la­ge gestützt wer­den, wenn hier­durch der ange­grif­fe­ne Ver­wal­tungs­akt nicht in sei­nem Rege­lungs­um­fang oder sei­nem Wesens­ge­halt ver­än­dert wird oder die Rechts­ver­tei­di­gung des Betrof­fe­nen sich dadurch nicht erheb­lich erschwert 4.

Hier ist durch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt der ange­grif­fe­ne Aus­kunfts­be­scheid in sei­nem Wesens­ge­halt ver­än­dert wor­den, indem es zur Begrün­dung des Aus­kunfts­ver­lan­gens des Beklag­ten auf § 60 Abs 2 SGB II statt auf § 60 Abs 4 SGB II abge­stellt hat. Eine unzu­läs­si­ge Wesens­ver­än­de­rung ist ins­be­son­de­re dann anzu­neh­men, wenn sich der Ver­wal­tungs­akt mit der im gericht­li­chen Ver­fah­ren „nach­ge­scho­be­nen” Begrün­dung nach sei­nen Vor­aus­set­zun­gen, sei­nem Inhalt und sei­ner Wir­kung wesent­lich von dem ursprüng­li­chen Ver­wal­tungs­akt unter­schei­det 5. Wird ein Ver­wal­tungs­akt auf eine ande­re Rechts­grund­la­ge gestützt, so ist eine Wesens­än­de­rung dann zu beja­hen, wenn die neue Rechts­grund­la­ge ande­ren Zwe­cken dient. Eine Wesens­än­de­rung kann inso­weit nur dann ver­neint wer­den, wenn die neu her­an­ge­zo­ge­ne Vor­schrift den­sel­ben Zwe­cken dient und auf den­sel­ben Sach­ver­halt abstellt 6.

Die durch den Aus­tausch der Rechts­grund­la­ge ein­ge­tre­te­ne Wesens­ver­än­de­rung ergibt sich hier schon dar­aus, dass § 60 Abs 2 SGB II ande­ren Zwe­cken dient als die ursprüng­lich her­an­ge­zo­ge­ne Rege­lung in § 60 Abs 4 SGB II. Die Aus­kunfts­ver­pflich­tung nach der letzt­ge­nann­ten Norm beruht auf der Annah­me einer Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft zwi­schen zwei Part­nern, dage­gen setzt die Anwen­dung von § 60 Abs 2 SGB II ein Unter­halts­rechts­ver­hält­nis vor­aus. Wäh­rend die Aus­kunfts­ver­pflich­tung als Part­ner sich unmit­tel­bar auf die Fest­stel­lung des Leis­tungs­an­spruchs und ggf des­sen Höhe aus­wirkt, besteht der Zweck der Aus­kunfts­pflicht nach § 60 Abs 2 SGB II nicht in ers­ter Linie in der Beschrän­kung oder dem Aus­schluss des SGB II-Leis­tungs­an­spruchs, son­dern berührt die­sen nur mit­tel­bar. Die Fest­stel­lung der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se dient viel­mehr der Prü­fung von Unter­halts­ver­pflich­tun­gen, um ent­we­der auf die gericht­li­che Durch­set­zung von Unter­halts­an­sprü­chen im Wege der Selbst­hil­fe zu ver­wei­sen oder einen Erstat­tungs­an­spruch nach § 33 SGB II gel­tend zu machen 7.

Aus den Absät­zen 2 und 4 des § 60 SGB II erge­ben sich zudem unter­schied­li­che Aus­wir­kun­gen auf den kon­kre­ten Umfang der von dem Trä­ger benö­tig­ten und vom Aus­kunfts­pflich­ti­gen zu leis­ten­den Aus­künf­te. So kann der Leis­tungs­trä­ger im Rah­men unter­halts­recht­li­cher Bezie­hun­gen die Vor­la­ge von Bele­gen über die Höhe der Ein­künf­te for­dern gemäß § 60 Abs 2 Satz 3 SGB II i.V.m. § 1605 Abs 1 Satz 2 BGB. Gegen­über einem Part­ner, der selbst kei­ne Leis­tun­gen bean­tragt, kann dage­gen nach dem inso­weit kla­ren Wort­laut des § 60 Abs 4 Satz 1 Nr 1 SGB II nur die Ertei­lung von Aus­künf­ten ver­langt wer­den 8.

Dar­über hin­aus lie­gen auch die Vor­aus­set­zun­gen für eine Umdeu­tung des Ver­wal­tungs­ak­tes im Sin­ne des § 43 SGB X zur Ver­mei­dung einer Auf­he­bung der ange­grif­fe­nen Beschei­de nicht vor. Die Umdeu­tung eines feh­ler­haf­ten Ver­wal­tungs­akts in einen ande­ren Ver­wal­tungs­akt setzt vor­aus, dass der Ver­wal­tungs­akt, in den umge­deu­tet wird, auf das glei­che Ziel gerich­tet ist, von der erlas­sen­den Behör­de in der gesche­he­nen Ver­fah­rens­wei­se und Form recht­mä­ßig erlas­sen wer­den könn­te und die Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass die­ses Ver­wal­tungs­ak­tes erfüllt sind. Dabei sind die Grund­sät­ze des § 43 SGB X auch im gericht­li­chen Ver­fah­ren anwend­bar 9.

Eine Umdeu­tung schei­det vor­lie­gend jeden­falls des­halb aus, weil der Ver­wal­tungs­akt als Ergeb­nis der Umdeu­tung von dem Beklag­ten in der vor­lie­gen­den Form nicht recht­mä­ßig hät­te erlas­sen wer­den kön­nen (§ 43 Abs 1 SGB X). Eine Umdeu­tung kann nicht vor­ge­nom­men wer­den, wenn der Ver­wal­tungs­akt, in den umge­deu­tet wird, feh­ler­haft bleibt. In die­sem Fall kommt nur die Auf­he­bung in Betracht. So liegt der Fall hier. Der Umfang der anfangs von dem Beklag­ten begehr­ten Aus­kunft ist bereits im Rah­men des Wider­spruchs- und dem sich dar­an anschlie­ßen­den Kla­ge­ver­fah­ren vor dem Sozi­al­ge­richt 10 erheb­lich beschränkt wor­den. Geblie­ben ist aller­dings die Auf­for­de­rung an den Klä­ger, ein voll­stän­dig aus­ge­füll­tes und unter­schrie­be­nes Antrags­for­mu­lar ein­zu­rei­chen. Eine Rechts­grund­la­ge hier­für ist nicht ersicht­lich, denn der Klä­ger selbst hat kei­ne Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach dem SGB II bean­tragt. Auch hat weder die Mut­ter der gemein­sa­men Kin­der, Frau S, Leis­tun­gen für den Klä­ger bean­tragt, noch besteht vor dem Hin­ter­grund des Bestrei­tens der Vor­aus­set­zun­gen einer Bedarfs­ge­mein­schaft Raum für eine ver­mu­te­te Bevoll­mäch­ti­gung 11.

Der Klä­ger ist auch nicht als Antrag­stel­ler und des­halb zur Mit­wir­kung Ver­pflich­te­ter nach § 60 SGB I zur ergän­zen­den Anwen­dung der §§ 60 ff SGB I im Rah­men des SGB II anzu­se­hen 12, weil er – nach Auf­fas­sung des Beklag­ten – einer Bedarfs­ge­mein­schaft mit der Zeu­gin S und den drei gemein­sa­men Kin­dern ange­hört. Ansprü­che der Bedarfs­ge­mein­schaft als sol­cher gibt es nicht, Anspruchs­in­ha­ber ist viel­mehr jeder Ein­zel­ne 13. Gegen sei­nen Wil­len kann auch ein Anspruchs­in­ha­ber nicht zum Antrag­stel­ler wer­den.

Es war nicht zu ent­schei­den, ob der Beklag­te die im Bescheid auf­ge­führ­ten wei­te­ren Unter­la­gen und Nach­wei­se in recht­mä­ßi­ger Wei­se anfor­dern konn­te. Da der Ver­wal­tungs­akt ins­ge­samt auf­zu­he­ben war, kam eine gel­tungs­er­hal­ten­de Reduk­ti­on im Rah­men der Umdeu­tung bei dem Aus­kunfts­be­geh­ren nach § 60 SGB II nicht in Betracht. Bereits bei der frü­he­ren Sozi­al­hil­fe war all­ge­mein aner­kannt, dass – sei­ner­zeit auf § 116 Abs 1 BSHG gestütz­te – Aus­kunfts­ver­lan­gen regel­mä­ßig als ein­heit­li­che Ver­wal­tungs­ak­te anzu­se­hen waren, bei denen eine Teil­rechts­wid­rig­keit grund­sätz­lich aus­schied 14. Für die Aus­kunfts­ver­pflich­tung im Rah­men des SGB II kann in der Regel nichts ande­res gel­ten, Grün­de für eine aus­nahms­wei­se anzu­neh­men­de Teil­rechts­wid­rig­keit sind hier nicht ersicht­lich.

Wei­te­re Rechts­grund­la­gen, auf die das Aus­kunfts­be­geh­ren in recht­mä­ßi­ger Wei­se hät­te gestützt wer­den kön­nen, exis­tie­ren nicht. Dies gilt ins­be­son­de­re für § 99 SGB X. Es kann vor­lie­gend dahin­ge­stellt blei­ben, ob § 99 SGB X als Rechts­grund­la­ge schon des­halb aus­schei­det, weil es sich beim SGB II nicht um einen Bestand­teil der Sozi­al­ver­si­che­rung han­delt 15. Zumin­dest für die Aus­kunfts- und Mit­wir­kungs­pflicht Drit­ter stellt sich die Fra­ge nach der Anwend­bar­keit des § 99 SGB X nicht, da § 60 SGB II die Ein­ho­lung der zur Durch­füh­rung des SGB II benö­tig­ten Aus­künf­te Drit­ter abschlie­ßend regelt.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 24. Febru­ar 2011 – B 14 AS 87/​09 R

  1. LSG Ber­lin-Bran­den­burg – L 32 AS 1865/​08[]
  2. vgl. BSGE 87, 8, 11 = SozR 3–4100 § 152 Nr 9[]
  3. Kischel, Fol­gen von Begrün­dungs­feh­lern, 2004, S. 189 f[]
  4. vgl. zum soge­nann­ten Nach­schie­ben von Grün­den grund­le­gend: BVerwG, Beschluss vom 24.9.1953, BVerw­GE 1, 12; BSG, Urteil vom 16.12.2008 – B 4 AS 48/​07 R, FEVS 60, 546; BSG, Urteil vom 25.4.2002 – B 11 AL 69/​01 R[]
  5. vgl. BSG, Urteil vom 29.9.1987 – 7 RAr 104/​85, Soz­Sich 1988, 373; BSG, Urteil vom 22.9.1981 – 1 RA 109/​76, SozR 1500 § 77 Nr 56[]
  6. vgl. Kopp/​Schenke, VwGO, 16. Aufl. 2009, § 113 RN 65 und 67[]
  7. vgl. Estel­mann, SGB II, Stand Febru­ar 2005, § 60 RN 5[]
  8. vgl. San­der, GK-SGB II, Stand August 2008, § 60 RN 62; Blüg­gel in Eicher/​Spellbrink, SGB II, 2. Aufl. 2008, § 60 RN 31a; U. May­er in Oestrei­cher, SGB II/​SGB XII, Stand Sep­tem­ber 2009, § 60 SGB II RN 28; BVerw­GE 92, 330 sowie BGH, NJW 1986, 1688[]
  9. so zuletzt BSG, SozR 4–1500 § 77 Nr 1[]
  10. SG Neu­rup­pin – S 17 AS 345/​08[]
  11. vgl. auch BSG, Urteil vom 27.2.2008 – B 14 AS 23/​07 R, dort aller­dings zum Meist­be­güns­ti­gungs­prin­zip[]
  12. vgl. BSG, Urteil vom 19.9.2008 – B 14 AS 45/​07 R, BSGE 101, 260 = SozR 4–1200 § 60 Nr 2 und Urteil vom 19.2.2009 – B 4 AS 10/​08 R[]
  13. vgl. nur BSGE 97, 217 = SozR 4–4200 § 22 Nr 1, jeweils RN 12[]
  14. vgl. BVerw­GE 91, 375; Baye­ri­scher Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, Beschluss vom 18.4.2005 – 12 Cs 04.3362; Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Lüne­burg, Urteil vom 8.4.1992 – 4 L 57/​90[]
  15. vgl. § 4 Abs. 2 SGB I; zur Nicht­an­wend­bar­keit des § 99 SGB X im Arbeits­för­de­rungs­recht: BSG, Urteil vom 16.8.1989 – 7 RAr 82/​88, SozR 4100 § 144 Nr 1 S 2; für die ergän­zen­de Her­an­zie­hung der §§ 98 ff SGB X dage­gen Voelz­ke in Hauck/​Noftz, SGB II, Stand 2009, § 60 RN 7[]